Lampenfieber

Ich habe Angst!

Lampenfieber: lästig, aber harmlos? Rund 50 Prozent aller Berufsmusiker leiden unter der unangenehmen Plage – viele sogar so stark, dass sie sich davon in ihrer Existenz bedroht fühlen. Stephan Schwarz hat sich auf die Spur eines weit verbreiteten Phänomens begeben.

Herzrasen, Zittern, Übelkeit:  Lampenfie­ber kann das Leben zur Hölle machen. Besonders wenn es sich in  einen chronischen Zustand verwandelt.
<i>Herzrasen, Zittern, Übelkeit:  Lampenfie­ber kann das Leben zur Hölle machen. Besonders wenn es sich in einen chronischen Zustand verwandelt.</i>

Es ist, als würde man um sein Leben spielen: auf dem No ­tenblatt diese unendlich schwierige Stelle, ein exponiertes Solo in höchster Lage, und im Publikum die versammelte Kennerschaft, die das Stück schon tausend Mal gehört hat. Jeder falsche Ton – darauf kann man Gift nehmen – wird sofort identifiziert und bestraft. Noch 13 Takte bis zum Ein ­satz. Schon längst rinnt der Schweiß von der Hornisten ­stirn, die Wangen sind gerötet, das Herz rast. Fünf Takte später beginnen die Knie zu zittern. Die Lippen, mittlerweile so trocken wie die Atacamawüste am Mittag, haben sich zu einem unbeweglichen Strich zusammengezogen. Der Dirigent gibt den Einsatz für das vorbereitende Streichertremolo, jetzt sind es nur noch drei Schläge…

Lampenfieber ist ein Phänomen, das nicht nur in den künstlerischen Sphären existiert, in denen Menschen regelmäßig auf der Bühne stehen. Jeder, der in völlig unkünstlerischer Absicht schon einmal eine Rede gehalten hat – bei einem Geburtstag oder einer Hochzeit etwa –, wird die Nervo ­si ­tät kennen, das Gefühl jener Angespanntheit, das sich vor solchen Auftritten im Körper ausbreitet und nicht selten zu einer Ein ­schränkung der Redegewandtheit führt. Vor allem in den ersten Momenten fühlt man sich unwohl und hofft, dass niemand etwas von der eigenen Unsicherheit mitbekommt. Hat sich aber das Lampen ­fieber erst einmal gelegt, ist alles nur noch halb so schlimm. Spätestens wenn man zur Einsicht gelangt, dass eine Blamage vor einem nur aus Onkeln und Tan ­ten bestehenden Publikum recht unwahrscheinlich ist, kommen einem die schwitzigen Händen und die trockene Kehle im Nachhinein vielleicht sogar etwas albern vor.

Lampenfieber ein harmloses Übel? In vielen Fällen ja. Oft ist die Rede von der stimulierenden Wirkung, diesem allerletzten Kick, den es braucht, um eine überzeugende Darbietung abzuliefern. In anderen kann es aber auch die Hölle bedeuten. Enrico Caruso, dessen Lampen ­fie ­ber ­geschichten fast ebenso berühmt sind wie er selbst, litt zeit seines Lebens unter dieser Plage, die ihn nicht nur zum Kettenraucher machte, son ­dern auch dafür sorgte, dass er sich regelmäßig hinter der Bühne übergeben musste. Dem Pia ­nisten Claudio Arrau machte die Nervosität vor dem Auftritt derart zu schaffen, dass er sich einer Psycho ­analyse unterzog, während man nach den zahlreichen lampenfieberbedingten Absagen seiner Kollegin Martha Argerich beinahe die Uhr stellen kann. Doch es sind nicht nur die Größten ihres Faches, die unter störenden Symptomen zu leiden haben. Das Lampen ­fieber ist eine Seuche. Es grassiert in Orchestern und Mu ­sik ­hochschulen, auf Opernbühnen und Dirigenten ­pulten, am Klavier und an der Geige. Die Statistik verrät, dass ungefähr 50 Prozent aller Berufsmusiker davon betroffen sind.

Wer weiß, vielleicht würde Déirdre Mahkorn heute auch zu ihnen gehören, hätte sie sich damals nicht für Medizin, sondern, wie zwischenzeitlich überlegt, für das Fach Klavier ­be ­glei ­tung entschieden. Jetzt ist sie Oberärztin in der Klinik für Psy ­chia ­trie an der Uni-Klinik Bonn und leitet mit der psychiatrischen Sta ­tion ihre eigene Abteilung. Obwohl sie einer medizi ­nischen Karriere den Vorzug gegeben hat, ist ihr die Affinität zur Musik geblieben – und nicht zuletzt deshalb, weil sie mit einem Pro ­fi ­mu ­siker verheiratet ist, auch ein generelles Ver ­ständnis für die Sorgen und Nöte dieser Be ­rufs ­gruppe. Bereits seit über einem Jahr betreibt Déirdre Mahkorn eine Einrichtung, mit der sie sich gezielt an Patienten wendet, die ihren Le ­bens ­unterhalt als Musiker verdienen und alle unter demselben Problem leiden: Lampenfieber.

Seinen Ursprung hat das Wort im französischen »fièvre de rampe«, was eher »Rampenfie-ber« (oder auch »Fieber an der Ram ­pe«) bedeutet und als Begriff in der Mitte des 19. Jahr ­hun ­derts in den Thea ­ter ­jargon eingeflossen ist. Nach anderen Er ­klärungen leitet es sich von den Gaslampen ab, die auf der Büh ­ne für Erleuchtung und bei den Schau ­spie ­lern regelmäßig für Überhitzung sorgten und so einen äußerst ungünstigen Einfluss auf ihr Spiel ausübten. Bewusst hat Déirdre Mahkorn ihre Station »Lampenfie ­ber ­ambulanz« genannt, auch wenn die etwas anekdotenhaft aufgeladene Be ­zeichnung auf den ersten Blick nicht besonders wissenschaftlich klingt. Allerdings verbreitet sie auch nicht einen solchen Schrecken wie das Wort, das sie ansonsten verwendet, wenn sie auf das Phänomen zu sprechen kommt: Dann redet sie nämlich von Bühnenangst.

Foto: FF-Archiv
<i>Prominenz mit Lampenfieber: Ohne völlig durchritualisierte Vorbereitung hätte Enrico Caruso nie eine Bühne betreten können... (Foto: FF-Archiv)</i>
Foto: Alix Laveau/EMI
<i>...und auch um Martha Argerichs Lampenfieber ranken sich Legen­den. Unzählige Auftritte ließ die Pianistin deswegen schon ausfallen. (Foto: Alix Laveau/EMI)</i>

»Traditionell gehören alle Angsterkrankungen zur Domäne des Psychiaters. Die Bühnenangst wird dabei unter den Oberbegriff der ,sozialen Phobie´ eingeordnet. Bereits im Erst ­gespräch wird überprüft, inwiefern die Diagnosekriterien erfüllt sind und Begleiterkrankungen wie etwa Depression oder Sucht bereits problematisch geworden sind.« Im Gegen ­satz zum situativen Lampenfieber, das üblicherweise nur dann auftritt, wenn man bei einer nicht alltäglichen Gelegenheit in der Öffentlichkeit steht, wird Bühnenangst von den Be ­trof ­fe ­nen als dauerhafte Behinderung wahrgenommen. »Zur Er ­kran ­kung wird Lam ­pen ­fieber dann, wenn der Alltag beeinträchtigt wird, wenn sehr viel Zeit darauf verwendet wird, sich mit seiner Angst zu beschäftigen«, konkretisiert die Medi ­zi ­nerin. Eine chronische Angst also, die dem Betroffenen das Leben über Jahre hinweg schwer machen kann und in nicht wenigen Fällen sogar die Existenz bedroht.

Was dahinter steht, ist die Furcht vor negativer Bewertung in zwischenmenschlichen und sozialen Situa ­tio ­nen. Jeder, der sich in eine Ge ­sellschaft einfügen will, muss sich deren Regeln anpassen; was natürlich auch heißt, bestimmte Erwar ­tungen zu erfüllen. Wer professionell Musik betreibt, sieht sich gleich mehrfach Er ­wartungshaltungen ausgesetzt: zum einen der eines zahlenden Publi ­kums, das entscheidet, was ihm gefällt und was nicht; dann der der Mitmu ­sizierenden, die an einer reibungslosen Auffüh ­rung interessiert sind; und letzten Endes auch der eigenen – der gnadenlosesten und verhängnisvollsten von allen. Was gerade Berufsmusiker für chronische Bühnenangst anfällig macht, ist der unter ihnen weit verbreitete Hang zum Per ­fektionismus.

»Perfektionisten sind unnachgiebig und verzeihen sich nichts. Sie haben ein krasses Bewertungssystem und sind selbst bei Kleinigkeiten in hellster Aufregung.« Ein vergeigter Ton, ein verpatzter Einsatz, vom Publikum möglicherweise ungehört, können für sie den Zusammenbruch einer Welt bedeuten. Schon einmaliges Versagen führt manchmal dazu, dass die eigene Kompetenz – auch wenn sie tausendfach zuvor schon bewiesen wurde – plötzlich in Frage gestellt wird. Eine permanente Versagensangst ist die Folge, die den Betroffenen nur noch mit einem höchst unguten Gefühl auf die Bühne treten lässt. Eine Erfahrung, die auch Linda (Name von der Redaktion geändert) machen musste.

Vor Kurzem hat die 31-Jährige ihr zweites Staatsexamen bestanden. Sie hatte angefangen, Jura zu studieren, nachdem sie ihr Studium an der Musikhochschule nach einigen Semestern aufgegeben hatte. »Gott sei Dank«, sagt sie heute, und es klingt ein wenig so, als wäre sie froh, noch am Leben zu sein. Früher, sagt sie, sei ihr alles leichtgefallen. Zu Schulzeiten brachte sie nur Einsen mit nach Hause und verfolgte ansonsten mit viel Fleiß ihre zukünftige Karriere als Pro ­fimusikerin: üben, an Jugend-musiziert-Wett ­bewerben teilnehmen und gewinnen. Dass der Weg zum angestrebten Kar ­riereziel nicht nur mit Fleiß verbunden ist, musste sie feststellen, als sie sich für einen Studienplatz an der Musikhoch ­schu ­le bewarb. Bei ihrer Aufnahmeprüfung wurde ihr klar, dass die Konkurrenz besser war als angenommen. »Aufgeregt war ich früher vor Auftritten auch«, sagt sie, »aber es hat damals nie ein Normalmaß überschritten. Was ich bei meinen Auf ­nah ­me ­prüfungen erlebt habe, war To ­desangst.«

Aufnahmeprüfungen sind Schlüsselerlebnisse im Leben eines jeden Berufsmusikers, denn bei ihnen geht es um die Existenz. Wer hier versagt, hat so gut wie keine Chance mehr, in den professionellen klassischen Musikbetrieb hineinzukommen. Die ­jenigen, die sich einen der begehrten Studienplätze erspielt haben, können sich allerdings erst recht nicht bequem zurück- lehnen, denn die Ausbildung erfordert starke Nerven. Viel ­ mehr als in anderen Disziplinen findet an Musikhochschulen der Wett ­bewerb um die besten Lehrer, die besten Noten und hinter ­her um die besten Stellen in der Öffentlichkeit statt: Klas ­sen ­vorspiele, öffentliche Konzertexamen und immer der strenge, aufmerksame Blick des Lehrers über der Schulter prägen den Studienverlauf. Ist der steinige Weg zum Examen erst einmal geschafft, beginnt der Wettkampf um den besten Job – für die meisten eine Tour de Force, bei der sich Or ­chester ­pro ­bespiel an Or ­ches ­terpro ­be ­spiel reiht. Es ist, als würde man um sein Leben spielen.

Auch wer es in den Orchestergraben geschafft hat, ist damit nicht automatisch frei von Ängsten. Nicht nur als besonders ex ­ponierter Solobläser hat man ausreichend Ge ­le ­genheit, sich vor dem Publikum, seinen Kollegen und dem Diri ­genten zu blamieren. Dass Fremd- und Selbstwahrneh ­mung dabei zwei unterschiedliche Dinge sein können, wird bei einem Bewer ­tungssystem, das nur »entweder oder« kennt, gerne übersehen. »Meistens ist es so, dass Fehler von anderen gar nicht bemerkt werden«, berichtet Déirdre Mahkorn. »Bla ­ma ­gen und das damit verbundene Gefühl, von anderen negativ bewertet zu werden, finden häufig nur im Erleben des Ein ­zel ­nen statt.«

Hat sich die Versagensangst allerdings erst einmal festgesetzt, verwandelt sie sich nach und nach in eine selbsterfüllende Pro ­phezeiung. »Wenn jemand da sitzt und sich denkt ,jetzt flattert mein Ton gleich wieder´, wird genau das auch eintreten«, sagt Déirdre Mahkorn. Das ist auch kaum verwunderlich. Wie soll man auch einen geraden Ton oder eine schwierige Doppel ­griff ­passage herausbringen, wenn man sich so auf sein Gefühl der Angst konzentriert, dass sich zusätzlich zur psychischen Malaise noch körperliche Symptome wie Herzrasen, Zittern oder eine trockene Kehle hinzugesellen? Sie sind die typischen Begleiterscheinungen eines gesteigerten Lampenfiebers.

Um die Angst beiseitezuschieben, entwickelten viele Musiker im Laufe ihrer Erkrankung Vermeidungsstrategien. Wie auch Linda, die eingeschüchtert vom Können ihrer Kommilitonen immer unzufriedener mit den eigenen Leistungen wurde; einen wirklichen Anlass dazu gab es freilich nicht. Dass ihre Mit ­stu ­denten sie damals als mindestens ebenbürtig angesehen haben könnten, wäre ihr dabei im Traum nicht eingefallen. »Es war so entmutigend, dass ich mir irgendwann dachte: Was mache ich eigentlich hier?« Die Hochschule betrat sie immer häufiger mit einem unguten Gefühl, selbst wenn sie nur zum Unterricht ging. Das ­ers ­ ­te Klassen ­vorspiel blieb ihr dank einer ärztlich attestierten Ma ­gen ­schleimhaut ­ent ­zün ­dung erspart, die sich schließlich zu einer chronischen entwickelte. Ein willkommener Anlass, der Mu ­sik ­hochschule immer häufiger fernzubleiben, denn auch vor Unterrichtsstunden begann sie nun zu zittern: Trotz panisch gesteigerten Übepensums fürchtete Linda, von ihrer Lehrerin in der Luft zerrissen zu werden. »Ich kam mir vor wie eine Hoch ­staplerin. Ich hatte Angst, dass jemand bemerken könnte, dass ich mein Instrument überhaupt nicht beherrsche.«


Den kompletten Artikel lesen Sie in der Ausgabe August 2011