Masaaki Suzuki

»Bach ist ein Tresor«

Seit rund 20 Jahren arbeitet Masaaki Suzuki mit dem Bach Collegium Japan an einer Gesamteinspielung der Kantaten von Johann Sebastian Bach. Nun ist der Abschluss greifbar. Christoph Vratz hat den Dirigenten in Utrecht zu den Anfängen und Entwicklungen dieses Projekts befragt.

Foto: Christoph Vratz
<i>Foto: Christoph Vratz</i>

Sie haben bisher so viel Musik von Bach aufgeführt, dass man sich fragt, ob sie nicht einmal Lust hätten, Mahler zu dirigieren.

Sie werden lachen, das ist gar nicht so weit weg. Vor allem, weil Gustav Mahler für mich der erste Komponist nach Bach ist, der vergleichbar kompliziert komponiert hat. Bruckners Musik mag zwar vielen näherstehen, doch ist seine Musiksprache nicht so polyphon wie bei Bach oder eben Mahler.

Dann bleiben wir jetzt bei Bach. Hat die lange Beschäftigung mit seiner Musik Sie zu einem glücklicheren Menschen gemacht?

Ich bin ein glücklicher Mensch, ja. Ob Bach mich glücklicher gemacht hat, weiß ich nicht. Bachs Musik beschert uns viel Glück, allerdings fällt es uns immer wieder schwer, darüber zu sprechen. Vielleicht ist das Besondere an Bach, dass man in seiner Musik immer wieder Neues entdecken kann, etwa in der h-Moll-Messe, die ich schon oft dirigiert habe und der ich trotzdem jedes Mal neue Aspekte abgewinnen kann.

Was zum Beispiel?

Ihre harmonische Wendungen oder die vielen kleinen Figuren, besonders in den vermeintlichen Nebenstimmen. Diese Musik gibt mir so viel Energie, immer weiter und immer wieder nach Details zu suchen, dass ich schon behaupten möchte, Bachs Musik macht mich glücklich.

Und bei den Kantaten?

Schon zu Studentenzeiten habe ich mit einigen Studienkollegen eine Bach-Kantate aufgeführt. Doch damals wollte ich vor allem Organist und Cembalist werden, habe also im Traum nicht daran gedacht, seine Kantaten jemals komplett aufzuführen. Auch als ich zu Ton Koopman nach Amsterdam ging, haben wir nie über die Bach-Kantaten gesprochen.

Worüber denn dann?

Vieles, was das Cembalo und die Orgel betrifft, aber auch allgemein über Musik, über Monteverdi oder Schütz, aber nie über die Kantaten. Es war dann ein kurioser Zufall, dass Koopman fast zur gleichen Zeit wie ich damit begonnen hat, sämtliche Kantaten aufzunehmen. Erst danach haben wir begonnen, uns über diese Werke auszutauschen.

Bleiben wir bei den Anfängen. Wie haben Sie damals in Japan gute Bach-Musiker finden können?

Als ich aus den Niederlanden nach Japan zurückkam, gab es tatsächlich noch nicht so viele gute, auf Barockmusik spezialisierte Instrumentalisten und Sänger, noch weniger in meiner Heimat Kobe als in Tokio. Ich hatte allerdings das Glück, dass zu dieser Zeit – 1990 habe ich das Collegium gegründet – viele Musiker, ähnlich wie ich, nach dem Studium aus Europa nach Japan zurückkehrten. Bei den Streichern war die Auswahl daher überschaubar groß, bei Oboisten oder Fagottisten unüberschaubar klein. Am schwierigsten war die Besetzung der Trompetenstimme. Zum Glück hatte ich einen Freund, der kein Musikwissenschaftler war, sondern ein reiner Praktiker und später selbst Barock-Trompeten gebaut hat.

Wie war es mit den Sängern?

Ich wollte, gerade am Anfang, einige europäische Sänger einladen, damit sie mit japanischen Sängern zusammenarbeiten. So konnten wir im Laufe der Zeit auch einige hervorragende Solisten vor Ort ausbilden. Unser Chor besteht bis heute aus wechselnden europäischen Gästen und japanischen Sängern. Diese ständige Durchmischung hält den Chor frisch, gedanklich und stimmungsmäßig.

Dieses Einfliegen von Musikern kostet aber Geld. Gerade am Anfang dürfte das nicht leicht gewesen sein.

Oh ja, ich kenne genügend Menschen und sogar große japanische Firmen, die den Kopf geschüttelt und gesagt haben: Das ist keine gute Idee, zumal nach dem Platzen der New-Economy-Blase. Aus der Wirtschaft war also keine Hilfe zu erwarten, einzig aus einem der japanischen Ministerien kam Zuspruch, und wir erhielten für die »Förderung des kulturellen Austauschs« eine Unterstützung. Erst nach den ersten, zähen Jahren hat man erkannt, dass dieses Projekt Förderung verdient.

Wie hat Bachs Musik im 19. Jahrhundert den Weg nach Japan gefunden?

In den 1890er Jahren sind vereinzelt Musiker nach Deutschland gegangen und haben nach ihrer Rückkehr in Japan eine Professur bekommen. Das erste Werk von Bach, das um die Jahrhundertwende in Japan aufgeführt wurde, war sein Konzert für zwei Violinen, allerdings in einer Bearbeitung für zwei Klaviere. Es ist bezeichnend, dass zuerst Bachs Instrumentalmusik Berücksichtigung fand, dann erst die Vokalmusik. Die erste Aufführung der »Matthäus-Passion« fand kurz vor dem Zweiten Weltkrieg statt – übrigens durch Klaus Pringsheim, den Zwillingsbruder von Katia, der Frau Thomas Manns. Pringsheim war seit den frühen dreißiger Jahren Professor und in den vierziger Jahren Leiter eines Orchesters in Tokio. Seine letzte Aufführung in Japan war eben die »Matthäus-Passion«. Fotos belegen, wie groß Orchester und Chor damals besetzt waren. Vor dem Orchester haben viele Frauen des Chores mit Kimono gestanden, hinter dem Orchester eine Schar von geschätzt 200 Kindern.

Masaaki Suzuki und seine Bach Collegium Japan. Trotz der mitterweile hervorragenden Bach-Tradition Japans werden die Ensembles teilweise durch Gäste aus Europa ergänzt und verstärkt. Foto: Jens U. Braun, Take 5 Music Production/BIS
<i>Masaaki Suzuki und seine Bach Collegium Japan. Trotz der mitterweile hervorragenden Bach-Tradition Japans werden die Ensembles teilweise durch Gäste aus Europa ergänzt und verstärkt. Foto: Jens U. Braun, Take 5 Music Production/BIS</i>

Den kompletten Artikel lesen Sie in der Ausgabe Dezember 2013