Claudio Abbado

Der Taktstock des Apoll

Claudio Abbado wird 80. Noch immer von der Flamme der Inspiration gewärmt, noch immer unermüdlich, noch immer unerbittlich steht der Maestro am Pult und konzentriert all seine Kräfte auf das, was ihm schon immer das Wichtigste war: die Musik. Von Wolfram Goertz.

Foto: Peter Fischli/Lucerne Festival
<i>Foto: Peter Fischli/Lucerne Festival</i>

Es ist ein rührendes Bild, wie die beiden Oldies im Luzerner Konzertsaal Hand in Hand, als schritten sie zum Tanztee, abermals auf die Bühne kommen. Diese Zeremonie von Vertrautheit ist nicht inszeniert – Martha Argerich und Claudio Abbado kennen einander schon lange; zudem sind sie Künstler, die einander in höchstem Maß wertschätzen. Dabei leben sie, was ihr jeweiliges Naturell betrifft, auf entgegengesetzten Polen. Ist die Argerich nicht im Herzen immer noch eine explosive Latina, die für Musik, die sie spielt, gern den Außenbordmotor anschaltet? Und ist andererseits Abbado nicht immer noch der vorsichtige Klangtüftler, der jedes Hasardieren scheut?

Mag schon sein, aber beide legen im Alter Wert auf höhere Prinzipien: Kollegialität, Verbundenheit, epikureische Gelassenheit. Und Freundschaft, Martha Argerich tritt bei ihren eigenen Festivals nur noch im Verband einer semifamiliären Künstlersippe auf, Abbado hält es in seinem Lucerne Festival Orchestra oder im Orchestra Mozart ähnlich; unklare personelle Konstellationen sind ihm ein Graus, am liebsten musiziert er auf emotionaler Augenhöhe, mit Künstlern, die ihm namentlich bekannt sind und denen er vertraut. Er fühlt sich dann besser, und hinter den Musikerpulten sind garantiert keine Giftpfeile verborgen. Das Gespann Argerich-Abbado braucht seit seiner hinreißenden Aufnahme der beiden Klavierkonzerte von Frédéric Chopin mit dem London Symphony Orchestra sowieso keine Anfechtung zu fürchten.

Wenn der große Claudio Abbado jetzt 80 Jahre alt wird, dann wird er in Dankbarkeit zurückblicken können. Ihm ist ein großes Leben vergönnt, das im hohen Alter eine neue Perspektive gewonnen hat. Gelöst von allen Ämtern, Bürden und Administrationen kann er sich der reinen, apollinischen Haltung hingeben. In Luzern musiziert er auf der Basis des allseitigen Du. Trotzdem ist Abbado nicht zum Serenissimus geworden, sondern hat sich sein skeptisches Gemüt bewahrt. Werden Bilder von ihm gemacht, kann sich die Freigabe durch den Maestro zum langwierigen Hindernislauf entwickeln. Seine Eitelkeit ist sprichwörtlich und soll mit dem Alter, so hört man, nicht dezenter werden. Zum Typus des Nervös-Launischen passt auch Abbados Neigung, Konzertprogramme aus angeblich dramaturgischen Gründen in sozusagen letzter Minute zu ändern.

Aber jenes Konzert mit Argerich und dem ebenfalls von ihm persönlich gegründeten Orchestra Mozart beim Luzerner Osterfestival lohnt das genauere Studium, weil es Abbados Können in einem Punkt konzentrierte, der ihm im Alter immer wichtiger geworden ist: die Wiener Klassik. Der Abend begann mit Beethovens zweiter »Leonoren«-Ouvertüre – mit Zonen wundervoller Geheimnisse, aber auch mit jubelnder Attacke. In Mozarts d-Moll-Klavierkonzert traf er sich dann mit Martha Argerich in der Gesinnung, das Werk nicht zu dämonisieren, es wurde nicht Richtung »Don Giovanni« gebrieft. Es handelte sich vielmehr um eine fast kammermusikalische Konzeption, um lebendige Zwiesprache mit Bläsern, und wer genau hinhörte, bemerkte einen sehr genau abgetasteten Orchesterklang, in dem nichts einfach so passierte. Martha Argerich konnte nicht anders, als sich bestens behütet und aufgehoben zu fühlen.

Nach der Pause aber erhob sich das Konzert ins Fulminante. Beethovens Vierte balancierte Abbado auf dem wundervoll angstfrei beschrittenen Grat zwischen sinfonischem Vollklang und historisch rückversicherter Artikulation. Es gab da Momente einer sich gleichsam selbst erschaffenden Agogik, die auch die Hogwoods, Gardiners und Järvis dieser Welt nicht schöner hinkriegen. Noch wundersamer die beiden Sätze aus Franz Schuberts »Rosamunde«-Musik, die wie klingende Glasbläserarbeiten wirkten, unendlich zerbrechlich, aber nicht dürr. Die Musik verschickte ein köstliches Psst in den Saal, und in der Tat hätte man eine Stecknadel fallen hören können.

Abbados Leben war voller Stecknadel-Momente – aber es war kein Heuhaufen, die Nadeln waren nie rar. Abbado kannte schon als Kind das Moment des gelassenen Zaubers, zu dem sich auch die strengste Erziehung irgendwann befreien muss. Der kleine Claudio wurde am 26. Juni 1933 in Mailand geboren, einer musikalischen Weltstadt, in der auch jenseits der Scala die Welt voller Verdi und Puccini war. Obwohl er später stets betonte, wie befruchtend die Kinderstube für ihn war (der Vater war ein sehr guter Geiger, die Mutter Klavierpädagogin und Kinderbuchautorin), so bedeutete dieses Klima auch, dass Lernkurven nicht vorschnell abbrechen durften. Dass ausgerechnet der Vater ihn am Pianoforte unterrichtete, war gewiss eine Vorsichtsmaßnahme – die Mutter war offenbar das anspruchsvollere, aber auch gütigere Elternteil, sie hätte den Sohn vielleicht zu hart, zu weich oder weniger konsequent unterrichtet, diese Konstellation führte jedenfalls dazu, dass sich Claudio doppelt bewacht fühlen durfte. Der Vater lauschte dem Sohn, die Mutter lauschte, wie die beiden vorankamen.

Dieses heimische Klima eines tönenden Alltags, der von Poesie und Fantasie durchflutet war, beförderte das Talent des jungen Musikers in idealer Weise. Mit 16 Jahren war er reif fürs Konservatorium, aber es wurde eben kein Schmalspur-, sondern ein Breitbandstudium, als solle es die elterliche Vielfalt nachbilden. Orchesterleitung stand erst später in späteren Semestern auf seinem Stundenplan, anfangs bevorzugte er neben dem Klavier das Fach Komposition, als wolle er die Grundlagen und Regeln des Machens von der Pike auf lernen. Dieses Wissen machte sich Abbado später zunutze, als er beispielsweise zu Werken seines Landsmanns Luigi Nono aufbrach – wer die raffiniert-komplexe Kontrapunktik der Moderne studiert und exerziert hat, versteht und dirigiert sie besser. Auf der anderen Seite dieser Zuwendung zu den polyphonen Texturen der Musik stand seine gewiss mehr als liebhaberhafte Beschäftigung mit den Orgelwerken Johann Sebastian Bachs.

Wenn es stimmt, dass die Begegnungen eines Lebens entscheidend für seinen weiteren Verlauf sind, dann war jener Abend im Jahr 1952 fraglos ein Lichtmoment von maximaler Strahlkraft. Bei einem Hauskonzert spielte Claudio Abbado, nunmehr 19 Jahre alt, Bachs d-Moll-Konzert keinem Geringeren als dem Dirigenten Arturo Toscanini vor. Der soll sich sehr befriedigt über die Künste des jungen Pianisten geäußert haben. Notabene, es war Toscanini, der im Jahre 1938 einmal Abbados Vorgänger war – als Gründer eines Festival-Orchesters in Luzern.

Die Beschäftigung mit den internen Aspekten von Musik als Voraussetzung ihrer Äußerlichkeit machte Abbado dann zur Grundlage des ersten Gelderwerbs. Statt sich um eine dirigentische Anschlussmaßnahme zu kümmern, übernahm er einen Lehrauftag für Kammermusik in Parma. Seine erste Opernaufführung fand mit einem gewissen räumlichen und stofflichen Sicherheitsabstand statt – es war »Die Liebe zu den drei Orangen« in Triest. Prokofjew in der Provinz, das konnte nicht schiefgehen. Es wurde aber hinreißend, und die Scouts aus seiner Heimatstadt Mailand kehrten mit guten Botschaften zurück: Der junge Mann war auch als Dirigent eine flammende Begabung. 1958 gewann er den Koussevitzky-Wettbewerb von Tanglewood, von 1961 an dirigierte er regelmäßig an der Scala. Der weitere Karriereweg verlief in beinahe geordneten Bahnen, hatte in der Assistentenzeit bei Leonard Bernstein (dem Preis für den Gewinn des New Yorker Mitropoulos-Wettbewerbs) ihre erste charismatische Phase, die Wiener Philharmoniker wurden auf Abbado aufmerksam, 1965 musizierten sie gemeinsam Gustav Mahlers zweite Sinfonie bei den Salzburger Festspielen.

Die Stationen von Abbados Karriere sind bekannt: Mailand, Wien, London, Berlin, die Arbeit war stets inspiriert, aber Abbado kein einfacher Chef. Vor allem beherrschte er die Gabe der Diplomatie nur eingeschränkt. Er wähnte überall Feinde, das schuf nicht immer ein harmonisches Miteinander. Und dann hielt es Abbado mit dem unter Dirigenten nicht eben seltenen Pragmatismus, die intensivsten Kräfte erst in der Aufführung wirken zu lassen, um einen Aufmerksamkeitsverlust zu verhindern. Das führte in seinen Jahren bei den Berliner Philharmonikern zu jenen Reibungen, die seine (nicht ganz freiwilllige) Demission zur Folge hatten.

Ein Herz und eine Seele: Claudio Abbado und Martha  Argerich verbindet eine jahrelange musikalische Freundschaft. (Foto: Priska Ketterer/Lucerne Festival)
<i>Ein Herz und eine Seele: Claudio Abbado und Martha Argerich verbindet eine jahrelange musikalische Freundschaft. (Foto: Priska Ketterer/Lucerne Festival)</i>

Den kompletten Artikel lesen Sie in der Ausgabe Juli 2013