Michael Korstick

»Dr. Beethoven« setzt neue Maßstäbe

Mendelssohn, Liszt, Reger, Debussy, Kabalewsky… Eigentlich ist der Pianist Michael Korstick ein Universalist, berühmt wurde er jedoch durch seine radikal objektivierenden und hochvirtuosen Beethoven-Aufnahmen. Nun erscheinen alle 32 Sonaten bei Oehms. Mario-Felix Vogt traf den Künstler in Bonn zum Gespräch.

Kein Komponist spielt in Michael Korsticks Leben so eine zentrale Rolle wie Ludwig van Beethoven. (Bild: Marion Koell/PR)
<i>Kein Komponist spielt in Michael Korsticks Leben so eine zentrale Rolle wie Ludwig van Beethoven. (Bild: Marion Koell/PR)</i>

Herr Korstick, gab es in Ihrer Jugend ein besonderes Beet ­ho ­ven-Erlebnis?

Oh ja. Das war das erste Konzert, in das ich mitgenommen wurde, ich muss damals etwa zehn bis elf Jahre alt gewesen sein. Es war ein Klavierabend mit »Beetho ­vens Großmutter«: Elly Ney. Sie spielte die »Pathé ­ti ­que«, »Mondschein-Sonate«, »Ap-pas ­sio ­ ­nata«, und op. 111 war auch noch mit ­verpackt. Ich hatte all diese Stücke natür ­lich noch nie gehört und dachte dennoch: Irgendetwas stimmt hier nicht.

Was hat Sie gestört?

Ich empfand die Atmosphäre als sehr unecht. Das Publikum war zwar sehr ergriffen, doch das Konzert war nur Show. Wenn Sie selbst als Elfjähriger merken, dass das Klavierspiel eigentlich sehr fehlerhaft ist, dann ist das schon heftig.

Hatten Sie denn auch eine positive Beet ­hoven-Erfahrung in Ihrer Jugend?

Ja. Das waren die Aufnahmen von So ­lomon. Als ich diese Einspielungen gehört habe, dachte ich: So muss es sein. Ich kannte bis dahin nur die »üblichen Verdächtigen« wie Kempff, Arrau und Backhaus. Die galten damals als die Beet ­hoven-Interpreten, deren Spiel sagte mir jedoch wenig. Solomon hin ­gegen empfand ich wirklich als Erweckungs ­erleb ­nis. Sein Klavierspiel war auch gar nicht so kühl, wie ihm immer nachgesagt wurde. Ich glaube, dass diese Ein ­schätzung auf Vorurteilen beruht, weil er mit recht starrer Mimik spielte, qua ­si Pokerface, und fast keine Bewegungen machte. Wenn man sein Spiel jedoch nur hört, wirkt es alles andere als kühl.

Was fasziniert Sie so an Solomon?

Mich beeindrucken die natürliche Mu ­si ­kalität und der schöne Klang seines Spiels, außerdem passt seine unneurotische Musizierweise, die frei von jeglichem Manierismus ist, stilistisch perfekt zu Beethoven. Auf der anderen Seite beherrschte er auch das b-Moll-Konzert von Tschaikowsky hervorragend und musste bei Beethoven nicht irgendwelche Dinge tun, die andere Pianisten – ich nenne jetzt keine Namen – mit seinen Werken veranstalten, weil sie etwa keinen Rachmaninow beherrschen und sich dort nicht austoben können. Später, in den siebziger Jahren, begeisterten mich auch die Beethoven-Auf ­nah ­men von Emil Gi ­lels. Als ich sie kennen lern ­te, fühlte ich mich nicht mehr so alleine mit meinen »furcht ­baren« Ideen.

Sie haben mehrere Jahre in den USA gelebt und studiert. Wel ­chen Stellenwert hatte Beethoven dort? Ei ­nen ähnlich hohen wie in Deutsch ­land?

Nein, gar nicht. In jener Zeit galt Beet ­hoven an der Juilliard School eher als ­läs ­tige akademische Pflichtübung, denn die Pianisten, die damals dort unterrichtet haben, verkörperten ausnahmslos die russisch-romantische Tradition. Ich hatte damals bereits mein eigenes Beethoven-Bild entwickelt und habe das vehement gegen die dort herrschenden Vorstellungen verteidigen müssen.

Können Sie uns ein Beispiel dafür schildern?

Nun, meinen ersten Konflikt hatte ich mit einer Lehrerin der Aspen Music School, die im Rahmen des Festivals in Aspen organisiert wird. Sie hatte mich dafür nominiert, in einem Studen ­ten ­kon ­zert die »Hammerklaviersonate« zu spielen und wollte sich das Stück vorher nochmals komplett anhören. Nachdem ich ihr vorgespielt hatte, sagte sie: »Das ist im Prinzip alles in Ordnung. Nur den langsamen Satz kannst du nicht so langsam spielen, das ist entsetzlich, da schläft man ja ein.« Dann entwickelte sich ein Riesenstreit, doch ich gab nicht nach. Daraufhin entschied sie: »Dann spielst du auch nicht in dem Konzert! Denn ich habe ich dich dafür nominiert, das trägt den Stempel meiner Zustimmung.« »Gut, dann eben nicht«, sagte ich und bin aufgestanden und rausgegangen. Ich musste allerdings noch zwei Monate in Aspen »überwintern« bis zu meiner Auf ­ ­nahmeprüfung an der Juilliard School.


Den kompletten Artikel lesen Sie in der Ausgabe November 2012