Hélène Grimaud

»Ehrliche Virtuosität macht Spaß«

Seit Jahren gehört Hélène Grimaud zu den erfolgreichsten und beliebtesten Pianistinnen der Klassik-Szene. Anders als viele ihrer französischen Klavierkollegen hat sie auch ein besonderes Faible für die Werke von Johannes Brahms. Nun hat sie beide Klavierkonzerte eingespielt. Mario-Felix Vogt traf sie in Berlin zum Gespräch.

Foto: Mat Hennek/PR
<i>Foto: Mat Hennek/PR</i>

Der Marlene-Dietrich-Platz in Berlin befindet sich in unmittelbarer Nachbarschaft zum Potsdamer Platz. Wie dieser versammelt er ausschließlich Bauten, die Ende der 1990er Jahre aus dem Boden gestampft wurden. Gläserne Einkaufszentren finden sich neben den unvermeidlichen Coffeeshops amerikanischer Provenienz, und auch einige moderne Hotels haben sich dort angesiedelt. In einem davon bin ich mit Hélène Grimaud verabredet. Das Interieur des Kettenhotels ist ähnlich kühl und steril wie die gesamte Umgebung, doch die Starpianistin weiß mit ihrem Charme und ihrem dynamischen Wesen einen Kontrapunkt dazu zu setzen. Dass sie längere Zeit in den USA gelebt hat, hört man sofort: Sie spricht ein exzellentes, amerikanisch gefärbtes Englisch ohne jeglichen französischen Akzent. Auch die deutsche Sprache ist ihr vertraut. Immer wieder streut sie deutsche Wörter ins Gespräch ein, spricht von »Tiefe«, »Lieblingsorchestern« und »Gelegenheiten«.

Frau Grimaud, warum tun sich manche Menschen immer noch schwer mit Brahms?

Ich war 13 bis 14 Jahre alt, als ich Brahms spielen wollte. Einige meiner Lehrer am Konservatorium meinten damals, dass ich zunächst andere Komponisten wie Liszt und Chopin spielen sollte, bevor ich mich mit Brahms auseinandersetze. Das war jedoch nicht gegen Brahms als Komponisten gerichtet. Es gab einen bestimmten Weg, den ein Student nehmen sollte, bevor er zu bestimmten Komponisten – wie Brahms – gelangt, die angeblich mehr Tiefe und auch mehr Erfahrung verlangen als andere. Unabhängig davon gibt es erstaunlicherweise viele Menschen, die Brahms´ Kompositionen nicht mögen. Sie finden sie langweilig und akademisch. Ich bin dann immer ganz aufgebracht und versuche, seine Musik zu verteidigen. Aber Musik lässt sich nicht so gut mit Worten verteidigen. Die Menschen müssen ihr Herz öffnen, sie müssen etwas fühlen, sich müssen sich von der Musik forttragen lassen. Wenn die Musik in ihnen keinen Widerklang findet, dann kann man wenig ausrichten.

Und wie haben Sie Brahms für sich entdeckt?

Durch Schallplatten. Zunächst habe ich mich in die Aufnahme der dritten Sinfonie mit Karajan verliebt, später auch in die Einspielung von Carlo Maria Giulini. Dies waren meine allerersten Berührungen mit Brahms, bevor ich mich am Klavier mit seinen Stücken auseinandersetzte.

Sie selbst haben ja bereits recht früh Brahms aufgenommen.

Ja. Meine erste Brahms-Einspielung war 1991 die dritte Klaviersonate für das Label Denon.

Darauf folgten 1996 die späten Klavierstücke op. 116 bis 119 bei der Firma Erato.

Ja, genau.

Was glauben Sie, welche Pianisten haben Ihr Brahms-Spiel besonders geprägt?

Ich bin mit der Brahms-Gesamtaufnahme von Julius Katchen aufgewachsen, bin mir aber nicht sicher, ob mich seine Interpretationen besonders beeinflusst haben. Stärker geprägt, so glaube ich, haben mich die Interpretationen von Claudio Arrau und Rudolf Serkin. Auch Glenn Goulds Aufnahme der Rhapsodien hat mich sehr berührt.

Was sind die besonderen Schwierigkeiten bei den Brahms-Konzerten?

Beide sind nicht wirklich virtuose Musik, auch wenn vor allem das zweite Konzert sehr schwierig zu spielen ist. Offene, klare, ehrliche Virtuosität macht Spaß. Manche Virtuosenstücke sind zwar mühsam zu lernen, aber wenn man sie schließlich beherrscht, ist es sehr befriedigend. Virtuosität, die nicht offensichtlich ist – wie jene des zweiten Klavierkonzerts – ist viel schwieriger. Denn dann muss man diese immer in den musikalischen Zusammenhang einbinden. Und man muss sich immer kontrollieren, dass man nicht etwas aus Freude am Sportiven macht. Man muss sich zurückhalten, denn das Hauptziel bei Brahms ist auf jeden Fall, die musikalische Architektur zu verdeutlichen. Dann die Expressivität der einzelnen Passagen und das Klangvolumen. Wie gestaltet man den Klang in verschiedenen Farben? Andere Schwierigkeiten entstehen durch den enormen Umfang der Konzerte. Man muss immer wachsam sein, dass die Details nicht zur sehr das große Ganze zerstören. Das ist mühsam, vor allem im zweiten Klavierkonzert. Das erste ist eher monolithisch, auch wenn man darin diese verschiedenen Blöcke findet. Aber im zweiten gibt es so viele Möglichkeiten zu phrasieren, und die Versuchung, sich darin zu verlieren ist sehr groß. Konstant wird man von etwas abgelenkt, das einen in die Musik hineinzieht.

Brahms´ Klavierkonzerte werden häufig als Sinfonien mit obligatem Klavierpart bezeichnet. Wie sehen Sie das?

Ich empfinde eher das erste Konzert als sinfonisch. Das Klavier ist darin eines unter vielen Instrumenten des Orchesters. Das zweite, denke ich, ist eher ein Konzert im traditionellen Sinne. Dennoch hat auch da das Klavier eine sinfonischere Rolle als in den Konzerten von Chopin, Liszt, Schumann oder sogar Beethoven.

Braucht man Erfahrung mit Kammermusik, um dem zweiten Konzert gerecht zu werden?

Ja, das ist essentiell wichtig für dieses Konzert. Es finden sich darin so viele berührende Dialoge zwischen dem Klavier und Orchesterinstrumenten. Auf der einen Seite ist das Konzert monumental, auf der anderen Seite sehr intim.

Sie haben das erste Brahms-Konzert bereits einmal aufgenommen. 1997 war das, mit der Staatskapelle Berlin unter Kurt Sanderling. Hat sich seitdem Ihre Vorstellung von dem Werk verändert?

Die Vorstellung von dem Konzert hat sich nicht so sehr verändert, aber mit Sicherheit das Verständnis. Allerdings beschäftige ich mich kaum mit meinen alten Aufnahmen. Wenn ich entscheide, ein Stück nochmals einzuspielen, so wird dies nicht dadurch motiviert, dass ich mir meine alten Aufnahmen anhöre und denke: Oh, wenn ich meine Spielweise von damals damit vergleiche, wie ich dieses Stück heute spielen würde, dann hat sich meine Vorstellung so sehr geändert, dass ich das Werk gerne nochmals aufnehmen möchte. Ich entscheide das eher aus dem Instinkt heraus.

Gehören Sie zu den Künstlern, die sagen, wenn sie ein Aufnahmeprojekt beendet haben, dann haben sie auch mental mit diesem Stück zunächst abgeschlossen und möchten sich die Einspielung nicht anhören, weil sie bald nach der Aufnahme Aspekte finden, die sie jetzt anders machen möchten?

Bei mir liegt es nicht daran, dass ich mir das nicht mehr anhören möchte, vielmehr habe ich einfach keine Gelegenheit dazu. Wenn ich etwas Bestimmtes recherchieren möchte, dann würde ich eventuell eine meiner CDs auflegen. Natürlich höre ich mein Spiel an, und zwar in dem Moment, in dem ich den Klang am Flügel produziere; nur wenn ich beispielsweise Aufnahmen von mir für eine Radiosendung freigeben muss, höre ich mir verschiedene Einspielungen von mir an.

Sie haben die Konzerte mit zwei verschiedenen Orchestern eingespielt: mit dem Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks und den Wiener Philharmonikern. Wie kam es dazu?

Nun, wir haben uns darüber sehr viele Gedanken gemacht: Sicherlich wäre es einfacher gewesen, beide Konzerte mit ein und demselben Klangkörper aufzunehmen. Aber ich dachte mir, auf irgendeine Art passt das mit den beiden unterschiedlichen Orchestern. Ich weiß nicht genau weshalb, aber das erste Konzert ist für mich ein Werk, das live realisiert werden muss. Und deshalb wollte ich es auf jeden Fall jetzt auch wieder live einspielen, wie damals mit Kurt Sanderling. Außerdem standen die Konzerttermine mit dem Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks und Andris Nelsons bereits fest. Dann dachte ich mir: Okay, das müssen wir aufnehmen, denn das Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks ist eines meiner Lieblingsorchester. Andris Nelsons wäre so oder so der Dirigent bei beiden Konzerten, ob wir sie aufnehmen oder nicht. Außerdem finde ich, dass das erste Konzert mehr deutschen Geist besitzt, während das zweite eher wienerischen Charakter mitbringt. So passt diese Kombination auf verschiedenen Ebenen gut.

Andris Nelsons gilt als einer der talentiertesten unter den jungen Dirigenten. Wie war die Zusammenarbeit mit ihm?

Ich kenne Andris nun schon einige Jahre, und ich liebe es, mit ihm zu arbeiten. Er ist wirklich ein Phänomen. Seine Ehrlichkeit, seine Großzügigkeit, die Spanne von Empfindungen, Farben und Atmosphäre, die er in der Lage ist hervorzubringen, ist absolut einzigartig. Was mich so fasziniert ist, was er vom Orchester bekommt. Ich habe oft mit ihm zusammengearbeitet, und er hat dabei immer wieder verschiedene Orchester dirigiert. Die geben absolut alles, weil er so ein inspirierender Musiker ist. Er ist sehr natürlich, spontan und intuitiv, und jede Zelle seines Körpers macht Musik.


Den kompletten Artikel lesen Sie in der Ausgabe November 2013