Ronald Brautigam

Keine Chance für »Großmutters Klavier«

Der Pianist Ronald Brautigam entdeckt revolutionären Geist in Beethovens Frühwerk und die Dramatik in Mozarts Klavierkonzerten. Dass er auch eine Vergangenheit als Rockmusiker hat, erfuhr Mario-Felix Vogt beim Gespräch mit ihm in Köln.

(Foto: Marco Borggreve/PR)
<i>(Foto: Marco Borggreve/PR)</i>

Er ist ein unkonventioneller Künstler ­typ, der mit seiner Lö ­wenmähne ein wenig an Beet ­hoven erinnert. Doch die Grimmigkeit und die finsteren Gesichtszüge, mit denen der Bonner Komponist fast durchgängig porträtiert wird, gehen Ronald Brautigam völlig ab. Der Niederländer ist ein Mensch, der gerne und viel lacht, kein Wunder, dass er sich für die humorigen Werke Joseph Haydns begeistert. Dessen komplette Klaviermusik spielte er für das Label BIS auf dem Hammer ­flügel ein, ebenso das gesamte Klavier ­werk von Mozart. Auf die Frage, welche Mozart-Interpreten ihn besonders geprägt haben, nennt er zunächst Rudolf Serkin, seinen ehemaligen Lehrer: »Sein Mozart-Spiel hat mich lange Zeit stark beeinflusst. Mittlerweile habe ich davon jedoch etwas Abstand genommen, da Mozart vielleicht nicht zu seinen größ ­ten Stärken gehörte. Zu Beethoven passte Serkins markante Spielweise ganz gut, aber bei Mozart fehlte mir dann doch etwas.« Als weiteren favorisierten Mo ­zart-Pianisten nennt Brautigam überraschenderweise einen Künstler, der eine diamet ­ral andere Ästhetik vertritt als er selbst: Murray Perahia. »Seine Ein ­spie ­lungen finde ich auch immer noch schön.«

Grundsätzlich meint Brautigam allerdings, dass Mozart auf dem modernen Flügel »oft zu poliert, zu glatt« klingt. Als er dessen Werke noch auf dem Steinway-Flügel spielte, hatte er immer das Gefühl, dass irgendetwas nicht passt: »Es hat lange gedauert, bis ich gemerkt habe, was denn eigentlich nicht stimmt. Das hatte weder mit der Musik noch mit der Interpretation zu tun, sondern mit dem Instrument, das nicht für Mozarts Musik bestimmt war.« Dann entdeckte Brautigam die Flügel des amerikanischen Klavierbauers Paul McNulty nach historischen Vorbildern und merkte: »Das ist die Lösung! Auf dem Hammerflügel lässt sich Mozarts einfach dramatischer und kraftvoller darstellen. Ich habe gleich ein Instrument bei ihm bestellt.« Anschließend beschäftigte sich Brautigam intensiv mit den Aufnahmen seiner Hammerflügel-Kollegen. »Ich habe ich mich damals sehr an den Einspielungen von Jos van Immerseel und Malcolm Bilson orientiert, die mir immer noch sehr gut gefallen.« Zurzeit legt er jedoch keine Mozart-CDs von Kollegen auf, damit sein eigenes Spiel möglichst frisch und unbeeinflusst bleibt: »Wenn man sich andere Aufnahmen anhört, besteht doch immer die Gefahr, dass man davon unbewusst ein bisschen mitnimmt«, erklärt er.

Brautigams Mozart-Spiel zeichnet sich durch Klarheit, Texttreue und die Tendenz zur großen Linie aus. Extreme agogische Freiheiten, wie sie sich etwa der neue Star des Ham ­merflügels Kristian Bezuidenhout in Mozarts d-Moll-Fantasie leistet, würde er sich niemals herausnehmen; dennoch wirken Brautigams Interpretationen nicht akademisch-trocken, sondern dank zügiger Tempi und forschem Zugriff schwungvoll und lebendig.

Der Niederländer zieht historisch korrekte Reproduktionen einem alten Instrument grundsätzlich vor: »Sie klingen besser und sind einfacher zu stimmen. Mit den Flügeln, die schon 200 Jahre alt sind, gibt es immer Probleme. Die klingen immer ein bisschen nach ,Groß ­mutters Klavier‘.« (lacht) Für die Aufnahmen der Mozart-Klavier ­konzerte kamen bisher   zwei verschiedene Nach ­ ­bauten historischer Walter-Flügel zum Einsatz, die beide aus der Werkstatt von Paul McNulty stammen: ein kleineres Instrument aus dem eigenen Bestand von Brautigam sowie ein etwas größerer Flügel mit einem Tonumfang von fünfeinhalb Oktaven: »Besonders für das Konzert Nr. 27 ist ein größer dimensioniertes Instrument sinnvoll, denn da spielt sich so viel in der hohen Lage ab, und das würde auf einem kleinen Flügel ein bisschen dünn klingen. Auch für das d-Moll-Konzert ist dieses Instrument sehr gut geeignet, weil es ein bisschen mehr Dramatik zulässt.«

Für die Aufnahmen der ganz frühen Mozart-Konzerte wird Brau ­tigam auf den Nachbau eines Flügels des Augsburger Klavierbauers Johann Andreas Stein zurückgreifen, dessen Instrumente Mozart – wie jene von Anton Walter – kannte und schätzte. »Für diese Werke braucht man einen Hammerflügel, der fast noch wie ein Cembalo klingt«, erklärt Brautigam, » der Klang des Stein-Flügels ist etwas dünner und noch etwas barock.« Außerdem lasse sich auf diesen kleineren Instrumenten auch besser artikulieren: »Das Staccato-Spiel darauf klingt ganz trocken, während es bei den neueren Instrumenten immer einen kleinen Nachklang gibt.« Als Stimmung entschied er sich für den »Rousseau«-Standard, »er ist nahe an der wohltemperierten Stimmung«. Was die Kadenzen angeht, so spielt er stets Mo ­zarts eigene, falls vorhanden. In den Sätzen, wo sie fehlen, spielt Brau ­tigam Selbstverfasstes. Dabei hat er Anfang und Ende der Kadenz festgelegt und improvisiert den Mittelteil.

Mit der Kölner Akademie und dem amerikanischen Dirigenten Michael Alexander Willens fand Ronald Brautigam seelenverwandte Musizierpartner für die Mozart-Konzerte. (Foto: BIS)
<i>Mit der Kölner Akademie und dem amerikanischen Dirigenten Michael Alexander Willens fand Ronald Brautigam seelenverwandte Musizierpartner für die Mozart-Konzerte. (Foto: BIS)</i>

Den kompletten Artikel lesen Sie in der Ausgabe April 2013