Carolin Widmann

Kreativ eigensinnig

Erfolgreich mit Neuer Musik? Wie das geht, zeigt seit einigen Jahren die Geigerin Carolin Widmann – mit leidenschaftlich und intelligent zusammengestellten Programmen, in denen sich Alt und Neu begegnen. Norbert Hornig traf die Künstlerin vor einem Konzert in Frankfurt zum Gespräch über Musik, Karriere und Motive.

Carolin Widmann (Foto: Marco Borggreve)
<i>Carolin Widmann (Foto: Marco Borggreve)</i>

Frau Widmann, Ihre künstlerische Arbeit unterscheidet sich deutlich von einer »Mainstream«-Karrie ­re, in die viele junge Musiker hineingedrängt werden, weil das Mu ­sikge ­schäft es verlangt. Bei Ihnen wurden die Wei ­chen anders gestellt, und das recht spät...

Der Begriff »Karriere« war mir immer suspekt. Karriere heißt rennen und laufen, etwas hinterherrennen. Ich wäre gern früher ins Licht der Öffentlichkeit getreten, aber der liebe Gott hat halt nicht gewollt und die Welt auch nicht. Ich musste erst meinen ganz eigenen Weg finden, und das hatte sehr viel mit Zu ­fäl ­len zu tun. Es kommt mir fast unheimlich vor, an wie wenigen Abenden sich mein Lebensweg schicksalhaft entschieden hat. Als ich vom Studium aus Ame ­rika zurückkam, hatte ich einen leeren Terminkalender, musste aber meine Mie ­te in London bezahlen und habe sogar in der U-Bahn gespielt, um mich über Wasser zu halten. Heute sehe ich das als eine sehr wichtige Zeit in meinem Leben an. Und dann kam ganz überraschend ei ­ne Einladung der Römerbad-Musik ­ta ­ge. Ich sollte dort die drei Violin ­etü ­den meines Bruders (Jörg Widmann, die Red.) spielen. Es waren etwa 70 bis 80 Leute im Saal, aber darunter eben auch Wolfgang Rihm, George Benjamin, Pierre Boulez, Michael Haefliger vom Luzern-Festival und eine Dame aus London, die mir einen Agenten beschaffte. Ich erhielt den Bel ­mont-Preis für zeitgenössische Musik, der auch mit viel Geld verbunden war. Auf einmal platzte der Knoten, was aus diesem Konzert entstand, hätte ich nie für möglich gehalten. Mir ist sehr bewusst, an welch seidenem Faden mein Schicksal hing.

Ihr Bruder ist Klarinettist und ein sehr erfolgreicher Komponist, Sie haben sich die Neue Musik zusammen erobert und treten immer wieder gemeinsam auf...

Das hat sich sehr verändert über die Jahre, in der Kindheit war er ein Kumpel und musikalischer Spielgenosse. Bei uns kam die Musik immer vom Spiel her und niemals von einem Perfektions ­drang, das kam erst viel später dazu. Es hat alles aus reinem Vergnügen begonnen. Nach meiner Rückkehr von meinem Studium in den USA wurde unser Verhältnis sehr symbiotisch, im täglichen Leben wie auf der Bühne. Wir haben uns gegenseitig inspiriert, sind heute in regelmäßigem Kontakt und tauschen uns aus. Er ist auf diesem nicht sehr einfachen Weg eines Profimusikers oft ein Gefährte, denn ich habe kaum Freunde unter Musikern. Es ist beruhigend zu wissen, dass da jemand ist, dem ich mich anvertrauen kann.

Carolin Widmann
<i>Carolin Widmann</i>

Sie konzipieren sehr eigene, genau durch ­dachte Recital-Programme. Wel ­ches Prinzip steckt dahinter?

Ein Recital ist wie eine Visitenkarte, ein Gesamtkunstwerk, in dem ich mich mit all meinem Geist und meinen Über ­zeugungen präsentiere. Und mit meiner Meinung, welche Musik ich für wert halte, gespielt oder entdeckt zu werden. Ein irgendwie beliebiges Recital hinterlässt keinen bleibenden Eindruck. Ich wollte immer, dass ein Konzert alles ausdrückt, was ich in diesem Moment verkörpern und zeigen will, Querverbin ­dun ­gen, auch Gegensätze. Es gibt viele interessante Wer ­ke, die man im Konzertsaal nie hört, die aber anders gehört werden, wenn sie mit Stücken kombiniert werden, die sehr oft gespielt werden. Und die man hoffentlich nicht oft so hört, wie ich sie interpretiere. Dieser extreme Individua ­lismus wurde mir immer mehr zu eigen, heute brauche ich das wie die Luft zum Atmen. Das Alltägliche hat im Konzert ­saal eigentlich nichts zu suchen, weil wir die Berechtigung, dass man uns zwei Stun ­den lang zuhört, nur dann haben, wenn wir etwas ganz Spezielles, etwas ganz Persönliches anbieten. Und das bedeutet sehr viel mehr Aufwand, weil man nicht immer das gleiche Pro ­gramm abspulen kann, sondern weil ich es anpassen muss an die jeweiligen Gegeben ­hei ­ten, den Ort, das Publikum, ein bestimmtes Jubliäum. Aber das ist viel befriedigen ­der. Massenproduktion ist keine Option für mich.

Bei Ihrem Recital mit Alexander Lon ­quich hier in Frankfurt stehen Werke von Schubert und Ives auf dem Pro ­gramm. Diese Brücke muss man erst einmal bauen...

Ja, aber mir ist sofort aufgefallen, dass das funktionieren kann, als ich mich genauer mit den Ives-Sonaten beschäftigt habe. Ives wird interessanterweise von der modernen Musik sehr geschätzt und hat sich auch im Establishment, zumindest in Amerika, inzwischen durchgesetzt. Zu Lebzeiten wurde er natürlich verkannt. Und Schubert schafft es, höchst intellektuelle Musiker zu begeistern, gleichzeitig wird er aber auch auf »Klas ­sikradio« gesendet. Schubert berührt gewissermaßen mit den Beinen die Erde und mit dem Kopf den Himmel, er verbindet das ganz Bodenständige mit dem Metaphysischen. Da fängt für mich die ganz große Kunst an. Die Kunst, die nur verkopft ist und nur theoretisch funktioniert, hat bei mir noch nie etwas ausgelöst und die Musik, die nur populär sein will und meinem Kopf kein Futter gibt, genauso wenig. Auch Ives war seiner Zeit formal und stilistisch weit vo-raus. Sehr offensichtlich ist bei ihm das Volksliedhafte, da klingen Ragtimes, Marschmusik und Kirchenlieder an. Ähnliches findet man bei Schubert und in der Poulenc-Sonate, die wir noch dazukombinieren.


Den kompletten Artikel lesen Sie in der Ausgabe Juni 2012