Young Singers Project

Die Kaderschmiede von Salzburg

»Von einem erfahrenen Sänger lernt man mehr als aus tausend Büchern« – sagt Ilya Silchukov, einer der Teilnehmer des Young Singers Project. Seit 2008 findet es im Rahmen der Salzburger Festspiele statt, gesponsert wird es von der Credit Suisse. In diesem Jahr gehörte die legendäre Christa Ludwig zu den Dozenten. Björn Woll hat ihr bei der Meisterklasse über die Schulter geschaut.

Es ist nicht ganz einfach, die eigene Stimme auf Herz und Nieren prüfen zu lassen, vor allem vor einem Publikum. Doch Christa Ludwig fand schnell  einen Zugang zu Claudia Galli und Ilya SilchukovFoto: Bjørn Woll
<i>Es ist nicht ganz einfach, die eigene Stimme auf Herz und Nieren prüfen zu lassen, vor allem vor einem Publikum. Doch Christa Ludwig fand schnell einen Zugang zu Claudia Galli und Ilya Silchukov. (Fotos: Bjørn Woll)</i>

Dove sono« – die Arie von Mo ­zarts Gräfin aus dem »Figaro« ist nicht gerade leichte Kost für einen Sopran. Der getragene Anfang verrät schonungslos jedes Flackern des Tons und jede klitzekleine Intona ­tions ­trübung. Dennoch hat die junge So ­pra ­nistin Claudia Galli sich für das Stück entschieden. Sie singt es an jenem Sonn ­tag ­nachmittag auf der Bühne der großen Universitätsaula in Salzburg. Und sie singt es nicht nur vor einem interessierten Publikum, sondern vor den vielleicht kritischsten Ohren des Business, denen nämlich von Christa Ludwig. Die Mezzosopranistin hat selbst für nicht wenige Sternstunden des Operngesangs in Salzburg gesorgt, oft in den Werken von Wolfgang Amadeus Mozart, und 1993 hat sie hier ihren Bühnenabschied gegeben. Nun ist sie zurückgekehrt in die Stadt an der Salzach, um im Rahmen des Young Singers Project dem sängerischen Nachwuchs den letzten Schliff zu verpassen.

2008 wurde das Projekt vom damaligen Intendanten der Salzburger Fest ­spie ­le, Jürgen Flimm, und dem Tenor Michael Schade ins Leben gerufen, seit 2010 fungiert zudem die Credit Suisse als exklusiver Projektsponsor. Jeden Som ­mer erhält so ein ausgewähltes Grüpp ­chen von Gesangstalenten für den Zeit ­raum von acht Wochen die Gelegenheit, die Ausbildung an der Hochschule mit praktischer Bühnenerfahrung zu ergänzen. Neben Unterricht in den Bereichen Gesang, Rollenstudium, Schauspiel, Be ­wegung und Sprache werden die Nach ­wuchssänger direkt in den Produktions ­prozess der Salzburger Festspiele eingebunden. Unter anderem nehmen sie an den Proben zu den jeweiligen Fest ­spiel ­produktionen teil – eine Art Berufs ­simulation unter Realbedingungen.

Zentraler Bestandteil des Young Sin ­gers Project sind auch die Meister ­klas ­sen, für die in diesem Jahr Michael Scha ­de, Matthias Goerne, Alfred Bren ­del und Christa Ludwig verantwortlich zeichnen. Die Sängerin gehört zu den besten Mezzosopranen des letzten Jahrhun ­derts und kann auf eine Ausnahmekarriere von fast 50 Jahren zurückblicken. Sie weiß daher genau, worauf es ankommt beim Singen:   »Was wichtig ist beim Singen, selbstverständlich die Technik, okay. Aber was ebenso wichtig ist, ist das Lebendige in der Musik. Beethoven hat über seine Missa solemnis geschrieben: ,Möge es vom Herzen zum Herzen gehen´ – und das ist die ganze Geschichte mit dem Singen: Es muss das Herz des Publikums erreichen. Heute wird alles ein bisschen kühl gemacht, oder cool, wie es heißt. Dann singen sie alle technisch sehr gut, aber es ist einfach fürchterlich langweilig, wenn keine Emotion dahintersteckt. Das ist, was diese jungen Leute lernen müssen, dass sie nicht nur denken, wie singe ich diesen Ton, sondern was singe ich, welches Wort singe ich, welchen Sinn singe ich.«

Bei Theresa Holzhauser entdeckte Christa Ludwig viel Spielfreude in der Arie der Dorabella
Bei Theresa Holzhauser entdeckte Christa Ludwig viel Spielfreude in der Arie der Dorabella
Olena Tokar präsentierte etwas schüchtern Paminas Arie aus der „Zauberflöte“.
Olena Tokar präsentierte etwas schüchtern Paminas Arie aus der „Zauberflöte“.

Doch zurück in die Universitätsaula: Claudia Galli singt soeben die letzten Töne des »Dove sono« – und wurde von Christa Ludwig bei ihrem Vortrag kein einziges Mal unterbrochen. Wer schon einmal eine Meisterklasse besucht hat, kennt vielleicht die zermürbende Arbeit an kleinsten Details, bei der die Sänger oft nicht über die ersten paar Takte eines Liedes oder einer Arie hinauskommen. Anders bei Christa Lud ­wig. Sie nimmt sich Zeit, ihren Eleven zuzuhören, erst beim zweiten Anlauf greift sie ein, korrigiert hier einen Vokal oder die Tonhöhe. Doch abgesehen von diesen technischen Details des Singens gilt ihr Interesse besonders einer Sache: »Eigentlich der Interpretation. Nehmen wir die berühm ­te Maria Callas als Beispiel: Sie hatte nicht die schöne Stimme, und ihre Technik war nicht so übermäßig toll. Aber wie sie den Ausdruck brachte, das macht ihr heute noch kein Mensch nach. Und das ist das Wichtigste, dass der Ausdruck kommt. Wenn man von der Sonne singt, muss es nach Sonne klingen, und wenn man vom Regen singt, muss es nach Regen klingen.«

Was sich aus dem Mund von Christa Ludwig so einfach anhört, ist in der Pra ­xis oft verteufelt schwer. Ihr Tipp an die Nachwuchssänger: »Zuallererst muss man den Text durchdrungen haben. Neh ­men wir einmal das einfache Bei ­spiel: Ich liebe dich. Da muss man auch wirklich singen: Ich liebe dich! Da muss die Liebe in der Stimme mitklingen. Das müssen die jungen Sänger lernen, dass sie das ausdrücken, was sie sagen.« Doch viel Zeit hat die Mezzosopranistin nicht für ihre Arbeit, gerade einmal eine halbe Stunde pro Person bleibt an diesem Sonn ­tagnachmittag. Doch Christa Lud ­wig nimmt ihren Job ernst und hat ihre Schüler daher bereits einen Tag zuvor zum Kennenlernen und gemeinsamen Arbeiten bestellt. Trotzdem bleibt sie realistisch in der Ein ­schätzung dessen, was sie erreichen kann: »Ich kann einen Anstoß mit auf den Weg geben, an etwas zu denken, auf etwas zu achten.«

Zu dem erlesenen Kreis der Teilnehmer gehört in diesem Jahr auch Derek Welton. Der 29-jährige aus ­tralische Bariton teilt die Einschätzung Christa Ludwigs: »Meisterkurse sind eine interessante Sache, sie sind wie Unterricht, bei dem ein Publikum zusieht. Allerdings haben wir als Sänger von richtigen Privatstunden mehr, weil wir mehr Zeit mit den Lehrern und mehr Privatsphäre haben, in der man sich eher ausprobieren und Risiken eingehen kann. Der einzige Vorteil von öffentlichen Meisterkursen ist, dass sie den Druck im Ernstfall simulieren. Denn es ist nicht nur Unterricht, sondern hat auch etwas von einer Vor ­stel ­lung.« »Außerdem«, ergänzt sein Stu ­dien ­kollege, der weißrussische Bariton Ilya Silchukov, »sind Meisterklassen für uns eine gute Möglichkeit, zu zeigen, was wir können. Jede Meisterklasse, jedes Vorsingen und jedes Konzert ist eine Chance, sich zu präsentieren. In dieser Hinsicht ist Salzburg für uns wirklich ein Glücksfall, weil so viele wichtige Leute aus unserem Business hier sind. «

Vor allem die enge Einbindung in die Produktionsprozesse stößt bei den Nach ­wuchssängern auf große Begeisterung. Auf höchstem Niveau können sie so Erfahrungen sammeln – eine unabdingbare Voraussetzung für den erfolgreichen Weg vom talentierten Gesangs ­stu ­denten zum gestandenen Opernsänger. »Für uns ist es eine einzigartige Chan ­ce, mit all den berühmten Sängern, Diri ­genten, Re ­gisseuren und Schau ­spie ­lern hier zu arbeiten und ihnen über die Schulter zu blicken«, sagt Derek Wel ­ton und spricht damit auch Ilya Silchukov aus der Seele: »Die meisten Dinge über das Sin ­gen lernt man, indem man anderen Leuten zuhört. Man kann tausend Bü ­cher über Gesang lesen, und dennoch erfährt man mehr darüber, wenn man einem erfahren Kollegen auf der Bühne dabei zuhört. Deshalb sind die Erfah ­rungen, die wir hier machen dürfen, unbezahlbar.

Christa Ludwig ist keine strenge Lehrerin. Die Nachwuchstalente empfindet sie auch heute noch als junge Kollegen.
<i>Christa Ludwig ist keine strenge Lehrerin. Die Nachwuchstalente empfindet sie auch heute noch als junge Kollegen.</i>

In dieser engen Verzahnung von sängerischer Ausbildung und Berufsalltag kann man dem Young Singers Project durchaus einen besonderen Rang unter den verschiedenen Fördermodellen attestieren. Und sozusagen als Zuckerl gibt´s sogar noch was obendrauf, denn die jungen Sänger fungieren als Cover für die Erstbesetzungen der aktuellen Opernproduktionen. Sagt einer der arrivierten Stars ab, bekommt der Nach ­wuchs seine Chance. Natürlich bedeutet diese Option eine gehörige Portion Ver ­antwortung auf den Schultern oder besser den Stimmbändern eines jungen Künst ­lers. Für Derek Welton ist dies jedoch kein Grund, ängstlich zu sein: »Vielleicht sollten wir Angst davor haben. Aber ich muss sagen, ich liebe es, dass es diese Möglichkeit gibt, besonders wegen der beiden Rollen, für die ich als Cover vorgesehen bin: Don Alfonso in ,Così fan tutte´ und der Geisterbote in ,Die Frau ohne Schatten´. Es ist zwar nur eine kleine Rolle, aber es ist Repertoire, das ich in der Zukunft gerne singen würde. Des ­halb war ich auch sehr glücklich, dass ich mit dem Assistenten von Maestro Thielemann an der Rolle arbeiten konnte. Alleine die Mög ­lichkeit, mit solchen Leu ­ten an einem Reper ­toi ­re zu arbeiten, das man nicht im Studium singt, ist unglaublich. Ganz ehrlich: Ich muss sagen, wenn ich jetzt einen Anruf bekäme, dass ich auf die Bühne kommen soll, würde ich mich riesig freuen.«


Den kompletten Artikel lesen Sie in der Ausgabe Oktober 2011