Daniel Barenboim

Die Kunst der Illusion

Im Rahmen einer Fünf-Städte-Tour spielte Daniel Barenboim im Frühjahr beide Klavierkonzerte von Franz Liszt. Nun erscheint der Live-Mitschnitt beim Klavier-Festival Ruhr. Björn Woll traf den Maestro zum Gespräch und erfuhr, warum er das Klavier eigentlich für ein uninteressantes Instrument hält.

Beim Klavier-Festival Ruhr ging Daniel Barenboim das Wagnis ein, beide Klavierkonzerte von Liszt in einem Konzert zu spielen. (Foto: KFR)
Beim Klavier-Festival Ruhr ging Daniel Barenboim das Wagnis ein, beide Klavierkonzerte von Liszt in einem Konzert zu spielen. <i>(Foto: KFR)</i>

Herr Barenboim, beide Kla ­vier ­konzerte von Franz Liszt in einem Konzert zu spielen ist ein Kraftakt – alleine physisch. Hat Ihnen Ihre Erfahrung als Dirigent mit den beiden Werken dabei geholfen?

Das kann schon sein. Obwohl ich das A-Dur-Konzert komischerweise viel öfter dirigiert habe als das in Es-Dur. Ich habe es mit fast allen großen Pianisten der Vergangenheit gemacht, mit Clau ­dio Arrau, mit Alfred Brendel oder Clif ­ford Curzon.

Was hat Sie dazu bewogen, beide Stücke als Pianist in einem Konzert zu spielen?

Ich wollte beide Konzerte zusammen spielen, weil sie so unterschiedlich sind. Das zweite Klavierkonzert ist, obwohl es nicht so oft gespielt wird wie das erste, ein Meisterwerk. Der Anfang erinnert mich mit seinen Farben im Orchester sehr an Wagners »Lohengrin«, nicht nur weil beide in A-Dur anfangen. Liszt war, wie Wagner, der Meister des Chro ­ma ­tis ­mus – und Chromatismus bedeutet Ambiguität. Bei einem Menschen würde man Ambiguität nicht sehr schätzen, aber in der Klangwelt wirkt sie bereichernd und eröffnet eine Fülle von Mög ­lichkeiten.

Vertauschte Rollen: Für das Konzert wechselte Daniel Barenboim ans Klavier und übergab den Taktstock für „seine“ Staatskapelle an Pierre Boulez. (Foto: KFR)
Vertauschte Rollen: Für das Konzert wechselte Daniel Barenboim ans Klavier und übergab den Taktstock für „seine“ Staatskapelle an Pierre Boulez. <i>(Foto: KFR)</i>

Ambiguität ist ein gutes Stichwort: Denn auf der einen Seite war Franz Liszt einer der produktivsten Kompo ­nis ­ten seiner Zeit – das Werkverzeichnis listet über 700 Stücke –, auf der anderen Seite hört man im Konzert die immer gleiche Handvoll seiner Werke. Es scheint fast so, als ob die exzentrische Persönlichkeit den Blick auf das musikalische Erbe verstellt.

Liszt hat unter seiner Reputation als großer Virtuose und Frauenheld gelitten, was ihm eine oberflächliche Fär ­bung gab, die teilweise vielleicht stimmte. Aber er war auch ein exzellenter Kom ­ponist und wahrscheinlich der größte Pianist aller Zeiten – er war Faust, Me ­phisto und Gretchen in einer Person. Das ist der pure Wahnsinn! Aber alle ­extrovertierten Menschen leiden darunter. Das war der Fall auch bei Arthur Rubin ­stein, erst als er alt geworden war, hat man ihn als Musiker ernst genommen. Die Person Franz Liszt ist daher eine der interessantesten unter allen Kompo ­nis ­ten. Bach zum Beispiel war sehr deutsch, Schubert war sehr wienerisch, Verdi konnte nur italienisch komponieren, Tschaikowsky war Russe durch und durch. Es gibt nur zwei Komponisten, die schon damals das Gesamt ­euro ­päi ­sche in ihrem Werk vereinten: Das war Mozart, der Lieder auf Französisch geschrieben hat und Opern sowohl auf Deutsch als auch auf Italienisch, und Liszt. Das kam natürlich daher, dass sie beide große Virtuosen waren und viel gereist sind.

Dennoch haben ihn schon damals einige seiner prominenten Kollegen scharf angegriffen: Chopin bezeichnete ihn als »pianis ­tische Null«, und Men ­dels ­sohn nannte ihn sogar den »dilettantischsten unter den Dilettanten«. War Liszt ein Dilet ­tant?

Er war nicht dilettantisch, er war nur an bestimmten Dingen mehr interessiert als an anderen. Man hat ihm zum Beispiel vorgeworfen, dass seine Or ­ches ­trierung dilettantisch und primitiv sei. Da sage ich als Gegenargument: Man muss nur die Rolle der Triangel in der 4. Sinfonie von Brahms, in der sie ein wirk ­lich primitiver rhythmischer Faktor ist, vergleichen mit der Triangel im 1. Kla ­vier ­konzert von Liszt, in dem sie zu einem virtuosen Soloinstrument wird. Darin liegt für mich auch die historische Wichtigkeit von Liszt. Nicht nur, dass er eine große Inspiration für Wagner war – selbst der Tristan-Akkord klingt bei Liszt schon an. Gleichzeitig hat er den Weg in die Moderne geebnet, etwa für Bartók. Denn mit dem Triangelsolo im 1. Klavierkonzert hat er die Poesie des Schlagzeugs erschlossen, das später im Instrumentarium von Bartók eine so große Rolle spielte.

Wenn Sie die Doppelrolle von Franz Liszt als Pianist und Komponist sowie seine historische Wichtigkeit ansprechen: War er für die Musikgeschichte als Instrumentalist oder als Komponist wichtiger?

Man kann und soll vielleicht sogar sagen, dass seine Kompositionen nicht alle die gleiche Qualität besitzen. Es gibt viele Stücke, die nicht an das höchste Niveau heranreichen. Seine Bedeutung als Interpret liegt vor allem darin, dass er eine neue Art, Klavier zu spielen, entdeckt hat. Ausgehend von der physischen Kon ­dition, dass wir alle zwei Hände haben, hat er das Klavierspielen ganz bewusst derart weiterentwickelt, dass man nicht mehr mit zwei Einheiten spielt. Es interessiert doch keinen Menschen, der zuhört, ob das mit der linken oder der rechten Hand gespielt wird. Das heißt, man spielt Klavier nach Liszt mit einer Einheit – oder mit zehn Einheiten, wenn man die Finger zählt. Aber nicht mit zwei! Zwei Hände sind dem Menschen für andere Sachen gegeben, aber nicht als zwei Einheiten zum Klavierspielen. Das ist der große Beitrag vom Pianisten Liszt für mich, allerdings ist diese Mei ­nung sehr subjektiv.

(Foto: KFR)
<i>(Foto: KFR)</i>

Den kompletten Artikel lesen Sie in der Ausgabe November 2011