Olga Peretyatko

Die russische Nachtigall

Im Chor hat sie früher Alt gesungen. Nun erobert Olga Peretyatko die Opernbühnen als Koloratursopran, mit einer Stimme schlank wie ein Florett und erstaunlichem Tonumfang. Clemens Haustein traf die russische Sängerin in ihrer Wahlheimat Berlin.

Wenn von Anna Netrebko die Rede ist, wird Olga Peretyatko plötzlich ganz ernst. Alles Mädchen ­ ­ ­hafte, mit dem sie zuvor immer wieder ein wenig kokettiert hat, verschwindet. Ihr Oberkörper strafft sich, sie sitzt noch ein wenig aufrechter da als zuvor schon und sagt dann: »Anna Netrebko ist eine Arbeiterin.« Sie bewundere sehr, wie Netrebko mit all dem Druck und Stress des globalen Opernlebens zurechtkomme. Es liegt ziemlich viel Respekt in der Art und Weise, wie Peretyatko das sagt – und auch ziemlich viel Vorsicht.

Viel ist in jüngster Zeit zu hören, dass Peretyatko eine neue Netrebko werden könnte: Beide kommen sie aus Russland, beide verfügen nicht nur über Stimme, sondern auch über ein attraktives Äußeres. Vergessen wird bei diesem Vergleich gerne, dass sich die beiden Sängerinnen in unterschiedlichen Fächern bewegen: Peretyatko ist Koloratursopran, hat eine Stimme, die schlank ist wie ein Florett und dabei über einen erstaunlichen Tonumfang verfügt. »Ich kann ein bisschen mehr als alle anderen«, sagt sie – und wirkt in der selbstverständlichen Weise, wie sie das sagt, kein bisschen unbescheiden. Im Chor habe sie früher sogar Alt gesungen, erst ihre letzte Privatlehrerin in St. Petersburg sei auf die Idee gekommen, ihre »3. Oktave« zu berühren, und habe in ihr damit die Koloratur ­sopra ­nistin entdeckt.

(Foto: Uwe Arens/Sony)
<i>(Foto: Uwe Arens/Sony)</i>

Es scheint, als hätte es in Olga Peretyatkos Leben ziemlich viele Zufälle gegeben. Vielleicht gehört es aber auch zu ihren Fähigkeiten, die Dinge auf sich zukommen zu lassen, sich in richtiger Weise beschenken zu lassen. Auf eine Karriere als Opernsängerin hat sie erst spät hingearbeitet. Als Sängerin habe sie erst mit 23 Jahren richtig begonnen, sagt sie und fügt selbst hinzu: »Das ist ist sehr spät.« Erst da begann sie Gesang »offiziell« zu studieren. In ihrer Geburts ­stadt St. Petersburg hatte sie zwar Privatstunden genommen, in der Hauptsache aber eine Ausbildung zur Chordirigentin absolviert. Doch irgendwann wurde der Wunsch, »richtige« Sän ­gerin zu werden, immer stärker, sie wollte gerne Mozart singen und richtete deshalb ihren Blick nach Westen. »Um eine gute Mozart-Sängerin zu werden, muss man nach Deutschland oder Österreich gehen«, dachte sie sich damals.

Dass sie dann in Berlin anfing zu studieren, war Zufall. Im August 2002 war sie als Touristin nach Deutschland gereist und verbrachte einige Tage in Berlin. Sie stellte sich Renate Faltin vor, der einzigen Gesangsprofessorin, die in der sommerlich ausgestorbenen Hanns-Eisler-Hochschule aufzutreiben war, und die empfahl ihr, die Aufnahmeprüfung zu machen. Am Ende, nach bestandener Prüfung, landete Peretyatko in der Gesangsklasse von Brenda Mitchell. Warum? Es war der einzige Name, der englisch klang – und Englisch war damals noch die einzige Fremdsprache, die die russische Sängerin beherrschte. »Das war wie im Casino: Alles auf Rot oder alles auf Schwarz. Und es war dann genau das Richtige für mich.« Eine ehrgeizig geplante Karriere sieht anders aus.

Wenn Olga Peretyatko heute über Brenda Mitchell spricht, dann hört man vor allem Dankbarkeit heraus: »Sie hat mir alles gegeben, was ich habe, meine ganze Gesangstechnik.« Und in lustigem Deutsch fügt sie warmherzig hinzu: »Ich liebe sie herzlich.« Immer wieder schaut sie bei ihrer alten Lehrerin vorbei, wenn sie wieder einmal in Berlin ist, und stellt ihr vor, was sie erarbeitet hat, ihre neuesten Partien.

Man hört Olga Peretyatko viel von »Technik« sprechen. »Wenn man die Technik hat, kann man alles singen«, sagt sie dann, und es klingt so entschieden, als fühle sie sich damit sicher vor allen Unbilden des Sängerlebens. Es klingt auch nach ziemlich viel disziplinierter Arbeit. Vielleicht hängt damit ihr zweites Gebot zusammen: immer ausreichend schlafen. Und drittens: Man müsse seine Grenzen kennen. Die Rolle der Traviata bekomme sie immer wieder angeboten, aber sie lehne noch ab. Das sei ihr noch zu früh – auch wenn sie sich sicher ist, dass das einmal eine ihrer Lieblings ­rollen werden würde. Ob es ihr schwerfällt die Ange ­bo ­te abzulehnen? Sie könne warten, sagt die 30-jährige Pe ­retyatko, und sie klingt dabei ebenso diszipliniert wie voll Vertrauen, dass sie nichts überstürzen müsse, dass ihre Zeit schon kommen werde. Ihre Debüts an der Wiener Staatsoper (Gilda in Verdis »Rigo ­letto«) und an der Met in New York (Fiakermilli in Richard Strauss´ »Arabella) sind erst für 2013 vorgesehen.

Peretyatkos Weg in den vergangenen Jahren macht den Ein ­druck einer stetigen, fast natürlich wachsenden Entwicklung. Nachdem sie Mitglied im Opernstudio der Hamburgischen Staatsoper war und dort die komplette »Werkstatt Opernhaus« kennen gelernt hatte, sang sie in Berlin und München kleinere Rollen, sprang bei Daniel Barenboim an der Staatsoper als Blu ­menmädchen im »Parsifal« ein und nutzte die Gelegenheit, dem Maestro vorzusingen. Einziges Problem: Barenboims schwerdeutsches Repertoire ist so gar nichts für die Kolo ­ra ­tur ­sopra ­nistin Peretyatko. »Mit Blumenmädchen, Waldvogel und jungem Hirten im ,Tannhäuser‘ ist meine Wagner-Karriere schon beendet«, sagt sie, schnieft theatralisch durch die Nase, tut so, als würde sie sich Tränen aus den Augen wischen, und lacht.

Die russische Sängerin hat andere Lieblingskomponisten: Mozart und Strauss. Die Zerbinetta in »Ariadne auf Naxos« hat sie bereits zu Studienzeiten in einer Produktion der Hanns-Eisler-Hochschule gesungen, seitdem hat Strauss es ihr angetan. »Er kannte die menschliche Stimme und hat für die Sänger extrem bequem geschrieben«, sagt sie »die Partien sind extrem schwer – und extrem bequem«, fügt sie hinzu und windet sich auf dem Stuhl, als sie den Widerspruch bemerkt. Sie könnte jetzt wieder anfangen, von der Beherrschung der »Technik« zu sprechen und dass mit »Technik« alles möglich sei, lässt es dann aber doch sein. Gut möglich, dass sie auch für sich gelten lassen würde, was sie über Anna Netrebko gesagt hat: Sei sei eine »Arbeiterin«.

Ihre bislang größten Erfolge feierte Olga Peretyatko vor allem als Nachtigall, als Rossignol in Igor Strawinskys gleichnamiger Oper. So etwa 2010 beim Festival in Aix-en-Provence. Als die Inszenierung auch in New York und in Kanada gezeigt wurde, waren die nordamerikanischen Kritiker begeistert, lobten die Mühelosigkeit ihrer Darbietung und feierten den »frischen, silbrigen Klang ihrer Stimme«.

Auch wenn Olga Peretyatko mittlerweile fast ununterbrochen unterwegs ist: Berlin hat sie die Treue gehalten – neben ihrem zweiten Lebensmittelpunkt Bologna. Immer noch hat sie ihre kleine Wohnung im Prenzlauer Berg, in der sie seit Beginn ihres Studiums wohnt. Und sie genießt – wenn sie zwischen den Reisen wieder einmal in der Hauptstadt ist – die »Berliner Luft«. »Ich kann es nicht erklären, aber ich habe hier immer das Gefühl, dass ich alles schaffen kann, was ich will«, sagt sie. Kein schlechter Ausgangspunkt für eine Opernkarriere.


Interpret aus der Ausgabe September 2011