Georg Solti

Der brüllende Schädel

Allesfresser, Pultdiktator, Jetset-Dirigent: Zum 100. Geburtstag lassen sich etliche Vorurteile gegenüber Georg Solti revidieren. Vor allem war er es, der für jene Globalisierung und kommerzielle Internationalisierung des Klassikbetriebs sorgte, die bis heute maßgeblich ist. Von Kai Luehrs-Kaiser.

(Fotos: Decca)
<i>(Fotos: Decca)</i>

Georg, der Schreckliche« oder »The Screaming Skull« (der brüllende Schädel) – die Bezeichnungen, die man in London für den Dirigenten Georg Solti erfand, deuten nicht auf einen hohen Beliebtheitsgrad und ein verträgliches Temperament hin. Mehr noch: 15 Jahre nach seinem Tod – am 5. September 1997 starb Georg Solti im französischen Antibes – dürften viele Kenner den Maestro am ehes ­ten für einen Großmeister halten, über den die Zeit, gelinde gesagt, hinweggegangen ist.

Dieser Eindruck täuscht. Das eckige, nassforsche Tempe ­ra ­ment Soltis, der mit Ellenbogen dirigierte und die Welt flächendeckend mit Standardaufnahmen des heutigen Kern ­re ­per ­toires überzog, lässt übersehen: Er hat nicht nur den ersten – und bis heute vielleicht besten – »Ring des Nibelungen« von Wagner auf Schallplatte gebannt; eine Großtat, auf die freilich 1983 bei den Bayreuther Fest ­spie ­len ein heftiger Reinfall Soltis mit demselben Werkzyklus folgte. Nein, Solti war auch der Erste, dem in der Nachkriegszeit der Sprung eines Eu ­ro ­päers nach Amerika gelang. Und der damit für jene Globalisierung und kommerzielle Inter ­nationalisierung des Klassikbetriebs sorgte, die bis heute maßgeblich geblieben ist. Er schaffte, was Karajan und Furtwängler verwehrt geblieben war.

Auch die Trefferquote innerhalb seines Schallplattenerbes scheint höher als bei unmittelbaren Konkurrenten. Zum Ver ­gleich: Manövrierten sich etwa Karajan und Bernstein bei der Barockmusik (von Manfredini bis zu Händel und Bach) hoffnungslos ins Abseits, so besticht Solti selbst in diesem Bereich durch rhythmische Knackigkeit und Direktheit. Es ist gar nicht leicht, Solti bei einer echten Repertoireschwäche zu ertappen. Dieser Befund mag überraschen. Er erklärt sich durch die – ebenfalls gern übersehene – Tatsache, dass Soltis Repertoire eben überhaupt nicht so allumfassend groß war wie man allgemein annehmen würde.

Die Repertoiregrenzen des am 21. Oktober 1912 in Budapest geborenen Sohnes eines erfolglosen Mehlhändlers und Im ­mo ­bi ­lienmaklers sind enger gezogen, als man gemeinhin denkt. Die Zahl der von ihm dirigierten Komponisten ist weit geringer als etwa bei Claudio Abbado oder Neville Marriner (deren Karrieren sich mit derjenigen Soltis überlappten). Daraus folgt: Den Eindruck einer Universalwaffe erzeugte Solti nicht durch abenteuerlich ausschweifende Repertoireexpeditionen. Sondern durch Trefferdichte. Auf die Frage eines erstaunt klingenden Joachim Fest (bei einer »Berliner Lektion« im Jahr 1995), wie er selber seine große Karriere erkläre, kokettierte Solti nicht unklug damit, auf diese Frage gäbe es zwei Antworten: eine bescheidene und eine unbescheidene. »Die beschei ­dene Antwort: Ich hatte Glück.« Und die unbescheidene? »Ich hatte Talent!«

Vergegenwärtigt man sich die unglaubliche Tatsache, dass Soltis Dirigate von Wagners »Siegfried« und »Götterdämmerung« bei den entsprechenden Schallplat ­ten ­produktionen 1963/65 Erstbegegnungen waren – Solti kannte die Werke nicht! –, so wird einem das Ausmaß seiner suggestiven Begabung schlagartig bewusst. Der Bariton Dietrich Fi ­scher-Dieskau erzählte dem Verfasser dieser Zeilen noch wenige Wochen vor seinem Tod, er habe Solti bei den Recording-Ses ­sions der »Götterdämmerung« in Wien die Partie des Gunther jeweils vorsingen müssen; worauf sich auf dem Gesicht Soltis ein breites Grinsen malte, so als falle es ihm wie Schuppen von den Augen. Solti lernte die entsprechenden Passagen damals erst neu kennen.

Ein „Ring“, zwei Schmiede: Zusammen mit dem Tontechniker John Culshaw rückte Georg Solti Wagners Monumental-Zyklus „Der Ring des Nibelungen“ zu Leibe.
<i>Ein „Ring“, zwei Schmiede: Zusammen mit dem Tontechniker John Culshaw rückte Georg Solti Wagners Monumental-Zyklus „Der Ring des Nibelungen“ zu Leibe.</i>

Gleichfalls gern verkannt wird der Umstand, dass Solti, obwohl man ihn als untrennbar mit Metropolen wie Chicago und London in Verbindung bringt, in Wirklichkeit reinstes Produkt des deutschen Stadttheaterwesens war. 1932 hatte ihn Josef Krips nach Karlsruhe zu binden versucht (was die Nazis vereitelten). Nach Soltis Exil in Zürich, das er als privater Korre ­petitor und Pianist zubrachte, wollte man ihn nach Stuttgart locken, wo er 1947 »Fidelio« dirigiert hatte. Prompt wurde er von der Bayerischen Staatsoper abgeworben. Hier konnte er fünf Jahre lang (bis 1952) die Grundlagen seines Strauss- und Wagner-Repertoires festigen. In Frankfurt schließlich begründete er von 1952 bis 1961 eine Ära, an die man sich bis heute lebhaft genug erinnert.

Solti war ehrgeizig. Also begann er schon von Frankfurt aus seine Netze international auszuwerfen. Ab 1954 dirigierte er in Chicago – und an vielen anderen Orten der USA. Er wäre 1957 Chef der Lyric Opera in Chicago geworden, hätte dies nicht die damals mächtige Kritikerin Claudia Cassidy mit Gift und Galle verhindert. 1961 war er bereits beinahe Chef des Los Angeles Philharmonic Orchestra, zog dann aber die Notbremse, weil die Verpflichtung eines zweiten ständigen Dirigenten (namens Zubin Mehta) nicht mit ihm abgesprochen worden war. Aufhalten ließ er sich nicht: Von Frankfurt aus fiel er abrupt die Treppe hinauf zum Londoner Royal Opera House. Damals eine mutige Entscheidung, denn Solti war trotz allem nur ein in der deutschen Provinz verantwortlicher Dirigent aus der zweiten Reihe. Solti hat die Jahre in London rückblickend als seine schwersten bezeichnet. Das Stagione-Prinzip war er nicht gewohnt. Auch eine ihm liebgewordene Mittagspause musste er aufgeben, denn für die Londoner Musiker lohnte es sich nicht, zur Siesta an den Lon ­doner Stadtrand zurückzukehren (wo die meisten wohnten).

In London dirigierte Solti den größten Anteil zeitgenössischer Werke (von Schön ­berg bis zu Walton, von Britten und Michael Tippett). Mit Ausnahme einer einzigen, vorzüglichen »Moses und Aron«-Gesamtauf ­nah ­me wurde ihm derartiges Repertoire indes kaum von seiner Schallplattenfirma abverlangt. Solti blieb auch in dieser Hinsicht treu. Seine Verbindung zur Decca dauerte 51 Jahre. Es ist die bisher längste Exklusiv-Relation dieser Art.

Den Covent Garden übrigens führte Solti nach wechselvoll schwächelnden Jahren erstmals wieder an die Weltspitze zurück. Und bewährte sich auf diese Weise (nach dem glücklosen Rafael Kubelik) ebenso als »Herausputzer« wie zuvor in Frank ­furt und München – und wie danach in Chicago. Dort war es Jean Martinon nicht gelungen, das »Fritz-Reiner-Problem« einer übermächtigen Vergangenheit zu lösen. Einzelne Gruppen des Chicago Symphony Orchestra, als Solti 1969 seinen Dienst antrat, waren dermaßen zerstritten, dass sie nicht einmal mehr miteinander sprachen.

Nachdem Claudia Cassidy in den Ruhestand gegangen war, brach für Solti mit dem CSO eine glückliche Ehe von rund 28 Jahren Dauer an. Gewohnt hat er dort nie. Denn er hasste Chi ­ca ­go. Seine Harmonie mit dem Orchester indes war kein Zu ­fall. Das Chicago Symphony Or ­ches ­tra blickte schon damals auf eine ungarisch-deutsche Dirigententradition zurück – in Gestalt vormaliger Chefs wie Theo ­dore Thomas, Fre ­derick Stock und eben Fritz Reiner.

Soltis stilistische Kennzeichen blieben durch seine ganze Karriere hindurch konstant. Wäh ­rend eine polierte Klangoberfläche mit geschlossenen Farb ­fel ­dern zum Eindruck großer Kom ­paktheit der von ihm dirigierten Werke führt, belebt eine gern explosiv überpointierte Rhyth ­mik die Spannung und innere Geladenheit der Komposition. Mit diesem musikalischen Pro ­fil, das an Ein ­deu ­tig ­keit (man könnte auch sagen: an glücklicher Eindi ­men ­sio ­na ­lität) nichts zu wünschen übrig lässt, fand Solti einen erstaunlich geradlinigen Weg durch das Reper ­toi ­redickicht der damaligen Zeit. Denn merke: Unser heutiger, unflexibel und starr gewordener Kanon wurde durch Leute wie Solti erst geprägt.


Den kompletten Artikel lesen Sie in der Ausgabe Oktober 2012