Tai Murray

Rastalockige Pionierin

Um Chancengleichheit ist es in der E-Musik nicht zum Besten bestellt. So ist die aus Chicago stammende Tai Murray die erste prominente schwarze Violinistin der Klassikgeschichte. Vor allem unter den Instrumentalisten sucht man schwarze Musiker von Weltgeltung meist vergeblich. Von Kai Luehrs-Kaiser.

(Fotos: Marco Borggreve)
<i>(Fotos: Marco Borggreve)</i>

Kann man Hautfarbe hören? Natürlich nicht. Oder doch? Wenn mit Tai Murray jetzt erstmalig eine Geigerin mit »african american background« eine CD bei einer großen Firma herausbringt, so reibt man sich die Augen und fragt sich: Erst jetzt?! Liegt die Revolution, mit der in Gestalt von Marian Anderson 1955 erstmals eine schwarze Sängerin an der Metropolitan Opera auftreten durfte, nicht mehr als ein halbes Jahrhundert zurück? Tai Murray selber wundert sich – und lässt sich auf ihre, so scheint es: Pio ­nier ­rolle dennoch nicht reduzieren.

Der große, robust volle und doch wendig eloquente Ton, mit dem die 30-jährige Amerikanerin mit Rasta-Locken ihr Publikum packt und ihrer Debüt-CD einen neuen Ton verleiht, steht für sich. Er ist es auch, der dieses Debüt triftig macht. Tai Murray: ein Silberstreif am Geigenhimmel. Und zwar nicht so sehr angesichts äußerer Merkmale wie Haare, Hautfarbe oder Her ­kunft. Son ­ ­dern musikalisch. Kaum je hörte man die Ysaÿe-So ­naten op. 27 mit sol ­cher Direkt ­heit, unromantischer Fi ­nes ­se und so selbstverständ ­lich moderner Em ­pha ­se. Hier weiß eine Künst ­lerin, was sie will. Und ist auch bereits in einem Alter, in dem man nicht mehr mit einem Kinderstar ver ­wechselt werden kann.

Es wäre nichts Schlech ­tes, wenn mit der endlichen An ­kunft einer schwarzen Gei ­ge ­rin echte Chan ­cen ­gleich ­heit in die Klas ­sik einzöge – wovon wir offenbar weiter entfernt sind, als wir uns träumen lassen. Zu ­nächst: Vorsicht bei der Wort ­wahl! Schon der Ausdruck »afroamerican«, zu Deutsch: afroamerikanisch, wird in den USA inzwi ­schen als »slightly offensive«, als leicht diskriminierend empfunden – und daher kaum noch akzeptiert. »African ameri ­can« nennen sich die Schwar ­zen unter Präsident Barack Obama. Dieser Sprachgebrauch mag sich schon in der nächsten Saison wieder ändern. Das Thema abschneiden lassen können wir uns von derlei Sprach ­rege ­lungen indes nicht. Wo immer in diesem Artikel »schwarz«, »farbig« oder dergleichen geschrieben wird, soll damit keinerlei herabsetzende Wirkung verbunden sein.

»Da kommen demnächst noch mehr«, sagt Tai Murray mit Blick auf zahlreiche ihrer Kommilitonen an der New Yorker Juil ­liard School, deren afroamerikanischer Hintergrund gleich ­falls auf einen Vormarsch neuer Künstler aus den USA deutet. Spät kommt ihr, doch ihr kommt. Im Instrumental ­bereich ist die Situation immer noch so defizitär und unausgeglichen wie nur möglich. Es gibt heute weder schwarze Solo ­geiger, die bislang eine größere Karriere gemacht hätten, noch einen einzigen schwarzen Cellisten, Bratscher, Flötisten, Kla ­ri ­nettisten, Oboisten, Harfenisten oder Schlagzeuger von internationalem Rang. Schlimm, aber wohl wahr.

Einzige Ausnahme: Der vielleicht beste Trompeter seiner Ge ­ne ­ration ist der schwarzafrikanische Wynton Marsalis – im Jazz ebenso wie in der Klassik. Dann wird´s dünner. Als schwarzer Di ­rigent fällt einem eigentlich nur der britische, auch als Pia ­nist und Komponist wirkende Wayne Marshall ein. Er hat schon die Wiener Philharmoniker dirigiert, wird jedoch meist für amerika ­nisches Repertoire von Bernstein, Gershwin oder Cole Porter engagiert. Warum kaum für Beethoven? Von ihm hat Mar ­shall sowohl die Neunte als auch die C-Dur-Messe im Repertoire.

Ein noch problematisches Feld ist das Klavier. Die Jazz-Sängerin und Pianistin Nina Simone wies gerne darauf hin, dass sie am Curtis Institute in Phi ­ladelphia als Studentin abgelehnt worden sei – angeblich aufgrund ihrer Hautfarbe. Sie habe ursprünglich klassische Pianistin werden wollen. Auch neben ihr gebe es, so Nina Simone, nur einen einzigen schwarzen Pianisten von internationalem Bekanntheitsgrad, nämlich André Watts. Er aber werde von der schwarzen Community nicht akzeptiert. Denn er stamme aus Nürnberg. Stimmt. – Bizarr genug: Dunkel ­häutige Stars mit prononciert amerikanischer Karriere stammten bisher nicht aus den USA. Sondern aus Europa.

Tai Murray wurde 1982 geboren, und zwar in Chi ­cago. Benannt ist sie nach dem philippinischen Eis ­kunstläufer Tai Babilonia. »Ich muss jemanden gesehen haben, der Violine spielte«, sagt sie in Bezug auf die Tatsache, dass sie bereits im Alter von zwei Jah ­ren (!) den Wunsch kundtat, Geige zu spielen. Ihre Adoptiv ­eltern ließen die sechs Geschwister ohne Fernsehen aufwachsen. Zeitweilig wurde die kleine Tai zu Hause unterrichtet. Die Mutter ist Lehrerin. Der musikalische Einfluss ging von der Großmutter aus, so Murray. Sie spielte sehr gut Klavier.

Ein durchaus bemerkenswerter Bildungsgrad in Bezug auf Geiger der Vergangenheit fällt bei Tai Murray auf. »Alle!«, sagt sie hinsichtlich der Frage, ob sie die historischen Interpreten ihres Instruments kenne. Josef Hassid, Michael Rabin, Joseph Gingold sind nur die ersten Namen, die sie sofort nennt. »Vor allem Ginette Neveu«, schwärmt sie. Sie habe unvergleichlich »durch die Violine zu sprechen« verstanden. Das wolle sie auch. Gelernt hat sie bei Yuval Yaron (Schüler von Gingold und Heifetz) und bei Franco Gulli. Im Jahr 2004 gewann sie den Avery Fisher Career Grant. Bis 2010 war sie Künstlerin im Pro ­gramm der »BBC New Generation«.


Den kompletten Artikel lesen Sie in der Ausgabe Mai 2012