Thomanerchor

Lauterkeit und Wasserpistolen

Der Thomanerchor in Leipzig ist wohl der bekannteste Knabenchor der Welt. Ein Chor voller Tradition – nicht erst seitdem Johann Sebastian Bach dort als Thomaskantor gewirkt hat. In diesem Jahr feiern die Thomaner ihr 800-jähriges Gründungsjubiläum. Die Tradition lebt fort – und wird behutsam gewandelt, wie Clemens Haustein bei einem Besuch feststellte.

Fotos: Dirk Brzoska/PR; Thomanerchor/Gert Mothes
<i>Fotos: Dirk Brzoska/PR; Thomanerchor/Gert Mothes</i>

Der Hort der Tradition ist derzeit eine Containerburg. Drei Stockwerke hoch, 156 Wohnmodule, die wie Le ­go ­steine auf- und nebeneinandergesetzt wurden. Kein sehr romantischer Ort. Die Wände sind kahl, hier und da ein paar Tafeln mit Bildern und Informationen aus 800-jähriger Geschichte, gleich am Eingang steht ein Tischfußballtisch. Der Thomanerchor wohnt im Jahr des Jubiläums in einem blechernen Provisorium. Das eigentliche Alumnat, der so genannte »Kasten« auf der Straßenseite gegenüber, wird derzeit umgebaut.

Die rund 80 jungen Bewohner sind gerade aus der benachbarten Thomasschule zurückgekehrt, sitzen beim Mittagessen in einem Raum, der in seiner Schmucklosigkeit an den Esssaal einer Jugendherberge erinnert, und sind quietschvergnügt. Es gibt Fischfilet und Kartoffelbrei, und als nach strammen 20 Minuten das Ende der Mahlzeit naht, setzt plötzlich ein Höllenlärm ein. Es wird auf die Tische geklopft, als sei hier eine Horde Kesselflicker am Werk, das Besteck tanzt, die Tassen und Teller klirren. Eine ohrenbetäubende Prozessionsmusik für acht Jungs, die im Gänsemarsch von der Essensausgabe zu einem der Tische gehen. Franz hat heute Geburtstag, und das will gefeiert sein: Von der Küche gibt es eine Tafel Schokolade und eine brennende Kerze, und diese Präsente werden von den Stubenkameraden nun überreicht. Vom Kantor wird später eine weitere Tafel dazukommen, und abends wird dann noch einmal ein bisschen auf der Stube gefeiert. Geburtstag bei den Thomanern in Leipzig, dem wohl bekanntesten Knabenchor der Welt.

Der äußere Rahmen mag schmucklos wirken, gewöhnlich. Was diesen Ort belebt, ist der innere Reichtum, der für den Außenstehenden an Kleinigkeiten spürbar wird – schon bald nach dem Geburts ­tagslärm. Die Stubenältesten beginnen ihre Ansagen nach dem Essen jeweils mit einem »Silentium«-Ruf. Und dann: Man soll sich doch bei dem heißen Wetter vor dem Essen waschen, vor allem diejenigen, die lange Haare haben, bei den Wasserschlachten möchten doch bitte alle aufpassen, dass keine Unbeteiligten in Mitleidenschaft gezogen würden; außerdem seien einige Konzertanzüge noch nicht zurückgegeben worden. Es gibt für den Chor zwar festangestellte Erzieher, doch viel Verantwortung wird den Ältesten anvertraut, die kurz vor dem Abitur sind, sie stehen den Stuben aus neun oder zehn Knaben vor. Das ist seit jeher Tradition und soll auch im renovierten Alumnat beibehalten werden. Es gibt dann keine Schlafsäle mehr, sondern Zweierzimmer, die zu Wohngemeinschaften zusammengeschlossen sind, die Ältes ­ten bleiben. Ein Beispiel vom behutsamen Wandel einer Tra ­dition.

Es ist ein heißer Tag Ende Mai, bis zu den täglichen Nachmit ­tagsproben ist noch etwas Zeit. Vor dem Interimsgebäude werden gigantische Wasserpistolen ausgepackt, und der Fußball ­platz auf der anderen Straßenseite bevölkert sich. Chorknaben in Barcelona- und FC Bayern-Trikots. Die Normalität ist näher, als man denkt, wenn man das Bild der Knaben in ihren Kieler Blusen vor Augen hat. Der enge Zeitplan eines Thomaners mit Stimmbildung, Instrumentalunterricht und Chorproben mag nach strengem Regiment klingen – manches erinnert aber auch an eine ewig dauernde Musik- oder Theaterfreizeit, wo konzentrierte Arbeit mit intensivem Gemeinschaftserlebnis einhergeht. Vielen Abgängern fällt der Abschied schwer.

Eine Straßenecke weiter ist eine andere Welt. Kein Contai ­ner ­haus, sondern eine der zahlreichen Bürgervillen der Grün ­derzeit, die man in Leipzig sehen kann: die »Villa Thomana«. Der Parkettboden knarzt, die Decken sind hoch, die Treppen breit, das Licht düster. Hier gibt es Probenräume, Überäume mit Klavieren und kleinen Orgeln. Und ganz oben das Büro des Thomaskantors Georg Christoph Biller. Ein Flügel steht in der Mitte des Zimmers, ein Regal vollgestopft mit Noten am einen Ende, auf der anderen Seite hinter dem Schreibtisch ein Regal voller Bücher, eine Bibel gleich auf Sitzhöhe hinter dem Dreh ­stuhl.

Der Thomaskantor scheint sich im Laufe der Jahre an seinen berühmtesten Vorgänger angenähert zu haben: die wuchtige Erscheinung, der kräftige Kopf, weiche Züge, die ein wenig streng wirken, ungebärdiges Lockenhaar. Es sind auch Jahr ­hunderte mitteldeutscher Kantoren-Tradition, die einem da gegenübertreten: Pflichtbewusstsein, Handwerklichkeit, strenge Demut, polteriger Witz. Auch Selbstaufopfe ­rung. Biller, geboren in einer sächsischen Pasto ­renfamilie, war selbst Thomaner, 1992 wurde er als neuer Kantor berufen und führte den Chor behutsam in die Nachwendezeit: stilistisch und auch was den Umgang mit der Religion betrifft. Er brachte musikalische Beweglichkeit in den Chor, verabschiedete sich vom kraftstrotzend romantisierenden Aufführungsstil, verbreiterte das Repertoire um Musik der Vor-Bach-Zeit, auch um neue Musik und entdeckte den liturgischen Rahmen des Gottesdienstes für den Chor neu.

Biller ist Chorleiter, Erzieher, Religionslehrer und Tradi ­tionsbewahrer zugleich. Und damit befindet er sich gleichsam am Schnittpunkt alles Unzeitgemäßen: Warum singen? Wa ­rum Re ­li ­gion? Warum von Kindern Disziplin einfordern? Bil ­ler antwortet auf all das mit einer Mischung aus Vertrauen auf das Überlieferte und kämpferischem Vorpreschen: »Wir sind unserer Zeit voraus«, sagt er dann. Es gebe doch einen Trend, dass von Kindern wieder mehr gefordert werde, dass sich Eltern über Erziehung und Aus ­bil ­dung zunehmend Gedanken ­machten.

Und dann erzählt er die Geschichte, wie ihm bewusst wurde, dass sich Einschränkung und Kreativität gegenseitig bedingen. Wie er auf dem Rückflug von der Südamerikatournee des Cho ­res im vergangenen Jahr nicht habe schlafen können, Möglich ­keiten zur Ablenkung gab es keine, der Bildschirm in der Lehne des Vordersitzes war kaputt, und auch zu lesen hatte er nichts mehr. Und genau in dieser Situation, eingequetscht auf seinem Sitz, zur Untätigkeit verdammt, sei seine Fantasie plötzlich sehr tätig geworden: Genau in diesem Moment sei ihm der Beginn für ein Chorstück eingefallen, das er für das Jubi ­läumsjahr komponieren wollte. »Wenn die Fesseln weg sind, ist die Fantasie nicht größer«, sagt er nun. Es ist sein Plädoyer für Regeln und Übereinkünfte, hinter denen mancher vor allem einen Eingriff in die persönliche Freiheit sieht. Für Biller wird Freiheit so erst möglich.

Kieler Blusen und dunkle Anzüge: Seit Jahrzehnten hat sich an der Dienstkleidung der jungen Sängerknaben nichts geändert. Tradition wird bei den Thomanern allerdings nicht nur bei den Textilien großgeschrieben – und das sei
Kieler Blusen und dunkle Anzüge: Seit Jahrzehnten hat sich an der Dienstkleidung der jungen Sängerknaben nichts geändert. Tradition wird bei den Thomanern allerdings nicht nur bei den Textilien großgeschrieben – und das seit 800 Jahren.

Den kompletten Artikel lesen Sie in der Ausgabe September 2012