La Fura dels Baus

Die Traummaschine

Ohne die Gruppe La Fura dels Baus wäre das Theaterleben heute nur halb so bunt. Längst haben die für ihre visuelle Kraft berühmten Katalanen auch die Oper für sich entdeckt. Unser Autor Juan Antonio Llorente sprach mit Carlus Padrissa, einem der Mitbegründer von La Fura. Ins Deutsche übertragen von Jost Hempel.

Mit atemberaubenden visuellen Eindrücken verzaubert La Fura dels Baus immer wieder ihr Publikum, wie hier in München bei Puccinis „Turandot“. (Foto: Wilfried Hösl/Bayerische Staatsoper München)
<i>Mit atemberaubenden visuellen Eindrücken verzaubert La Fura dels Baus immer wieder ihr Publikum, wie hier in München bei Puccinis „Turandot“. (Foto: Wilfried Hösl/Bayerische Staatsoper München)</i>

Sie haben das Theater ins Gefängnis geholt, in die Fabri ­k ­halle und ins Leichenschauhaus. Von den einen verehrt, von den anderen geächtet, vollbringen die Mit ­glieder von La Fura dels Baus schon seit 30 Jahren Wunder auf den unterschiedlichsten Bühnen. Mittlerweile haben sie ihre fantasievollen Ideen auch in den Dienst der Oper gestellt. Über ­all auf der Welt wird der Name heute als Garant für modernes und ungewöhnliches Musiktheater angesehen. Vor allem Àlex Ollé und Carlus Padrissa, zwei der sechs Mitglieder jener »Traum ­maschine«, die ihr Publikum trotz überraschender Bildeffekte mit ihrer klaren Aus ­druckskraft verzaubert, stehen für spektakuläre Opern ­abende in Fura-Manier. Weithin beachtet waren ihre Produktionen etwa von Wagners »Ring des Nibelungen« für den Palau de les Arts Reina Sofia in Valencia 2007, 2009 am selben Haus Berlioz´ »Trojaner«, ebenfalls 2009 Ligetis »Le grand macabre« am Teatre del Liceu in Barcelona oder 2011 Glucks »Orfeo ed Euridice« beim Festival Castell de Peralda. Mit der Fura-dels-Baus-Adaption von Brecht/Weills »Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny« begann am Teatro Real in Madrid im Jahre 2010 die Amtszeit von Gerard Mortier – ein wichtiger Förderer in der steilen Opernkarriere der Truppe.

Auch in Deutschland ist die »Furero-Sprache« dem Publi ­kum geläufig. Bereits mehrfach haben die Katalanen hierzulande gastiert und inszeniert. So hatte Carlus Padrissa bereits 2002 sein Deutschland-Debüt mit seiner Mannheimer Insze ­nierung von Giorgio Battistellis »Auf den Marmorklippen« und adaptierte Stockhausens »Michaels Reise um die Erde« aus »Donnerstag aus Licht« im Jahr 2008, eine Aufführung zu Ehren des Komponisten, die jedoch durch dessen Tod kurz zuvor ohne ihn stattfinden musste. Letztes Jahr hatte Padrissa das Publikum der Bayerischen Staatsoper in München mit dem

3D-Opernexpermiment »Turandot« überzeugt. In Bälde wird er am selben Haus die Uraufführung von Jörg Widmanns Mu ­siktheaterprojekt »Babylon« betreuen, das der Komponist auf ein Libretto von Peter Sloterdijk schrieb. Man darf auf eine spektakuläre Produktion gespannt sein.

Seit einigen Jahren beschäftigt sich La Fura dels Baus mit Musiktheater. Hat sich die Arbeitsweise der Gruppe seit dieser Erfahrung verändert?

Mehr als unsere Arbeitsweise hat sich unsere Wahrnehmung verändert. Wir haben gelernt, uns nach allen Richtungen der Musik zu öffnen. Und wir haben gelernt, dass sich die Erar ­beitung einer Oper nicht wesentlich von dem unterscheidet, was wir vorher gemacht haben. Wir waren schon immer Spe ­zialisten für Live-Acts, die jedes Mal diese Einmaligkeit in sich tragen, die es im Film zum Beispiel nicht gibt. Aber mehr als alles andere hat es Ruhe in unsere Arbeit gebracht. Denn man plant weit im Voraus, und das macht die Dinge einfacher. Jetzt zum Beispiel hat man uns gerade für eine Produktion im Liceu für die Spielzeit 2016/2017 verpflichtet. Wie das Ergebnis ausfällt, hängt letztlich natürlich nicht nur von uns ab, sondern vor allem von den Fähigkeiten der musikalischen Leitung, des Orchesters und der Sänger. Aber auch vom Tag, von den Ster ­nen und vielen anderen Dingen, die dazukommen. Wenn die Bedingungen günstig sind, unter denen Kunst entsteht, kann alles zu einem unvergesslichen, allerdings unwiederholbaren Ereignis werden.

Erinnern Sie sich an einen solchen besonderen Moment?

Ja, unsere erste Opernarbeit, Manuel de Fallas »Atlántida« in Granada. Wir waren uns im Vorfeld gar nicht darüber bewusst, was wir da eigentlich taten. Wir kamen vom Theater, wo man uns bereits als eine Kultgruppe der Avantgarde-Szene wahrgenommen hatte. Der Vorschlag, wir könnten uns mal am Musiktheater versuchen, kam vom damaligen Orchesterchef in Granada, Josep Pons. Dem Leiter des Festivals gefiel die Idee, und man nahm uns ins Programm auf. Bis zur Premiere im Sommer 1996 waren wir eineinhalb Jahre mit der Umsetzung beschäftigt. Ein anderer magischer Moment, der mir einfällt, war unser Projekt zur Eröffnung der Olympischen Spiele in Barcelona 1992.

Irgendwann haben Sie davon gesprochen, dass Sie gerne einmal »Macbeth« produzieren würden. Das Verdi-Jahr 2013 wäre doch eine gute Gelegenheit dafür. Oder bereiten Sie andere Überraschungen vor?

Das tun wir. Man hat uns gebeten, in der Arena von Verona »Aida« als große Produktion für die 200-Jahr-Feier zu inszenieren. Pas ­senderweise wird gleichzeitig das 100-jährige Jubiläum des Festivals begangen, das seinerzeit mit »Aida« eröffnet wurde – um den hundertsten Ge ­burtstag von Verdi zu feiern. Zu römischen Zeiten gab es in der Arena von Verona Brot und Spiele. Heute gibt es für die 10.000 Menschen, die dort hineinpassen, Brot und Opern ­spiele. Und was für welche! In unserer »Aida« werden Sie Elefanten und Pferde zu sehen bekommen (allerdings keine echten, sondern mechanische). Ein olympisches Konzept für die ganze Familie: für alle, für Großeltern, Eltern und Kinder.

Haben Sie eine neue Schule begründet?

Wenn ich mich umschaue, ist die Welt tatsächlich ein wenig mehr wie La Fura geworden. Man könnte auch sagen: vollständiger. Das sage ich so natürlich aus der Sicht von La Fura, auch wenn wir nicht die Einzigen waren, die auf diesen Trend gesetzt haben. Um zu sehen, in welche Richtung sich alles entwickelt, reicht ein Blick nach Deutschland, wo der vorherrschende Theaterstil sehr übertrieben ist. In München macht man Inszenie ­run ­gen, die viel radikaler sind als das, was wir machen. Hatte früher der Text eine vorherrschende Rolle, so ist es heute das Regie ­theater.


Den kompletten Artikel lesen Sie in der Ausgabe Oktober 2012