Schiere Schönheit

Hideyo Harada zählt zu jenen immer seltener anzutreffenden Künstlern, die sich bei ihren Einspielungen offensicht ­lich sehr viel Zeit nehmen, um Inter ­pre ­tationen von enormem musikalischen Feinschliff und größter geistiger Durchdringung vorzulegen. Nach den subtilen Miniaturen von Tschaikowskys »Jahreszeiten« überraschte die Künst ­le ­rin mit einer emphatischen Wie ­der ­gabe der C-Dur-Fantasie Schumanns und widmet sich nun zwei Werken Schu ­berts.

Gegen die Konkurrenz weiß sich die Künstlerin schon deshalb zu behaupten, da sie ganz eigene Akzente setzt. Zunächst ist es die schiere Schönheit ihres Spiels, das sowohl die »Wande ­rerfantasie« als auch die Sonate in eine andere Sphäre zu transzendieren scheint. Die Rundung des Tons, die atmende Phra ­sierung, der klare architektonische Auf ­bau, das feine Gespür für Steigerungen, die konstante Wachheit: All dies fügt sich zu überzeugenden Darstellungen, die auch durch die Aufnahmetechnik und den brillanten Flügel begünstigt werden.

Die Fantasie eröffnet Harada mit echtem dramatischen Aplomb, hütet sich aber da ­vor, die mächtigen Klanggesten zur Kraft ­demonstration zu missbrauchen. Im Ada ­gio gelingen ihr wahre Wunder an Dar ­stel ­lungsintensität, um die Sehn ­suchts ­energien spürbar werden zu lassen. Und auch in der Sonate sind es die vielen seelisch erfüllten Momente ihres Spiels, die dem Werk über seine Schmerzlichkeit hi-naus ein wärmendes Licht mitfühlender Menschlichkeit verleihen.

Frank Siebert