Andreas Ottensamer

Ein Mann mit Vergangenheit

Andreas Ottensamer hat nicht nur das Zeug dazu, die Damenwelt aus der Fassung zu bringen. Der talentierte Österreicher hat es außerdem geschafft, als erster Klarinettist einen Exklusivvertrag mit der Deutschen Grammophon zu schließen. Von Kai Luehrs-Kaiser.

Foto: Anatol Kotte/Mercury Classics/DG
<i>Foto: Anatol Kotte/Mercury Classics/DG</i>

Die nackte Klarinette«. Wie soll man es anders beschreiben?! Als vor zweieinhalb Jahren Aktaufnahmen – nicht gerade »fully explicit«, aber immerhin – von dem damals bei den Berliner Philharmonikern frisch eingerückten Andreas Ottensamer im Internet auftauchten, staunte man. Denn: Obwohl noch seine Probezeit lief, war Ottensamer hiermit der erste Musiker in der Geschichte dieses Orchesters, von dem man dergleichen behaupten konnte.

Die Presse zerriss sich das Maul. Der Klarinettist selber soll in den folgenden Wochen stets hochgeschlossen im Rollkragenpullover die Berliner Philharmonie betreten haben. Die Kollegen des Orchesters indes gaben sich unaufgeregt amüsiert. Was glaubhaft ist. Nicht nur sind die Zeiten, in denen Musiker nicht modeln dürfen, gewiss vorbei. Die Berliner Philharmoniker – mit Digital Concert Hall, ungezählten Fan-Artikeln sowie mit einer Chefdirigenten-Galerie, in der sich jeder einzelne Pult-Star seiner Wirkung auf weibliche Zuhörer wohl bewusst war –, die Philharmoniker also werden nicht so kurzsichtig sein, hier plötzlich den Spießer zu spielen. Zumal Ottensamer das Badehöschen ja immer züchtig anbehalten hatte.

Dass der Spross einer Wiener Musikerdynastie – Vater und Bruder sind Solisten bei den Wiener Philharmonikern – im vergangenen Jahr dann doch noch seine Probezeit in Berlin überraschend nicht bestand, hat andere Gründe. Etliche Philharmoniker, so hört man, wollten dem Hochtalentierten einen kleinen Denkzettel verpassen. Fallen lassen indes wollte man ihn nicht. Daher erschraken alle anschließend vor der eigenen, demokratischen Courage. Aktuell wird nach Möglichkeiten gesucht, um Andreas Ottensamer, der zurzeit seine eigene Stelle vertritt, doch noch Berliner Philharmoniker werden zu lassen.

»Wenn man schlau ist«, kann man nur hinzufügen. Denn einen solch fantastischen Musiker ziehen zu lassen wäre selbst für ein Spitzenorchester wie dieses kein leicht zu verkraftender Verlust. Man muss erlebt haben, wie Ottensamer am Schluss des zweiten Satzes von Carl

Nielsens fünfter Sinfonie unter Leitung von Herbert Blomstedt den Ton klanglich anreichert, andickt und festigt wie ein Pillendreher. Wie er ihn danach weißlich aufglimmen lässt. Wie er es versteht, dass der Ton in einem schier endlosen Diminuendo leuchtet; um ihn schließlich überirdisch körperlos ersterben zu lassen. Großartig!

Dem Publikum muss man danach den Musiker nicht erst vorstellen. Andreas Ottensamer gehört zu den wenigen Solisten selbst in den Star-Reihen der Berliner Philharmoniker, die der Zuhörer sofort bemerkt. Und zwar eben nicht nur, weil man zugleich Zuschauer ist.

Im Kreuzberger »CoffeeCult« in der Bergmannstraße – Ottensamer wohnt um die Ecke – charmiert der 24-Jährige mit dunkler Stimme und deftigem Wiener Akzent. »Heute, wo plötzlich ein Medieninteresse an mir entstanden ist, steht natürlich alles in einem neuen Kontext. Generell sehe ich nichts Schlimmes am Modeln«, kommentiert er die Foto-Affäre; die immerhin für einen Karriereauftakt sorgte, welcher turbulent genug war.

Der jüngste Sohn von Ernst Ottensamer, Solo-Klarinettist der Wiener Philharmoniker, wuchs in Laufweite des Wiener Musikvereins, in der Inneren Stadt auf. »Der Musikerberuf ist nicht von zu Hause fernzuhalten«, so Andreas Ottensamer. »Ich dachte, alle Welt macht Musik.« Also war es für ihn nicht verwunderlich, als der drei Jahre ältere Bruder Daniel gleichfalls Klarinette lernte. Andreas begann mit Klavier, sattelte später auch auf Klarinette um. »Statistisch gesehen eine ganz dumme Entscheidung! Wie hoch ist schon die Wahrscheinlichkeit, dass drei Klarinettisten aus derselben Familie Erfolg haben?!«

Vater Ernst immerhin hatte bei dem Versuch, Freunde für sein Instrument zu gewinnen, bei den eigenen Söhnen offenbar durchschlagenden Erfolg. »Weil er nie Druck ausgeübt hat«, erklärt sein Sohn. Auch bietet die Klarinetten-Literatur offenbar Werke genug, um nicht nur allein, sondern gemeinsam zu musizieren. Seit 2005 betreiben die drei sogar ein eigenes Trio, mit dem sie regelmäßig touren: die »Clarinotts«. Als »weltweit einzigartiges Kammermusikensemble« bezeichnet sich das Familien-Trio auf seiner Homepage. Man musiziert nicht allein auf der B-Klarinette, sondern bezieht Bassetthorn, Bass- und Es-Klarinette mit ein.

Alles ungewöhnlich genug. Es passt dazu, dass Andreas Ottensamer jetzt der überhaupt erste Solo-Klarinettist mit einem Exklusivvertrag bei der Deutschen Grammophon wurde. Seine erste CD »Portraits« will eine Visitenkarte des Instruments liefern. Und tut dies mit Konzerten und Solowerken, die »auf Lücke« produziert sind. Also eben nicht mit den üblichen Blockbustern des Repertoires (wie dem Mozart-Klarinettenkonzert oder dem Brahms-Klarinettenquintett). Sondern mit zentralen Werken von Aaron Copland, Louis Spohr und Domenico Cimarosa.

Sogar dermaßen bunt ist die Debüt-CD geraten, dass zwischen die drei Konzerte kleinere Bremsklötze mit eingebaut wurden – um die historischen Übergänge zu erleichtern. Arrangements von George Gershwin (Prelude No. 1), von Claude Debussys »Fille aux cheveux de lin« und Amy Beachs »Berceuse« (sämtlich angefertigt von Stephan Koncz) sorgen für eine Rutschpartie durch gleich drei Jahrhunderte. Sehr ungewöhnlich, auch mutig für ein DG-Debüt, welches ausgetretene Pfade meidet.

Vor allem mit dem Copland-Konzert – eines der nicht selten eingespielten, aber sehr selten im Konzert zu hörenden Meisterwerke – setzt sich Ottensamer ohne Weiteres an die Spitze der betreffenden Diskographie. Weniger hell im Klang als etwa Stanley Drucker (unter Bernstein), tiefgründelnd europäischer als Richard Stoltzman (1993 unter Tilson Thomas), besticht Ottensamer durch ausladende Klangfülle – und durch mehr Sentiment als bei der klassischer operierenden Sabine Meyer und dem gleichfalls kühleren Martin Fröst.

Yannick Nézet-Séguin und das Rotterdam Philharmonic Orchestra geben Andreas Ottensamer musikalische Rückendeckung. (Foto: Marco Borggreve/PR)
<i>Yannick Nézet-Séguin und das Rotterdam Philharmonic Orchestra geben Andreas Ottensamer musikalische Rückendeckung. (Foto: Marco Borggreve/PR)</i>

Den kompletten Artikel lesen Sie in der Ausgabe August 2013