Klaus Florian Vogt

Der weltweit beste Lohengrin

Von wegen Krise im Wagner-Gesang: Klaus Florian Vogt demonstriert eindrücklich, dass man die Helden-Partien des Musikdramatikers sehr wohl singen kann – ganz ohne Wabervibrato. »Helden« heißt dann auch seine erste Solo-CD. Manuel Brug stellt Ihnen den kostbaren Tenorsolitär vor.

Bayreuther Erfolgsgeschichte:  Als Lohengrin triumphierte Klaus Florian Vogt  im letzten Jahr auf dem Grünen Hügel, im Sommer kehrt er mit seiner Paraderolle ins Festspielhaus zurück. (Foto: Foto: Uwe Arens/Sony)
<i>Bayreuther Erfolgsgeschichte: Als Lohengrin triumphierte Klaus Florian Vogt im letzten Jahr auf dem Grünen Hügel, im Sommer kehrt er mit seiner Paraderolle ins Festspielhaus zurück. (Foto: Foto: Uwe Arens/Sony)</i>

Er mag gern spielen. Auf der Bühne, mit der Stimme und mit Bedeutungen. Deshalb heißt seine erste CD einfach nur »Helden«. Geht das heute noch, so ohne Fragezeichen? Oder hinkt die Wagner-Opernwelt einfach ein wenig hinterher? Die jedenfalls ist seit einigen Sängerjahren das Zuhause von Klaus Florian Vogt. Ursprünglich war seine Repertoirewelt noch bunter, aber damals saß der 1970 im holsteinischen Heide geborene spätere Tenor ­held noch im Hamburgischen Staatsorchester und spielte Horn als stellvertretender Solist. Blies, atmete, hörte zu und lernte vom Sängerensemble und den illustren Gästen, oben, auf der Bühne der Hamburgischen Staatsoper. Schließlich wagt er dann doch, längst Familienvater, den Sprung aus der abgesicherten Beamtenstellung ins weite, kalte Vokalsolistenwasser. An der Lübecker Musikhoch ­schule hatte er schließlich parallel auch Gesang studiert und wurde sich immer sicherer: Das ist es. Das Musikstudium, vor allem der lange Bläseratem, waren dabei keineswegs verlorene Jahre.

1997 startete Klaus Florian Vogt wieder im hohen Norden durch, ganz weit oben – in Flensburg. Schnell pflanzte sich die Kunde von dem neuen blonden, gut aussehenden, idealtypischen Wagner-Hel ­den fort. Der ging schon ein Jahr später an ein größeres Haus, die Dresdner Semperoper, wo ihn Giuseppe Sinopoli maßgeblich förderte. Und buk erst einmal kleinere, lyrischere Tenorbrötchen. Tamino, der Hans in der »Verkauften Braut, der »Arabella«-Matteo, aber auch »Freischütz«-Max und der Adolar in Webers »Euryanthe« standen auf dem Speiseplan für den spät berufenen Novizen. 2002 folgte dann schon der erste Lohengrin in Flensburg, 2004 gleich vier weitere Wagner-Partien: Stolzing, Parsi ­fal, Erik, Loge – und die Opernwelt horch ­te begeistert auf.

Zu seinen Auftritten reist Klaus Florian Vogt nicht selten mit dem Wohmobil an. (Foto: Uwe Arens/Sony)
<i>Zu seinen Auftritten reist Klaus Florian Vogt nicht selten mit dem Wohmobil an. (Foto: Uwe Arens/Sony)</i>

Den Lohengrin hat Klaus Florian Vogt inzwischen in Berlin, New York und Mai ­land, Baden-Baden, Köln und Dresden gesungen, im Sommer 2011 auch in Bayreuth. Wie einen Schild trägt er diese Rolle vor sich her: »In fernem Land, unnahbar euren Schritten«, mit weißer, visionär sich weitender, irdisch klingender, aber wie ohne Fundament schwebender Stimme singt der blonde Recke die Gralserzählung. Das Publikum ist immer wieder verzaubert. Da steht ein Klischee gewordenes, oft missbrauchtes Abziehbild von Wagner-Held da (ganz besonders in Stefan Herheims Berliner Inszenierung, die mit Schwanenhelm und Fischschuppenrüstung mit allen unguten Erinnerungen ironisch spielt). Singt aber sensible und leise, kernig und kraftvoll, dabei immer elegant und sti-lis ­tisch ausgefeilt, mit feiner Textbehand ­lung – und spielen kann der auch noch! So ist der märchenhafte Lohengrin plötzlich einer von uns, ein Liebender, ein Zweifler, ein Sinnsucher. Wann gab es das zuletzt, dass die gebeutelte Wagner-Heimat Deutschland mit Peter Seiffert, Jonas Kaufmann und eben Klaus Flo ­rian Vogt drei der weltweit besten Lohengrins in den Sängerkrieg schicken konnte? Und dass in Bayreuth der Kaufmann im Fol ­ge ­jahr noch vom Vogt übertrumpft wird!

Schicksalspartie: Klaus Florian Vogt als Lohengrin in der Inszenierung von Stefan Herheim an der Staatsoper Unter den Linden in Berlin. (Foto: Karl Forster/Staatsoper Berlin)
<i>Schicksalspartie: Klaus Florian Vogt als Lohengrin in der Inszenierung von Stefan Herheim an der Staatsoper Unter den Linden in Berlin. (Foto: Karl Forster/Staatsoper Berlin)</i>

Klaus Florian Vogt will sich nicht langweilen, »ich will in meinem Kanal auch mal seitlich aussteigen können«, wie er es nennt. Er könnte überall auf der Wagner-Spur surfen, auch den Sieg ­mund hat er im Repertoire, Tannhäuser und – irgendwann mal – Tristan sind angepeilt, aber noch in der Ferne auszumachen. Doch der viel gefragte Sänger liebt die Abwechslung, mag auch auf der Bühne nicht nur rumstehen, sucht die charakterverändernde Herausforderung in immer neuen Rollen und Protago ­nis ­ten. »Meine drei, vier Schwerpunkt ­par ­tien profitieren davon, wenn ich mich men ­tal auf etwas anderes konzentriere. Nach einem Jahr zum Lohengrin zurück ­zukehren, das ist wahnsinnig interessant. Man merkt erst so, wie man stimm ­lich und persönlich weitergekommen ist.« Und so hat er längst auch den Obe ­ron und den Florestan gesungen, gleich in fünf Opernmetropolen den Paul in Korngolds wieder öfter gespielter »Toter Stadt« – »der ist wie Wagner auf Freuds Couch mit Himbeersauce« –, aber auch den Alwa in Alban Bergs »Lulu«, den Fürsten Andrej in Mussorgskys »Chow ­an ­schtschina« oder den Prinzen in Dvoráks »Rusalka«: »Der erinnert mich sehr an den Lohengrin, nur ist er negativer gezeichnet. Aber der packt ganz schön heldisch zu. Eine wunderschöne Partie! Wie ich überhaupt das slawische Reper ­toi ­re, besonders die Janácek-Rollen, gern singe. Die sind zu mir gekommen, ich kann mit dieser Linienführung aber viel anfangen, das spricht mich an.« Auch hier gibt es wohlmöglich bald eine weitere Zwischenetappe: den Hermann in Tschaikowskys »Pique Dame«.

Klaus Florian Vogt in der Bayreuther Produktion von Hans Neuenfels. (Foto: Enrico Nawrath/Bayreuther Festspiele)
<i>Klaus Florian Vogt in der Bayreuther Produktion von Hans Neuenfels. (Foto: Enrico Nawrath/Bayreuther Festspiele)</i>

Im Strauss- Bereich hat sich Vogt bereits mit dem Kaiser in der »Frau ohne Schatten« und dem »Ariadne«-Bacchus angefreundet, »auch wenn gerade diese beiden als Figuren rechte Pappkamera ­den sind«. Eben hat Klaus Florian Vogt in Paris erstmals die Titelpartie in Mo ­zarts »La clemenza di Tito« gesungen. Doch die Koloraturen kamen nicht so geläufig wie die Spitzentöne, und sein Italienisch klang noch sehr holsteinisch, zumindest bei dem Arienausschnitt, der in dem Konzert an der Deutschen Oper Berlin erklang, dessen akustische Aus ­beute (neben den Proben) das Material für seine erste Solo-CD bei Sony bildete. In deren Programm fehlt der Tito bezeichnenderweise. Dafür wird man Klaus Florian Vogt auf der Bühne kaum mehr als Lionel seine Martha beschwören oder als »Zar und Zimmermann«-Chateau ­neuf vom flandrischen Mädchen sich verabschieden hören. Das sind Rollen passati, aber der Tenor wollte sie unbedingt in seiner Heldengalerie haben: »Helden können schließlich auch gebrochene oder Anti-Helden sein, auch sympathisch aufrecht. Und ich wollte hören machen, dass man als Wagner ­Sänger dieses Repertoire, das ich sehr mag, ohne Wabervibrato singen kann. Alles, wie gesagt, eine Frage der Balance und des gesunden Ausgleichs. Ich mag keine monothematische Kost.«


Den kompletten Artikel lesen Sie in der Ausgabe Februar 2012