Erstarrt in Klischees

Blut und Vergewaltigung – die Opernregie in Deutschland überhitzt sich in einer Spirale von Hysterie. Doch die ständig steigende Erregungshöhe camoufliert nur die oft fadenscheinig gewordenen Mittel. Die intelligenten Neuerer fehlen. Oper muss wieder sinnlich werden – auch in der Regie, meint unser Autor Manuel Brug.

<i>(Foto: GTG/Mario del Curto)</i>

Siegst es, da geht die alte Fürstin Regie!« So könnte man beinahe Richard Strauss´ Marschallin – leicht abgewandelt – zitieren, um den gegenwärtigen Zustand des Inszenierungs(un)wesens an den Opernhäusern im deutschsprachigen Raum zu beschreiben. Oder, um es noch einfacher mit Facebook-Beziehungsstatus-Befindlichkeiten zu charakterisieren: »Es ist schwierig.«

Es ist nicht leicht, in der Tat, was sich die meis ­tenteils nicht eben wenig löhnenden (aber vom Staat in der Regel noch weit höher subventionierten) Opernbesucher so alles in ihrem Sanges ­haus am Platze gefallen lassen müssen. Der Kaufmann Daland im »Fliegenden Hol ­län ­der« als Geldmakler, statt Schiff gibt es einen Börsen ­saal. Janáceks »Totenhaus« statt im sibirischen Gefangenen ­lager bei der Mafia im Hochhaus, der »Rosen ­kavalier« in den Fifties, »Parsifal« im Parlament oder gleich in Auschwitz, »Macbeth« zwischen Clowns oder Ostblock-Diktatoren, , die »Meistersinger« als Meistermaler, »Palestrina« als klerikales Kostümfest. Und es ist nicht selten wirklich eine alte Adelige, die hier ihr doch schon weißes, ja eher schmutziggrau gewordenes Haar wackelnd und bisweilen zahnlos, aber im Glauben ewig jugendlichen Deutungsfurors erhebt.

Es ist nicht leicht, in der Tat, was sich die meis ­tenteils nicht eben wenig löhnenden (aber vom Staat in der Regel noch weit höher subventionierten) Opernbesucher so alles in ihrem Sanges ­haus am Platze gefallen lassen müssen. Der Kaufmann Daland im »Fliegenden Hol ­län ­der« als Geldmakler, statt Schiff gibt es einen Börsen ­saal. Janáceks »Totenhaus« statt im sibirischen Gefangenen ­lager bei der Mafia im Hochhaus, der »Rosen ­kavalier« in den Fifties, »Parsifal« im Parlament oder gleich in Auschwitz, »Macbeth« zwischen Clowns oder Ostblock-Diktatoren, , die »Meistersinger« als Meistermaler, »Palestrina« als klerikales Kostümfest. Und es ist nicht selten wirklich eine alte Adelige, die hier ihr doch schon weißes, ja eher schmutziggrau gewordenes Haar wackelnd und bisweilen zahnlos, aber im Glauben ewig jugendlichen Deutungsfurors erhebt.

Die wilden, die nötigen Jahre eine Opernregie, die nicht nur dekorierte und einlullte, die die in den Stücken lange verborgenen oder der Auffüh ­rungs ­zeit gemäßen Fragen stellte, aber nicht immer Ant ­wor ­ten hatte oder bekam, sie begannen in den Siebzi ­gern. Etwas später als im Schauspiel, denn die Oper als pompösere, repräsentativere, nicht ganz so zeitaktuelle Kunstgattung hinkt meist ein wenig hinterher. Es waren auch hier die Achtundsechziger, die in der oftmals nur dem Schönen verpflichteten Abendunterhaltung ihrer Eltern die Stinkbomben legten, gegen das Einlullen und die Sedierung des Kunstwerks vorgehen wollten. Und es waren – neben dem Tiefenpsychologen Wieland Wagner, der ab 1951 bis zu seinem frühen Tod 1966 in Neu-Bayreuth in den Werken seines Großvaters die griechische Antike und C. G. Jung entdeckte – die genauen, analytischen, diskursgeschwängerten Köpfe des DDR-Theaters, Ruth Berghaus, Joachim Herz, Götz Fried ­rich, Harry Kupfer, später dann auch Peter Konwitschny, die hier Ungeahntes, Unerkanntes aufwühlten, die Oper zuspitzten und modernisierten.

Die Inszenierungen des Franzosen Olivier  Py sind oft düster, schwarz und sinnlich. 2005 brachte er in Genf  Wagners „Tristan und Isolde“ auf die Bühne, mit Clifton Forbis und Jeanne-Michèle Charbonnet in den Titelrollen.

Die Inszenierungen des Franzosen Olivier   Py sind oft düster, schwarz und sinnlich. 2005 brachte er in Genf   Wagners »Tristan und Isolde« auf die Bühne, mit Clifton Forbis und Jeanne-Michèle Charbonnet in den Titelrollen.

Doch das Dilemma blieb: Während das Schauspiel mehr Stoff für immer neue Auseinandersetzungen mit dem Alten bietet, vor allem aber auch viel, bisweilen nur für den schnellen Genuss und Diskurs gedachtes Zeitgenössisches, ist das immerwährende Opern ­repertoire auf höchstens 80 Stücke beschränkt. Und viel Neues wird diesem Stock nicht hinzugefügt. Alle zehn Jahre vielleicht zwei Stücke – wenn es hochkommt. Da merkt man nach vierzig Jahren »Don Giovanni«, »Carmen« oder »Lohen ­grin« in der heißlaufenden Hardcore-Interpretationsmangel den immergleichen Favoriten ein gewisses Ausgelaugtsein doch an. Wer hat hier noch nicht mit wem? In welcher Zeit und an welchem Ort hat man die Werke noch nicht angesiedelt? Die einleuchtenden, gar überraschend originellen und stimmigen Doch das Dilemma blieb: Während das Schauspiel mehr Stoff für immer neue Auseinandersetzungen mit dem Alten bietet, vor allem aber auch viel, bisweilen nur für den schnellen Genuss und Diskurs gedachtes Zeitgenössisches, ist das immerwährende Opern ­repertoire auf höchstens 80 Stücke beschränkt. Und viel Neues wird diesem Stock nicht hinzugefügt. Alle zehn Jahre vielleicht zwei Stücke – wenn es hochkommt. Da merkt man nach vierzig Jahren »Don Giovanni«, »Carmen« oder »Lohen ­grin« in der heißlaufenden Hardcore-Interpretationsmangel den immergleichen Favoriten ein gewisses Ausgelaugtsein doch an. Wer hat hier noch nicht mit wem? In welcher Zeit und an welchem Ort hat man die Werke noch nicht angesiedelt? Die einleuchtenden, gar überraschend originellen und stimmigen Lösungen werden weniger, Regisseure stoßen sich immer öfter wund, beginnen an der Werkstruktur und Integrität zu kratzen.

Modern, oft minimalistisch und an der Essenz interessiert sind die Produktionen von Christof Loy, wie hier »Roberto Devereux« an der Bayerischen Staatsoper mit Edita Gruberová als Elisabeth. (Foto: Wilfried Hoesel/PR)

»Traviata«-Variationen frei nach Verdi von Barney Regie ­ge ­röll ­heimer, vielleicht wäre das eine Lösung, damit sich die zahlenden Besucher nicht so oft um ihren ­ Spaß betrogen fühlten. Eine Violetta als selbstbestimmte Porno ­dar ­stellerin, die ihren AIDS-Tod nur simuliert, um Alfredo auszunehmen und mit ihrer Partnerin am Ende unter Umstellung und Streichung diver ­ser Musiknummern gen Brasilien entschwindet, wäre so viel besser vorbereitet. Ob ­wohl die hier beschriebene Deu ­tungs ­ ­mög ­lich ­keit des kata ­lanischen Re ­gie ­wüterichs Calixto Bieito – im Namen und Rechnung des historischen Originals – durchaus funktionierte.

Doch zu welchem Preis? Die Erregungshöhe, uns noch aufzurütteln, wird so immer weiter nach oben gedrückt. Spritzt bei Bieito kein Blut, wird niemand vergewaltigt, heißt es gleich, er sei zahm geworden, ihm würde nichts mehr einfallen. Seit zehn Jahren arbeitet er nun verstärkt in deutschen Thea ­ter ­landen und scheint inzwischen auch ein Opfer des Systems. Die wenigen international arbeitenden Regisseure wie etwa Robert Carsen, die Intelligenz und Wachheit besitzen, auch im deutschen Inszenierungsumfeld nicht gleich als glatt und brav abgetan zu werden, sind aber hier meist nicht (mehr) zu bekommen. Zu sehr locken anderswo die dicken Gagen und wird früher gebucht.

Renée Fleming war der Mittelpunkt der »Capriccio«-Inszenierung Robert Carsens an der Pariser Oper 2005. Oft erschließt er die Werke von einem Grundgedanken aus neu, vom Barock bis zum Musical. (Foto: Arthaus)


Den kompletten Artikel lesen Sie in der Ausgabe September 2011