Firma Ricordi

Schätze einer Opernfabrik

Die Firma Ricordi gehörte bereits kurz nach ihrer Gründung zu den wichtigsten Musikverlagen der Welt. Mit die berühmtesten Werke der Operngeschichte wurden einst von dem Mailänder Haus betreut. Welche Trouvaillen noch immer in seinem Archiv schlummern, offenbarte kürzlich eine Ausstellung, die Julia Spinola für uns besucht hat.

Fotos: Bertelsmann
<i>Fotos: Bertelsmann</i>

Hier, in drei Kellerräumen des Mailänder Palazzo Brera, schlägt das musikalische Herz Italiens. Durch schwere Schlösser und eine Klimaschleuse gesichert stapeln sich hier, im Untergeschoss der Biblioteca Braidense, die Schätze des historischen Archivs der Casa Ricordi – eines Musikverlags, dessen Name zum Symbol der italienischen Musikgeschichte geworden ist. Auf über 1.000 Regalmetern lagern Dokumente, die von jener Blütephase der Oper im 19. Jahrhundert erzählen, als man es mit dem Druck und dem Verleih von Noten noch in großem Stil zu wirtschaftlichem Erfolg bringen konnte. Das Archiv beschwört ein gigantisches musikalisches Erbe – und zugleich auch die scheinbar goldenen Zeiten einer künstlerisch wie wirtschaftlich ungeheuer produktiven Zusammenarbeit zwischen einem Verlagshaus und seinen Komponisten: eine Zeit, als Unternehmer sich nicht nur als Firmenbesitzer fühlten, sondern als Verleger, Manager, PR-Agent, künstlerische Berater und Impresari in Personalunion mit ihren Komponisten leidenschaftlich am gleichen Strang zogen.

An die 7.800 Originalpartituren liegen im Archivio Storico Ricordi, darunter gefühlt alle bedeutenden Werke jenes italienischen Repertoires, das bis heute unsere Opernbühnen dominiert. Die Autographen der »großen Fünf« – Rossini, Donizetti, Bellini, Verdi und Puccini – sind hier ebenso zu finden wie jene zahlreicher Kleinmeister und der bedeutenden Vertreter der Moderne wie Luigi Nono, Luciano Berio oder Franco Donatoni. In den schmalen Korridoren der Archivräume läuft man an Puccinis letzten Skizzen zur unvollendeten »Turandot« vorbei, wirft einen Blick in die handschriftliche Originalpartitur zum »Falstaff«, deren gestochen klares Notenbild ein kalligraphisches Kunstwerk ist, oder staunt über die kaum entzifferbare Reinschrift Puccinis zur »Bohème«-Partitur, die einem Schlachtengemälde gleicht: kaum eine Seite, auf der nicht Korrekturen, Streichungen oder Neufassung einzelner Passagen das Notenbild verwüsten. Die jüngst erfolgte Restaurierung dieser Partitur macht nun auch die überklebten Stellen wieder sichtbar. Zu erkennen ist an einer Stelle noch der Handabdruck, den der Komponist beim Aufkleben des Papiers hinterlassen hat. Aus dem Erstdruck des »Tristan« flattert einem plötzlich ein handschriftliches Widmungsschreiben Richard Wagners an Giulio Ricordi entgegen. 1888 hatte Ricordi auch die italienischen Rechte an den Kompositionen Wagners übernommen. 6.000 Fotos, 12.000 Bühnen- und Kostümentwürfe, 15.000 Briefe, 10.000 Libretti sowie zahlreiche Werbeplakate, Zeitschriften und Drucke aus der graphischen Abteilung der Casa Ricordi vermitteln einen außergewöhnlich detailreichen Einblick in das von den Ricordi-Söhnen betriebene Unternehmen, das nach heutigen Maßstäben weit mehr war als ein Verlagshaus, nämlich eine Künstlerwerkstatt und eine veritable Opernfabrik.

Schon Giovanni Ricordi, der den Verlag als gelernter Kopist und Geiger 1808 gründete, indem er zunächst Noten sammelte und kostenpflichtig verlieh, setzte sich systematisch für die Rechte seiner Komponisten ein. Erstmals in der Musikgeschichte erhielten sie nicht nur eine einmalige Gage für ihre Werke, sondern auch Tantiemen für deren Wiederaufführung. Ricordi sicherte seine Komponisten gegen Raubkopien und unautorisierte Eingriffe der Theater in seine Partituren ab und engagierte sich, ebenso wie später sein Sohn Tito, für die Etablierung einer funktionierenden Urheberrechtsregelung, die mit der Verabschiedung der »legge Scialoja« 1865 und der Konvention von Bern 1886 erfolgte. Autonomie und Einzigartigkeit des Werks begannen eine zunehmend größere Rolle zu spielen und kräftigten Ricordis Position gegenüber den Theatern. Von 1847 an verhandelt Giuseppe Verdi die Rechte an seinen Opern nicht mehr mit den Theaterimpresari, sondern nur noch mit Ricordi. 1886 kann er anlässlich der geplanten Uraufführung seines »Otello« an der Scala gar Bedingungen formulieren, von denen Komponisten heute nur träumen können: Das gesamte »Otello«-Personal vom Dirigenten über den Regisseur bis zum letzten Chorsänger untersteht unmittelbar den Weisungen des Komponisten; der Komponist bestimmt Verlauf und Dauer der Proben und ist bei allen Proben anwesend; Verdi behält sich bis nach der Generalprobe das Recht vor, die Uraufführung zu verhindern, falls ihm »die Aufführung oder die Inszenierung oder irgendetwas anderes in der Leitung des Theaters nicht zusagen sollten«; schließlich verpflichtet sich Ricordi, für jede Zuwiderhandlung seitens des Theaters 100.000 Lire Strafe an Verdi auszuzahlen.

Hunderttausende Briefe mit Komponisten umfasst die Korrespondenz des Verlages, gigantisch die Zahl der Originalpartituren bedeutender Werke im Archiv.
<i>Hunderttausende Briefe mit Komponisten umfasst die Korrespondenz des Verlages, gigantisch die Zahl der Originalpartituren bedeutender Werke im Archiv. </i>

Den kompletten Artikel lesen Sie in der Ausgabe November 2013