Piotr Beczala

»Ich liebe Oper«

Mit 46 Jahren erhält Piotr Beczala einen Exklusiv-Vertrag mit der deutschen Grammophon. Stetig hat er sich zu einem der besten lyrischen Tenöre unserer Zeit entwickelt. Das beweisen zwei aktuelle CDs, die den polnischen Tenor auf der Höhe seines Könnens zeigen. Björn Woll traf ihn nach einer »Bohème«-Vorstellung an der Wiener Staatsoper.

Ein Klassiker: Piotr Beczala als Rodolfo in der Uralt-„Bohème“-Inszenierung von Franco Zeffirelli aus dem Jahr 1963. (Foto: Wiener Staatsoper/Michael Pöhn)
<i>Ein Klassiker: Piotr Beczala als Rodolfo in der Uralt-„Bohème“-Inszenierung von Franco Zeffirelli aus dem Jahr 1963. (Foto: Wiener Staatsoper/Michael Pöhn)</i>

Die Zahlen sind schier unglaublich: 1963 wurde die »Bohème«-Inszenierung von Franco Zeffirelli das erste Mal gespielt, an diesem Abend findet die 399. Aufführung der Produktion statt – die Wiener Staatsoper ist bis auf den letzten Platz ausverkauft. Wer kein Ticket mehr ergattern konnte, dem bleibt die Live-Übertragung auf Leinwand vor der Oper. Doch leider spielt das Wiener Wetter nicht mit, Nieselregen und mäßige Temperaturen laden nicht gerade zum Verweilen im Freien ein. Während Rodolfo, Marcello und Co. auf der Bühne in ihrer Pariser Mansarde frieren, haben es sich einige wenige Hartgesottene unter Regencapes und Schirmen »gemütlich« gemacht. Ein Paar hat, dem Anlass entsprechend, sogar ein kleines Fläschchen Rotwein dabei – ein bisschen Luxus muss sein.

Musikalisch ist der Abend ein Triumph, der sich vor allem zwei Künstlern verdankt: Zum einen ist da Dirigent Andris Nelsons, der aus der Partitur ein Maximum an Details herauskitzelt, immer in perfekter Balance zwischen orchestraler Emphase und kammermusikalischer Intimität. Zum anderen ist da der Rodolfo des polnischen Tenors Piotr Beczala, der bereits für seine erste Arie mit ordentlich Szenenapplaus bedacht wird. Am nächsten Morgen nimmt er sich die Zeit für ein Gespräch in einem Hotel unweit der Staatsoper.

Herr Beczala, gestern Abend Puccini im Verdi-Jahr: Wen singen Sie lieber?

Die beiden kann man nicht in einen Topf werden. Man singt sie anders, tenoral kann man sie also gar nicht vergleichen. Ich bin gar kein so regelmäßiger Puccini-Sänger, bisher vor allem Rinuccio und Rodolfo. Mit Verdi ist es einfacher, weil er mehr für mein Stimmfach geschrieben hat.

Eine prägende Gestalt in Ihrer Ausbildung war Sena Jurinac, der Sie es nach eigenen Worten verdanken, dass aus Ihnen ein anständiger Sänger wurde. Wie meinen Sie das?

Dass ich überhaupt Sänger wurde, kann man sogar sagen. Ich habe wie viele Anfänger zu sehr auf meinen Instinkt und meine Stimmgewalt vertraut. Aber als junger Sänger zwischen 20 und 25 muss man erst singen lernen, man kann eine Karriere nicht mit Puccini anfangen. Ich hatte meine stimmlichen Probleme, zum Beispiel hatte ich keine Höhe als Student. Das Ergebnis war, dass ich viel zu schwere Arien gesungen habe, weil die etwas tiefer liegen. Sena Jurinac hat mir das mit deutlichen Worten ausgetrieben. Sie hat wörtlich gesagt: »Weg mit Puccini, her mit Mozart!« Obwohl für mich »Il mio tesoro« viel schwieriger zu singen war als Cavaradossi, wusste ich sofort, dass sie Recht hatte und dass der Weg länger und steiniger ist, als ich mir vorgestellt hatte. Ohne Sena Jurinac, wäre ich nicht da, wo ich jetzt bin.

Ihre ersten Sporen mussten Sie sich als Haustenor in Linz erarbeiten. Wenn Sie heute zurückblicken, war es eine gute oder eine schlechte Zeit?

Aus heutiger Sicht betrachte ich das als Glücksfall. Denn ich habe damals festgestellt, dass ich der einzige Tenor ohne hohes C am ganzen Theater war. Da wurde mir klar, dass ich wirklich noch schuften musste, um ein Level zu erreichen, auf dem ich akzeptabel singen konnte. Über mehrere Jahre habe ich mir dann mit meinem Gesangslehrer meine jetzige Technik von Grund auf erarbeitet. Man kann nicht sagen, dass jeder Tenor diese Jahre in einem kleinen Theater machen muss, aber für mich war das notwendig.

Ihr Debüt-Album bei Deutsche Grammophon ist Richard Tauber gewidmet, einem gebürtigen Linzer. Was macht den Ausnahmestatuts dieses Tenors aus?

Richard Tauber war vor, während und nach dem Krieg, der, ich könnte es riskieren zu sagen, beliebteste und bekannteste Tenor in Europa. An seiner Persönlichkeit kommt man also nicht vorbei. Insbesondere wenn man bedenkt, dass die nachfolgenden Generationen, inklusive Fritz Wunderlich, Nicolai Gedda und René Kollo, Tauber-Repertoire gesungen haben. Zählen Sie mal, wie viele Leute in verschiedenen Sprachen »Dein ist mein ganzes Herz« interpretiert haben, von Pavarotti, Domingo, Carreras bis hin zu Giuseppe Di Stefano. Damit hatte Richard Tauber Einfluss auf die Generationen, die nach ihm kamen. Bis in die siebziger Jahre haben die Künstler das auch noch ernst genommen, die Operette und Robert-Stolz-Lieder waren fester Bestandteil in den Recitals vieler großer Tenöre. Dann ist es mit der Entstehung des deutschen Schlagers in Vergessenheit geraten. Leider Gottes muss man das also wieder reanimieren, und dazu fühle ich mich verpflichtet, denn ich sehe keinen großen Unterschied zwischen Puccinis »E lucevan le stelle« und »Gern hab‘ ich die Frau‘n geküsst«, die Orchestrierung ist fast die gleiche.

Sie haben gesagt, dass die Komponisten exakt für die Stimme und die Stimmlage Richard Taubers geschrieben haben. Wo hört man das typisch Tauberische in dieser Musik?

Dieser kernige, dunkle Klang. Ein As ist für einen Tenor eigentlich keine Höhe, Höhe für einen Tenor, das ist ein B, ein H oder ein C. Der beste Ton in der Stimme von Richard Tauber war jedoch ein As oder ein A. Und fast jede Höhe in seinem Repertoire basiert auf diesen Tönen. Dazu gibt es viele tiefe Passagen, weil er auch eine großartige, saftige Tiefe gehabt hat. Ein strikter lyrischer Tenor hat eigentlich keine Chance, diese Musik zu singen. Der Su-Chong aus »Land des Lächelns« ist eine der schwersten Rollen im Tenor-Repertoire, das steht nicht hinter dem Kalaf in »Turandot« zurück. Dazu hatte Richard Tauber eine wunderschöne Mezza voce, eine großartige Voix mixte in den ganz hohen Etagen.


Den kompletten Artikel lesen Sie in der Ausgabe Juni 2013