Überblick der deutschen Chorszene

Deutschland singt

Der überschaubaren Anzahl an Profichören in Deutschland steht die gewaltige Menge von knapp 60.000 Laienchören gegenüber. Rund 1,5 Millionen aktive Sänger opfern regelmäßig einen Teil ihrer Freizeit für das Singen – eine Massenbewegung, die man sonst eher aus dem Breitensport kennt. Unser Autor Marcus Stäbler gibt einen Überblick der deutschen Chorszene und kommt zu dem Fazit: Singen verändert die Gesellschaft.

Der Rundfunkchor Berlin ist einer von sieben Rundfunkchören in Deutschland und gilt als einer der besten Chöre weltweit. Der erste Rundfunkchor wurde übrigens  1925 gegründet – ebenfalls in Berlin. (Foto: Matthias Heyde/PR)
<i>Der Rundfunkchor Berlin ist einer von sieben Rundfunkchören in Deutschland und gilt als einer der besten Chöre weltweit. Der erste Rundfunkchor wurde übrigens 1925 gegründet – ebenfalls in Berlin. (Foto: Matthias Heyde/PR)</i>

Wir glauben, dass Veränderung mit Singen im Chor beginnt«, steht auf einem Plakat hinter der Theke einer Kneipe in Hamburgs Stadtteil St. Pauli. Ein ungewöhnliches Statement in einer ungewöhnlichen Umgebung. Aber nur auf den ersten Blick. Denn die deutsche Chortradition stammt ursprünglich aus einem subversiven Milieu des Umbruchs. Als Carl Christian Fasch mit der Singakademie zu Berlin im Jahr 1792 den ersten gemischten Chor als dauerhafte Institution gründete, war das nichts weniger als ein revolutionärer Akt. Schließlich kamen hier Menschen unterschiedlicher Stände und Geschlechter zusammen, um gemeinsam zu singen. Adlige und Bürgerliche, Frauen und Männer bunt durcheinander gemischt – unerhört! Auch die reinen Männerchöre galten als politisch verdächtig und wurden von der Regierung misstrauisch beäugt.

Natürlich gab es schon Jahrhunderte vorher Vokalensembles in kirchlichen Zusammenhängen. Doch die bürgerliche Chor ­bewegung war eine Geburt der Aufklärung und erlebte im 19. Jahrhundert ihre Blütezeit. Die neuen Vereinigungen widmeten sich den großen Oratorien, von Händels »Messias« über Haydns »Schöpfung« bis zu den neueren Werken von Schu ­mann und Mendelssohn, mitunter in Riesenbesetzungen bei großen Sängerfesten mit mehreren Hundert Mitwirkenden.

Mit dem Beginn des 20. Jahrhunderts wandelte sich das Klima: Als musikalischer Protest gegen die überladene Spätromantik entstand die Singbewegung und mit ihr eine Wiederbelebung des schlichten Volkslieds und der älteren Vokalmusik. Dieser frische Geist strahlte auf verschiedene Bereiche der Gesellschaft aus, insbesondere auf die Kirche: Im Rahmen einer umfassenden Reform schufen viele Gemeinden hauptamtliche Kirchenmusikerstellen – eine Initialzündung für die Gründung einer Fülle von Kantoreien, die das Laien ­chor ­wesen bis heute maßgeblich prägen. Außerdem wurde 1925 in Berlin der erste deutsche Rundfunkchor gegründet.

Der Spezialist unter den Profichören: Der RIAS-Kammerchor ist nicht nur in der Alten Musik zu Hause, sondern trifft auch bei Zeitgenössischem immer den richtigen Ton. (Foto: Matthias Heyde/PR)
<i>Der Spezialist unter den Profichören: Der RIAS-Kammerchor ist nicht nur in der Alten Musik zu Hause, sondern trifft auch bei Zeitgenössischem immer den richtigen Ton. (Foto: Matthias Heyde/PR)</i>
Der Spezialist unter den Profichören: Der RIAS-Kammerchor ist nicht nur in der Alten Musik zu Hause, sondern trifft auch bei Zeitgenössischem immer den richtigen Ton. (Foto: Matthias Heyde/PR)
<i>Der Spezialist unter den Profichören: Der RIAS-Kammerchor ist nicht nur in der Alten Musik zu Hause, sondern trifft auch bei Zeitgenössischem immer den richtigen Ton. (Foto: Matthias Heyde/PR)</i>

Heute gibt es sieben Rundfunkchöre zwischen München, Hamburg, Köln und Leipzig, und dazu über 80 Opernchöre, in denen fast ausschließlich Sänger mit abgeschlossenem Gesangsstudium fest angestellt sind. Sie stehen an der Spitze einer reich differenzierten Chorlandschaft mit ganz unterschiedlichen Abstufungen des Anspruchs und der musikalischen Ausrichtung.

In einer kleinen Gruppe von professionellen Projektchören – darunter etwa der Balthasar-Neumann-Chor, der Deutsche Kammerchor, das Vocalconsort Berlin oder der Kammerchor Stuttgart, um nur einige zu nennen – werden die Sänger ebenfalls bezahlt, aber jeweils nur für einen begrenzten Zeitraum engagiert. Eine Etage darunter, bei den semipro ­fessionellen Chören, herrscht oft eine Mi ­schung aus Sängern, die zumindest zeitweise ihren Lebensunterhalt mit dem Gesang oder der Musik bestreiten, und engagierten, häufig gut ausgebildeten Laien.

Das breite Fundament der deutschen Chor ­landschaft bilden jedoch die Laienchöre, die ein gewaltiges Spektrum verschiedener Stile und Qualitätsniveaus abdecken. Die Bandbreite reicht vom Cuxhavener Lotsenchor bis zu den lesbisch-schwulen »Queerflöten« in Freiburg, vom Sebnitzer Bergstei ­gerchor in der Sächsischen Schweiz bis zur den Kölner Fleischer ­sän ­gern. Laut Statistik des Deutschen Musikinfor ­mations ­zen ­t ­rums   gibt es in Deutschland knapp 60.000 Chöre mit rund 2,3 Millionen Mitgliedern. Den mit Abstand größten Anteil daran haben die Kirchenchöre. Sie versammeln mehr als die Hälfte der aktiven Sänger.

Moritz Puschke vom Deutschen Chorverband geht außerdem davon aus, dass noch etwa eine Million Menschen in freien Ensembles aktiv sind, die sich der statistischen Erfassung entziehen, weil sie keine feste Vereinsstruktur haben und manchmal auch nur für sich singen, ganz ohne öffentliche Auftritte – etwa in Yoga-Gruppen und ähnlichen Formationen. Puschke beobachtet insgesamt eine erfreuliche Entwicklung: Nachdem die Anzahl der Mitglieder im Deutschen Chorver ­band seit 1980 jedes Jahr regelmäßig abnahm, scheint der Abwärtstrend seit 2008 gestoppt. Das Aussterben mancher älterer Ensembles – besonders bei den Männerchören – wird vor allem durch den Zuwachs bei den Kinderchören aufgewogen.

Das Chorsingen ist wieder »in« und erlebt derzeit eine Renaissance. Das zeigt sich an zahlreichen Neugründungen und A-cappella-Festivals, aber auch an Projekten wie den Mitsingkon ­zerten, die Simon Halsey mit dem Rundfunkchor Berlin ins Leben gerufen hat. Mittlerweile sind diese Events, bei denen Laien zusammen mit den Profis in der Berliner Phil ­har ­monie große Ora ­torien singen, binnen kurzer Zeit ausverkauft. In Berlin entstand auch der erste »Ich-kann-nicht-sin ­gen-Chor« für Sänger ohne Erfahrung und Noten ­kennt ­nisse, der inzwischen Kultstatus genießt und einige Nachfolger in anderen Städten gefunden hat. Trotz positiver Tendenzen wäre es allerdings falsch, von blühenden Chorlandschaften zu sprechen. Durch den Rückgang der hauptamtlichen Kirchenmusiker ­stellen sei die flächendeckende Versorgung heute nicht mehr gewährleistet, sagt Moritz Puschke – gerade in ländlichen Regionen im Norden und Osten der Republik.

Um dieser Verödung Einhalt zu gebieten, will der Deutsche Chorverband verstärkt Singangebote für Kinder in Kinder ­gärten und Grundschulen initiieren – mit einem Konzept, das vom Bundesbildungsministerium in den kommenden Jahren mit zehn Millionen Euro gefördert wird. Wenn viele junge Menschen früh mit dem Chorsingen in Kontakt kommen, wirkt sich das langfristig sicher auf die Erwachsenenchöre aus und verwandelt die Gesellschaft – weil Veränderung mit Singen im Chor beginnt.


Den kompletten Artikel lesen Sie in der Ausgabe Januar 2013