Vom Wunsch nach Grandiosität

Profimusiker müssen sich ganz spezifischen Anforderungen in ihrem Beruf stellen. Vom verklärten Bild des Künstlers bleibt dabei wenig übrig. Leistungsdruck, Stress und schlechte Arbeitsbedingungen sind gefährlich und werden häufig mit Medikamenten und Alkohol unterdrückt. Rick Jacobsen berichtet über Substanzmissbrauch bei Berufsmusikern.

Für viel Beachtung sorgte vor einigen Jahren der Hornist Klaus Wallendorf, als er in dem Film »Trip To Asia« offen über die beruhigende Wirkung von »ein bis zwei« Bie ­ren vor dem Auftritt sprach. Hatte jemals zuvor ein Musiker so ehrlich vor der Kamera über Alkohol am Arbeitsplatz gesprochen? Das Fachblatt »Das Orchester« fragte dann im Som ­mer 2010: »Sucht – Ein Thema im Orchester?«, und Anfang 2011 be ­schrieb »Der Spiegel« das »Elend im Orchestergraben«, nach ­dem bereits der »Focus« vor langer Zeit »Beethoven auf Beta ­blo ­ ­cker« setzte. Unlängst statteten auch »ZEIT«-online und der »Tagesspiegel« einen »Krankenbesuch bei der Klassik« ab, beschrieben Missstände im Be ­trieb, berichteten über die Nöte von Musikern, auch in Zusammenhang mit dem Missbrauch von Substanzen. Doch woher tönen die angeblichen Not ­signa ­le? Und inwieweit ist der Miss ­brauch von Substanzen tatsächlich ein musikerspezifisches Problem? Darf man überhaupt so fragen?

Der Mediziner und Coach Dr. Michael Bohne glaubt nicht, dass Berufsmusiker tatsächlich stärker betroffen sind als andere Berufsgruppen: »Es gibt keine verlässlichen Daten.« Und Prof. Dr. med. Eckart Altenmüller, der in Hannover das Institut für Musikphysiologie und Musiker ­me ­dizin leitet, warnt davor, mit derartigen Fragestellungen einen ganzen Berufsstand vorzuverurteilen: »Zunächst einmal ist das nur eine Behauptung, ein Stereotyp; etwa das, dass Musiker trin ­ ­ken, um sich zu beruhigen.« Dass die epidemiologische Häu ­fig ­keit von generellem Substanzmissbrauch bei Musikern schwer abzuschätzen ist, sagt auch die Fachärztin für Psycho ­so ­ma ­tische Medizin Prof. Dr. med. Claudia Spahn vom Frei ­burger Institut für Mu ­si ­ker ­medizin: »Insgesamt liegen keine aktuellen und verlässlichen Studienzahlen für Berufsmusiker vor.« Ein spezielles Problem für professionelle Musiker existiert demnach nicht und ist offenbar an den Haaren herbeigezogen?

Betarezeptorenblocker, kurz Betablocker genannt, hemmen im Körper die Wirkung von Stresshormonen wie Noradrenalin und Adrenalin und senken die Ruheherzfrequenz und den Blutdruck. (Foto: Ullsteinbild)
Betarezeptorenblocker, kurz Betablocker genannt, hemmen im Körper die Wirkung von Stresshormonen wie Noradrenalin und Adrenalin und senken die Ruheherzfrequenz und den Blutdruck. (Foto: Ullsteinbild)

»Der heutige Musikerbetrieb ist zu professionalisiert, den Missbrauch von Substanzen können sich Musiker nicht mehr erlauben«, sagt Eckart Altenmüller und betont, dass Drogen die Leistungen von Musikern erheblich einschränken. Bei ­spiels ­wei ­se beeinträchtigen Alkohol, Marihuana und Kokain das Gedächtnis, die Wahrnehmung von Emotionen sowie die Re ­aktionsfähigkeit der Musiker während eines Auftritts extrem. Für solch eine »stoned music« will niemand bezahlen, und die Künstler werden sich davor hüten, es sich mit dem Publikum im Saal und ihren Kollegen auf der Bühne zu verscherzen.

»Aufputscher«, wie im Sport, gibt es laut Altenmüller nicht. Betarezeptorenblocker, die unter Musikern weit verbreitet sein sollen – auch das lässt sich faktisch nicht belegen – gehören für Altenmüller nicht dazu. Die Arznei hemmt im Körper die Wir ­kung von Stresshormonen wie Noradrenalin und Adre ­na ­lin, senkt die Ruheherzfrequenz und den Blutdruck. In manchen Sportarten, bei denen Ruhe und Präzision vorausgesetzt werden, ist die Einnahme nicht erlaubt, da das verschreibungspflichtige Medikament als leistungssteigernde Substanz auf der Dopingliste steht.

Oft hängen ganze Existenzen und Karrieren von einem einzigen Augenblick ab

Altenmüller betrachtet die Einnahme von Betare ­ ­zeptoren ­blo ­ckern jedoch differenziert: »Ganze Existenzen und Le ­bens ­läufe von talentierten Musikern sind zusammengebrochen, weil sie ihre Leistung im entscheidenden Mo ­ment nicht auf den Punkt bringen konnten«, etwa bei Wettbewerben, Aufnah ­me ­prü ­fungen und Orchesterprobevorspielen oder vor dem ersten großen Solo im neuen Orchester innerhalb der Probezeit. »Letztendlich ist die Entscheidung, ob ein Betablocker eingesetzt werden sollte, eine ärztlich-therapeutische Entscheidung. Die Dis ­kussion sollte nicht moralisch geführt werden, sondern sich sachlich an der Lebens ­situation der Musiker orientieren. Ins ­besondere sollte man keine Schuldgefühle induzieren«, sagt Altenmüller.

So können Betablocker oder auch Beruhi ­gungs ­mittel (Tran ­quilizer), die wiederum bestimmte Neurotransmitter im Ge ­hirn hemmen, vorübergehend Angstzustände ausschalten. Gleichzeitig warnt Altenmüller jedoch vor einem selbstverständlichen und regelmäßigen Gebrauch. Er weiß, wie wichtig es ist, dass Betroffene ohne medikamentöse Unterstützung ebenfalls in der Lage sind, sich ihrer Angst zu stellen und diese zu überwinden. Dabei können sich Betroffene auch von Coa ­ches und Mediatoren unterstützen lassen. Der Arzt und Coach Michael Bohne lehnt die Empfeh ­lung für Betare ­zepto ­ren ­blo ­cker grundsätzlich ab: »Es gibt viel bessere Techniken, um mit Auftrittsängsten, Angespanntheit und Nervosität fertig zu werden«, sagt er und verweist auf Tech ­niken aus der Hypno ­the ­ra ­pie, spezielle Selbstwert ­trainings sowie die so genannte Pro ­zess- und Embodimentfokussierte Psychologie (PEP). Solche Tech ­niken werden auch von Sport ­lern genutzt, um ihre Leistungen verlässlicher abzuliefern.

Was aber sind mögliche Ursachen, die Musiker dazu verleiten, durch die Einnahme von Substanzen eigene Defizite zu bekämpfen oder schwer erträgliche Situationen für den Moment zu erleichtern? Ist es alleine der immense Druck, ein hohes künstlerisches Niveau zu erreichen? Sind beispielsweise Alko ­hol, Medikamente und andere Drogen nötig, um den perfektionistischen Erwartungen auf dem Podium oder im Or ­chestergraben gerecht zu werden?

Dr. med. Claudia Spahn ist Fachärztin für Psychosomatische Medizin und leitet das Freiburger Institut für Musikermedizin. Sie kümmert sich unter anderen um Instrumentalisten mit kör ­perlichen und psychischen Beschwerden: »Suchtprobleme waren in meiner Sprechstunde durchweg sekundär aufgetreten, zum Beispiel zur Bewältigung von Auftrittsängsten, spieltechnischen Überforderungen oder Depressionen, nicht aber als primäre Alkoholabhängigkeit.« Essentieller Tremor gehört ebenfalls zu den Krankheitsbildern, welche zu Alkohol verleiten, da Alkohol den Tremor mildert. Die Ärztin weiß, dass gerade Alkohol negatives Erleben und Angst dämpft. Gleichzeitig warnt aber auch sie davor, durch Einzelfälle ein falsches Ge ­samt ­bild zu initiieren. »Gerade in der Berichterstattung spielt die Faszination am Elend eine große Rolle. Aber die individuellen Faktoren der Suchtgefährdung sind bei Musikern nicht größer als bei anderen Menschen auch.« Genaue Häufigkeiten sind auch ihr nicht bekannt, aber das Problem sei relevant, und sie verweist auf das wachsende Interesse und den Zulauf an Kursen, in denen Musiker Hilfe suchen, um mit den genannten Problemen besser umgehen zu können: »Musiker brauchen Pflege, benötigen Unterstützung und Lösungen für ihre Pro ­b ­le ­me. Nicht der Beruf selbst, sondern der Umgang mit dem Beruf kann in die Sucht führen.«

Prof. Dr. med. Helmut Möller unterstützt die Aussagen seiner Freiburger Kollegin. Er ist Psychiater am Ber ­liner Kurt-Singer-Institut für Musikergesundheit und kennt das Arbeits ­umfeld von Berufsmusikern ebenfalls sehr gut: »Profimusiker werden bereits in jungen Jahren nach strengen Regeln sozialisiert.« Er nennt die häufigsten Risiken in der So ­zialisation zum Musiker: »Der frühe Wechsel zwischen Unter- und Überfor ­derung in der Persönlich ­keits ­ent ­wicklung ist oftmals mit den Folgen eines mangelhaften Vertrauens in die eigenen Fähigkeiten verbunden.« Hinzu kommt die hohe Belastung in der Ausbildung durch die Abhängigkeit von den Lehrern, Leistungskontrollen und negativer Konkurrenz durch die vermeintlich besseren und begabteren Kommilitonen. Gleichzeitig blicken die Studierenden in eine unsichere berufliche Zukunft. Ihre Bemühungen werden stets von der Frage begleitet, ob sie jemals davon leben werden können.

Ob in der Ausbildung oder im späteren Berufsleben: Mu ­si ­ker sind ihrem eigenen Anspruch auf Perfektion ausgeliefert und unterliegen – vor allem in Orchestern – häufig dem Ein ­fluss einer Mitgestaltung. Fachleute wie Möller nennen das »high demand/low decision«. Zu guter Letzt stellt der Arzt einen chronischen Konflikt zwischen Wunsch und Realität hinsichtlich einer musischen Perfektion fest: »Der Wunsch nach Grandiosität beziehungsweise narzisstische Großartigkeit ist meistens schon früh mit dem Werdegang zum Musiker verknüpft, und das trifft nicht nur für Solisten zu. Auch Orches ­termusiker sind hiervon stark betroffen. Eine Gemeinschaft von Schweigern, in der jeder der Beste sein möchte«, sagt Möl ­ler. »Ein Austausch über Schwierigkeiten, Fehler oder gegenseitige Unterstützung findet kaum statt. Jeder ist für sich allein. Die Kultur des Umgangs steht im Widerspruch zur Kultur der hohen musischen Leistung. Dieses Klima ist schädlich für die Seele und fördert unter Umständen den Missbrauch von Sub ­s ­tanzen, um Stimmungen kurzfristig zu heben beziehungsweise um die geforderten Leistungen erbringen zu können. Des ­halb ist der Einstieg in den Gebrauch von Medikamenten schon früh mit der Sozialisation zum Musiker verknüpft.« Es ist jedoch noch wenig erforscht, wann und wie der Einstieg in den Gebrauch von Medikamenten entsteht und welche Faktoren zu einem suchtartigen Verhalten führen können. Ein tabuisiertes Thema, das nach Möllers Erfahrungen »dringend der Aufklärung und Unterstützung bedarf«.

»Nicht der Beruf selbst, sondern der Umgang mit dem Beruf kann in die  Sucht führen«

Ralf Pegelhoff spielt seit fast 30 Jahren als Kla ­rinettist im Niedersächsischen Staatsorchester Hannover und kennt die Welt als Orchestermusiker von innen heraus. Seit acht Jahren arbeitet er auch als Coach und Me ­dia ­tor und bietet Konfliktberatung für Einzelpersonen, Instru ­mentengruppen und Orchester an: »In vielen Klangkörpern steckt ein zu hoher Idealismus«, sagt er und bestätigt damit die Aussagen der Ärzte. »Idealismus fordert einen hohen Per ­fektio ­nismus und stachelt jeden einzelnen Musiker ganz individuell an. Die Zusammenarbeit im Team ist häufig nicht in gleichem Maß entwickelt. Es gibt Mängel durch unterschiedliche Wert ­haltungen oder künstlerische Vorstellungen, auch durch unterschiedliches Leistungsvermögen oder andere gravierende Probleme.« Werden diese lange Jahre unterdrückt und bleiben notwendige Aussprachen aus, können ernste und anhaltende Leistungsminderungen und Frustrationen in Instrumen ­ten ­gruppen entstehen: »Dabei kann in Einzelfällen auch die Gren ­ze zu Mobbing überschritten werden.« Manchmal warten Mu ­si ­ker regelrecht darauf, dass der Kollege einen Fehler begeht, auch um sich selbst als der Bessere bestätigt zu fühlen.

Zusätzlich bemängelt Pegelhoff Führungsqualitäten und stellt fest, dass es häufig keinen adäquaten Ansprechpartner gibt: »Chefdirigenten sitzen Probleme gerne aus.« Pegelhoff be ­schreibt ein Klima von latenter Aggression und Frustration in Orchestern. Druck, hohe Erwartungen und Ansprüche, aber auch mangelhafte Kommunikationsstrukturen verursachen viel Stress. Dazu kommt die hohe Identifizierung mit der Tä ­tigkeit des Musizierens; das macht verletzlich.

»Musiker sind enormen Gefühlsamplituden ausgesetzt«, meint der ehemalige Chordirektor Ulrich Paetzholdt, der heute neben Mentoring für Musiker auch Einzel- und Konfliktlö ­sung für Ensembles anbietet. Von einem Moment auf den anderen müssen sich Musiker in Zustände höchster Erregung versetzen und dabei präzise wie ein Uhrwerk funktionieren. Zuvor kommen sie aus ihrem normalen Leben mit den ganz alltäglichen Problemen, in das sie hinterher auch wieder zurückkehren. »Die ­se häufige emotionale Herausgehobenheit in Verbindung mit künstlerischer Perfektion benötigt eine gute Rückver ­bin ­dung zu sich selbst.« Ist die Stimmung am Arbeitsplatz schlecht, etwa aufgrund ungeklärter Konflikte, das Familien ­leben nicht intakt, oder trifft ein persönlicher Lebensbruch ein, besteht die Gefahr, sich auch mit riskantem Konsum von Substanzen zu besänftigen und einen Ausgleich darin zu suchen. Vor allem dann, wenn Betroffene ohnehin schon einen lockeren Umgang damit pflegen.


Den kompletten Artikel lesen Sie in der Ausgabe Juli 2011