Dokumentarfilm

Vier Fäuste für ein Hoyotoho

Wagners »Ring« als Kurzfassung: In Buenos Aires ist dieses Projekt nach etlichen Querelen über die Bühne gegangen. Hans Christoph von Bock war dabei und legt nun einen Dokumentarfilm vor, der bei CMajor erscheint und zudem an zwei Abenden von der koproduzierenden Deutschen Welle ausgestrahlt wird. Von Kai Luehrs-Kaiser.

(Fotos: Samira Schellhaaß/PR)
(Fotos: Samira Schellhaaß/PR)</i>

Regisseurin weg! Das Orchester schwächelt. Der Dirigent verlässt partiturenklappend die Probe. Und Brünnhilde hat Zahnschmerzen. – Die Entstehungsbedingungen des »Rings an einem Abend« in Buenos Aires waren nervenaufreibend. Und trotzdem, wie der Regisseur der Film-Dokumentation Hans Christoph von Bock zugibt: »ein Glücksfall«. Nichts Besseres kann einer Dokumentation passieren als eine richtige, handfeste Krise. Für eine solche, man hätte es sich denken können, ist der so genannte »Ring, der nie gelungen« prädestiniert.

Jetzt erscheint der 93-minütige Film auf DVD – und bietet unter anderem eine ungeschönte Nahaufnahme der Absage von Katharina Wagner. Sie hatte nach Querelen mit der argentinischen Arbeitsmentalität das Handtuch geworfen. Auch der furiose Regie-Neueinstieg von Valentina Carrasco (»La Fura dels Baus«) und ein Kamikaze-Sprint zur Premiere werden vollemotional miterlebbar. Am Ende vereinigen sich alle – einschließlich Linda Watson als Brünnhilde und Leonid Zakhozhaev als Siegfried – zu einem Backstage-Urschrei der schmerzlösenden Art: Rebirthing-Geheule für eine Wagner-Revolution.

Zum Jubiliäums-Jahr 2013 sollte Wagners Hauptwerk, der Vierteiler »Der Ring des Nibelungen«, in einer experimentell gekürzten Version über die Bühne des Teatro Colón gehen. Aus 14 Stunden mach sieben! Schon immer hatte man den Verdacht, dass etliche Rückblenden und Umständlichkeiten Wagners eigentlich verzichtbar wären. Von hier war es zur Vision, eine Art ‚musikalischer Volksausgabe´ des Riesenwerks herzustellen, nur ein kleiner Schritt. Und gewiss viel Arbeit.

In Bezug auf den Bearbeiter Cord Garben wird im Film seitens mancher Musiker ein Nibelungen-Fluch ausgestoßen. Fehler in den Notenstimmen! Unzureichend abgeglichenes Material. Dabei hatte der ehemalige Produzent der Deutschen Grammophon nicht einmal Gelegenheit erhalten, das Notenmaterial einer letzten Korrektur zu unterziehen. Tut nichts. Das Stimmen- und Perspektiven-Puzzle im Film bildet eine umso siegreichere Erfolgsgeschichte ab, als sie streitbar und kontrovers bleiben wird. Darf man die schönen »Schmiedelieder« im »Siegfried« einfach weglassen, nur weil sie die Handlung nicht wesentlich voranbringen?! Darf man überhaupt von Wagners Al ­lerheiligstem eine »Reader´s Digest«-Fassung unter die Leute bringen?

Der Film erzählt in be ­währter Mischung aus Pro ­benimpressionen, Interview-Schnipseln und Stadtansichten den Countdown einer Sturzgeburt. Wenige Wochen bleiben der eingeflogenen Valentina Carrasco bis zur Premiere der neuneinhalb Stunden dauernden Produktion (einschließlich von insgesamt drei Pausen gerechnet). Dass sie ihr Konzept auf dem Flug angefertigt haben muss, geht schon aus der Tatsache hervor, dass der Intendant Pedro Pablo García Caffi sie überraschend wie ein Kaninchen aus dem Hut gezaubert hatte.

Vielleicht hätte aus dem Film noch klarer die Idee der Inszenierung hervorgehen können: Wagners »Rheingold«, das sind für Carrasco die Babys, die während des Regimes der Militärdiktatur an vielen Orten Argentiniens verschwanden. Ein nationales Tabu, an das seither wenige Menschen zu rühren wagen. Das aber als Hintergrund der Inszenierung vom Publikum offenbar sofort verstanden wurde. Das Gold sind Baby-Püppchen. Fricka und Wotan erscheinen als Evita und Juan Perón. Damit übernimmt Carrasco im Übrigen ein Interpretament der »Ring«-Inszenierung von La Fura dels Baus in Valencia. Auch dort gab es ein belebtes, vermenschlichtes »Rheingold« (das in Valencia indes für die Arbeitskraft der industriellen Revolution im 19. Jahrhundert stand).

Die Sänger der Produktion sind – der großen Wag ­ner-Tradition am Teatro Colón entsprechend – ansehnlich besetzt. Jukka Rasilainen (Wotan) und Andrew Shaw (Alberich), Marion Ammann (Sieglinde) und Stig Anderson (Siegmund): alles solide bis topsolide. Von der Bayerischen Staatsoper hatte man Kevin Conners (Mime). Daniel Sumegi singt sowohl Fasolt, Hunding wie auch Hagen. Dass gleich zwei Orchester (mit 160 Musikern) gebraucht werden, um die Länge der Aufführung zu bewältigen, war auch schon beim »Ring an vier Tagen« in Meiningen 2001 der Fall. Tatsächlich stellt ein solches Unternehmen die betreffenden Häuser vor derartige logistische und finanzielle Aufgaben, dass das Spektakel in Buenos Aires nur genau zwei Mal (!) aufgeführt wurde. Ob sich eine geplante Wiederaufnahme realisieren lässt, bleibt abzuwarten.

Und die Aufführung lässt trotzdem tiefer in das Wesen des Wagner´schen Komponierens blicken, als man dies erwarten konnte. Schon bei der Vorstellung des Projekts in Berlin, damals noch mit Katharina Wagner als Regisseurin, berichtete der Bearbeiter und »Wagner-Weightwatcher« Cord Garben, wie er auf die Idee einer siebenstündigen Kurzfassung gekommen war. Bei der Produktion der Gesamtaufnahme des Wagner-»Rings« an der New Yorker Met (1988-91 unter James Levine für die Deutsche Grammophon) sei er darauf gekommen, so Garben, dass Wagner »in Modulen« komponiert habe.

Diese »Modul-Technik« ist nicht nur als bloßes Abbild von Wagners Leitmotivik zu verstehen. Also nicht so, dass Wagner durch frei kombinierbare (und inhaltlich definierte) Motive mit einer Art Setzkasten operierte, aus dem er sich variabel und flexibel bedienen kann. Im Gespräch mit FONO FORUM präzisiert Garben: »Insbesondere bei den ersten beiden Opern des ,Ring‘, also im ,Rheingold‘ und in der ,Walküre‘, organisiert Wagner das Werk in Gestalt kürzerer, harmonisch in sich geschlossener Abschnitte.« Diese Passagen (oder »Module«) lassen sich intern, also innerhalb des Werkes verschieben – oder auch extrahieren. »Der Punkt ist, dass die harmonischen Anschlüsse, wenn man ein Modul entfernt, zwischen den stehen bleibenden Teilen stimmt. Man muss zumeist keine großen Modulationen vornehmen.«

(Fotos: Samira Schellhaaß/PR)
<i>(Fotos: Samira Schellhaaß/PR)</i>

Den kompletten Artikel lesen Sie in der Ausgabe Mai 2013