Julian Steckel

Denkender Ausdrucksmusiker

Mit dem Ersten Preis beim ARD-Musikwettbewerb gelang ihm der große Coup. Seitdem befindet sich die Karriere von Julian Steckel mächtig im Aufwind. Gerade hat der Cellist seine erste CD mit Orchester vor ­ge ­legt. Norbert Hornig sprach mit dem Musiker über Erfolg und die Feuerproben einer noch jungen Karriere.

(Foto: Marco Borggreve/PR)
<i>(Foto: Marco Borggreve/PR)</i>

Musikwettbewerbe sind eine heikle Sache: Wohl dem, der die Palme mit nach Hause nehmen darf. Im vergangenen Jahr war Julian Steckel unter den Glücklichen. Er gewann beim ARD-Musikwettbewerb in München den Ersten Preis. Ein Voll ­tref ­fer für den jungen Cellisten, denn dieser Wettbewerb ist etwas wert in der Musikszene. Oft wurden in der Vergan ­genheit gar keine Ersten Preise vergeben, an das künstlerische Niveau wollte man nie Zugeständnisse machen.

Mit diesem Erfolg endete für Julian Steckel eine regelrechte »Wettbe ­werbs ­karriere«. Natürlich hatte der heute 29-Jährige bereits früh bei »Jugend musiziert« teilgenommen. 2003 gewann er den Deutschen Musikwettbewerb, und in den folgenden Jahren platzierte er sich beim Casals-, Rostropowitsch- und Feuermann-Wettbewerb ganz vorn. »Ich habe mich aber nie als ein Wettbe ­werbs ­typ gesehen, weil ich das nicht wollte«, meint Steckel. »Denn bei vielen Wett ­bewerben gewinnen eher die stromlinienförmigen Typen. Für mich war dieser Weg dennoch sehr wichtig und richtig. Die Meinung, die man von einer zwölfköpfigen Fach ­jury bekommt, ist schon bedeutend. Wenn man die Politik und Strategie, die eventuell auch hinter einem Urteil stecken kann, einmal vergisst ... Es ist schon eine Art Feuerprobe. Natürlich macht man die so genannte große Karriere nicht allein mit einem Wettbewerb. Aber die Konzerte und Verbindungen, die mir der ARD-Wett ­bewerb gebracht hat, hätten sich auf anderem Weg so nicht ergeben. Ich bin eben nicht der Typ, der Dirigenten nach einem Konzert auflauert, um ihnen vorzuspielen und so Aufmerksamkeit zu erregen.«

(Foto: Marco Borggreve/PR)
<i>(Foto: Marco Borggreve/PR)</i>

Rückblickend ergibt für Julian Steckel nun alles Sinn, die langen Jahre harter Arbeit, das Überwinden von Frustra ­tio ­nen und Rückschlägen. Darunter auch dieser Unfall: Im Sommer 2005 hatte sich Steckel bei einer übermütigen Fahrt mit dem Motorradroller eines Freun ­des, die an einer Hauswand abrupt und schmerzhaft endete, das linke Handge ­lenk kompliziert gebrochen. Die Folgen waren einschneidend, eine geplante CD-Aufnahme, bereits terminierte Konzerte und weitere Wettbewerbspläne waren plötzlich nicht mehr realisierbar. Eine ernsthafte Verletzung ist der Albtraum eines Musikers, tief saß auch bei Julian Steckel der Schock. Eine frustrierende Auszeit mit Schiene, Gips und Physio ­therapie begann. Steckel machte das Beste daraus, las Bücher, besuchte Freun ­de – und hoffte. Denn die bange Frage, ob er zur alten Form zurückfinden würde, war allgegenwärtig und bedrückend.

Etwa ein Jahr dauerte es, bis er sein Cello wieder beherrschte wie in alten Tagen – und dann schließlich in Mün ­chen über sich hinauswuchs und mit einem Ersten Preis belohnt wurde. »Auch ein Misserfolg zur rechten Zeit, auch Scheitern gehört zum Leben«, resümiert Steckel rückblickend. »Man kann nicht immer nur gewinnen, das muss man auch lernen. Und Ehrgeiz entwickelt man auch dadurch, dass man es manchmal nicht schafft. Bei Wettbewerben etwa haben vor allem diejenigen Proble ­me, die zu viel von einem Erfolg abhängig machen und Karriere über alles stel ­len. Sie machen sich den größten Druck selbst und beherzigen zu wenig die olympische Idee des ,Dabeisein ist alles´. Dann mit einem Zweiten oder Dritten Preis klarzukommen, fällt natürlich schwer«.

(Foto: Marco Borggreve/PR)
<i>(Foto: Marco Borggreve/PR)</i>

Julian Steckel war ein Glückskind, denn er hatte von Anfang an die richtige Füh ­rung und fähige Lehrer, die nicht nur das technische Rüstzeug kompetent vermittelten und die Liebe zur Musik förderten, sondern ihren Schüler auch vor falschem Ehrgeiz bewahrten. Musik gehörte im Hause Steckel zur Norma ­lität, die Mutter unterrichtete Klavier, der Va ­ter war Schulmusiker, auch die Ge ­schwis ­ter spielten Instrumente. Den Wunsch, Cello zu spielen, äußerte Julian schon mit drei Jahren. Zwei Jahre musste er sich noch gedulden, bis ihn schließlich Ulrich Voss in Saarbrücken in seine Obhut nahm. Elf Jahre lang lenkte Voss die Entwicklung des begabten Jungen in die richtigen Bahnen. »Ohne ihn wäre ich nicht dort, wo ich heute bin«, sagt Steckel rückblickend und dankbar. Ka ­pazitäten wie Gustav Rivinius, Boris Pergamenschikow, Heinrich Schiff und zuletzt Antje Weithaas waren dann die Lehrer, bei denen er sein Spiel perfektionierte und den künstlerischen Horizont weitete.

Bei Antje Weithaas an der Hochschule für Musik Hanns Eisler in Berlin wird Julian Steckel in diesem Jahr auch sein Konzertexamen ablegen. Bei einer Gei ­ge ­rin? »Das zeichnet eben einen wirklich guten Lehrer aus – dass er technisch und künstlerisch übergreifend unterrichten kann«, meint Julian Steckel. »Überhaupt habe ich diese Vollendung, wie man sie bei guten Geigern erleben kann, diese unglaubliche Eleganz und Brillanz, immer sehr bewundert. Dem nachzueifern lohnt sich auch für jeden Cellisten.«

(Foto: Marco Borggreve/PR)
<i>(Foto: Marco Borggreve/PR)</i>

Mit über 70 Konzerten ist Steckel in der laufenden Saison sehr gut beschäftigt. Seine Solokarriere hat durch den Wett ­bewerbserfolg deutlich an Fahrt gewonnen. Doch auch als leidenschaft ­licher Kam ­mer ­ ­musiker ist er immer wieder unterwegs und tritt gern bei Festi ­vals mit Mu ­sikerkollegen auf. Für Ste ­ckel gehören Solospiel und Kammermusik untrennbar zusammen: »Als Solist kommt man gerade über die Kammermusik zu mehr Kommunikation mit dem Or ­ches ­ter. Beides schließt sich also keineswegs aus. Kammermusik wird in der öffentlichen Wahrnehmung zwar weniger wich ­tig als das Solospiel eingeschätzt. Diese Berei ­che zu trennen ist aber nicht mehr zeitgemäß und auch nicht sinnvoll.«

2005 war Steckel zum ersten Mal beim hochkarätig besetzten Kammer ­musik ­fest »Spannungen« in Heimbach zu Gast. Er wirkte dort unter anderen mit Chris ­tian Tetzlaff, Isabelle Faust, Stefan Dohr und François Leleux in Werken von Mo ­zart und Brahms mit. Diese Auffüh ­run ­gen sind als Live-Mitschnitte bei CAvi-music erschienen. Für das Label spielte Steckel zusammen mit Paul Rivinius dann eine CD mit Werken für Cello und Klavier von Felix Mendelssohn ein, die zum 200. Geburtstag des Kom ­ponisten erschien. Enthusiastisch, mit einem Ton, der eine große Palette von farblichen und dynamischen Varianten kennt, zeichnet Steckel ein mitreißend lebendiges Mendelssohn-Bild.

Als aktuelle Neueinspielung liegt jetzt eine erste Aufnahme mit Orchester vor, die mit einer wohlüberlegten und nicht alltäglichen Werkzusammenstellung auf ­ ­wartet. Erich Wolfgang Korngold, Ernest Bloch und Berthold Gold ­schmidt: das Programm stellt gänzlich unterschied ­liche Werke von drei Kompo ­nis ­ten jüdischer Herkunft ge ­genüber, die dem Natio ­nalsozialismus entfliehen mussten und emigrierten. »Hier wird ein großes The ­ma des letzten Jahrhun ­derts berührt, das mich immer sehr interessiert hat«, erklärt Ju ­lian Steckel. Aus Korn ­golds einsätzigem Cellokonzert hört man, wie schon in seinem Violinkon ­zert, den Hollywood-Filmkomponisten heraus. Auf ganz andere Art charakteristisch klingt Blochs »hebräische Rhapsodie« »Schelomo«, die auf alttestamentarische Quellen Bezug nimmt. Das Werk gehört zum festen Repertoirebestand der Cel ­listen. Ganz im Gegensatz zu Gold ­schmidts Cellokonzert von 1953, einer Rarität, die trotz diverser Querver ­bin ­dungen zu Bach vergleichsweise »modern« klingt.

Dass Julian Steckel diese drei Werke viel bedeuten, teilt sich unmittelbar mit, vor allem durch die Intensität seiner Tongebung. Da bohrt und glüht es, ganz besonders bei Bloch. Steckel ist ein denkender Ausdrucksmusiker, dem man abnimmt, wenn er sagt: »Ich liebe Musik über alles. Sie gibt mir Freude, sie hat mich mit fantastischen Menschen zusammengebracht und mir wunderbare Erlebnisse beschert. Sich über Musik zu artikulieren und sich anderen Men ­schen mitzuteilen ist etwas Wunderbares.« Das will er demnächst auch seinen Studenten an der Hoch ­schu ­le für Musik und The ­a ­ter in Rostock vermitteln, wo er im Som ­mer eine Cello ­professur antreten wird.

Professor mit 29 Jah ­ren? »Junge Pro ­fes ­soren an Musikhochschulen sind kein neues Phänomen«, erklärt Steckel. »Boris Pergamenschikow und Heinrich Schiff waren Professoren mit Mitte 20, Tabea Zimmermann war noch jünger. Es ist eine Typfrage, ob man den Drang dazu spürt. Dem einen liegt es, dem anderen nicht. Eine Pro ­fessur bekommt man nicht geschenkt. Ich musste mehrere Stunden zur Probe unterrichten, und es gab Konkurrenz. Was mich am Un ­ter ­richten vor allem reizt, ist die Frage: Was muss ich tun, damit das, was ich will, am Ende auch herauskommt?« In Rostock kann Steckel jetzt eine Celloklasse ganz neu aufbauen. »Mir ist klar, dass dies eine große Aufgabe ist. Dem Unterrichten sehe ich mit Enthu ­siasmus entgegen, vor allem was die Ver ­mittlung der Grund ­lagen anbelangt. Für meinen eigenen Weg war das ganz entscheidend.«


Interpret aus der Ausgabe Juli 2011