Hausmusik

Intimer als reden

Lange gehörte das Musizieren zum festen Bestandteil des bürgerlichen Lebens. Heute hören die Menschen lieber CD oder Radio. Ist die Hausmusik am Ende? Einige Hausbesuche zur Vorweihnachtszeit beweisen: Mitnichten! Von Ole Pflüger.

WG-Party mit Bach

„Jauchzet, frohlocket“: Gut 60 junge Leute drängen sich beim WG-Konzert in die Wohnung. Auf dem Programm steht Bachs „Weihnachtsoratorium“ mit vollem Instrumentarium. Fotos: Youtube
<i>„Jauchzet, frohlocket“: Gut 60 junge Leute drängen sich beim WG-Konzert in die Wohnung. Auf dem Programm steht Bachs „Weihnachtsoratorium“ mit vollem Instrumentarium. Fotos: Youtube</i>

Am E-Piano drückt der Chordirektor des Gewandhauses die Tasten, er spielt die Continuo-Stimme von Bachs »Weihnachtsoratorium«, das Klavier imitiert mal Cembalo-, mal Orgelklänge. Es gibt ein Youtube-Video von diesem Tag im Dezember 2012, aber man kann darauf das E-Piano nicht sehen, weil Menschen davor stehen. Viele Menschen, sie schwitzen und singen.

Kondenswasser fließt die Fenster herab, es ist eng, heiß und stickig wie auf jeder WG-Party. Aber hier drängen sich 60 oder mehr junge Leute und singen »Jauchzet, frohlocket«. In der Mitte steht etwas erhöht Felix Pätzold und dirigiert das zusammengequetschte Ensemble. Es ist Pätzolds Abschiedsfeier und gleichzeitig das letzte von vier WG-Konzerten, das er und seine Mitbewohner veranstalten. Die Idee: »Es wird nicht geprobt, die Leute kommen einfach her, und wir spielen das dann einmal durch.« Fertig. Party!

»Wir konnten nicht mal die Fenster aufmachen, weil die Wohnung so voll war«, erinnert sich Felix Pätzold. Die Idee der WG-Konzerte hatte sich herumgesprochen. Im Laufe des Jahres haben sie in ihrer Wohngemeinschaft Mozarts Requiem, Händels »Messias« und zu Weihnachten 2011 schon einmal das Weihnachtsoratorium aufgeführt; damals noch in kleiner Besetzung und mit Cachon-Kästen statt Pauken. Jetzt also: Weihnachtsoratorium mit vollem Instrumentarium auf wenigen Quadratmetern. Das Ensemble besteht aus vielen Musikstudenten, Chorsängern, aber auch aus Leuten, die Felix Pätzold noch nie gesehen hat. Und dem Gewandhauschordirektor, den sie ganz gut kennen.

In der Pause zwischen zwei Kantaten rührt sich Unzufriedenheit im Flur. »Wir auch!«, nölt eine bassige Stimme von hinten. Nach einer kurzen Diskussion muss ein Teil des Chores das Zimmer verlassen, neue Sänger drängen herein, es soll ja jeder mal dabei gewesen sein. »Bierkette!«, ruft ein Tenor oder Bass. Sofort werden Flaschen von vielen Händen aus der Küche ins Orchester gereicht. Der Solist der nächsten Arie gönnt sich auch erstmal einen Schluck.

Am Beginn der dritten Kantate – bei »Herrscher des Himmels, erhöre das Lallen« – wird es plötzlich finster. Jemand hat versehentlich den Lichtschalter gedrückt, es dauert ein paar Sekunden, bis die Lampen wieder angehen. Ein Grund abzubrechen und neu anzufangen? Nicht in der Adventszeit! »Vor allem Bläser mussten das ständig in irgendwelchen Kirchen spielen, die konnten das sowieso fast auswendig«, sagt Pätzold. Deswegen können Bläser und Schlagwerk auch in einem Zimmer hinter ihm sitzen, das er von seinem Podest aus kaum sehen kann.

Man kann sich die kompletten 51 Minuten auf   Youtube angucken, die Leute lieben es, der Film war nominiert für den Deutschen Webvideopreis. Von Nachahmern hat Felix Pätzold trotzdem noch nichts gehört. Wohl aber von Studenten die auch gerne WG-Konzerte geben würden, sich dann aber nicht dazu durchringen können, weil sie das »nachgemacht« finden. »Das ist ja wohl das dümmste Argument«, findet Pätzold. »Wenn es Spaß macht, ist das doch egal!«

Die Polizei ist später am Abend übrigens auch noch vorbeigekommen, da war allerdings auch schon die Party im Gange.

Kammermusik im Wohnzimmer

Gemeinsam mit Miriam Buse (l.) machen Annette und Robert Semrau Hausmusik. Oft mit den Nachbarn als Publikum. Foto: Bjørn Woll
<i>Gemeinsam mit Miriam Buse (l.) machen Annette und Robert Semrau Hausmusik. Oft mit den Nachbarn als Publikum. Foto: Bjørn Woll</i>

Der Deckel des schwarzen Flügels ragt steil ins Wohnzimmer von Familie Semrau. In seinen Flanken spiegeln sich Bücherregale und die Schemen von Annette Semrau mit ihrem Cello und Miriam Buse an der Violine. Der Flügel dominiert den eher sparsam möblierten Raum. Ein paar Stühle stehen noch an den Wänden, auch ein Sofa. Es liegt auch kein Teppich auf dem Holzboden – Teppiche schlucken Klang, der Raum ist wie fürs Musizieren eingerichtet. Im Moment heißt das: das Trio für Klavier, Violine und Violoncello B-Dur op. 99 (D 898) von Franz Schubert. Robert Semraus Oberkörper schwingt und windet sich über dem Klavier, wenn er spielt, Annettes Fuß zuckt im Takt, sie lächelt, wickelt sich beim Spielen den Schal vom Hals, als es zu warm wird.

Die drei spielen gut! So gut, dass ihr ehemaliger Chef sich das Schubert-Trio zum Ausstand gewünscht hat, dafür proben sie das Stück heute zum vorletzten Mal. Sie spielen es in großen Abschnitten durch, hin und wieder justieren sie: Wenn mal ein Ton verspringt oder jemand den Anschluss verliert, gibt es eine kurze Pause. »Wir müssen noch mehr Dynamik machen«, sagt Annette Semrau dann. Oder: »Deine Spitzentöne knallen sowieso raus, da kannst du ruhig weniger machen.«

In den knapp drei Stunden fallen wenige Sätze zwischen Semraus und ihrer Freundin. Und wenn, dann sind es solche. Aber mehr ist auch nicht nötig, findet Robert Semrau: »Man muss ja nicht dauernd reden, zusammen Musik machen ist oft viel intimer«, sagt er in einer Pause.

Eine Zeit lang sitzt auch der 8-jährige Matthias im Raum und hört zu. Matthias bekam seine erste Geige mit vier, mit drei hatte er sie schon gefordert – direkt nach einem Hauskonzert. Jetzt spricht er über Konzerthäuser wie andere Jungs über Fußballstadien. »Echt, die Philharmonie hat nur zweitausend Plätze?«, fragt er seine Mutter. »Ich hätte gedacht, da passen mindestens fünftausend rein.«

Das Wohnzimmer fasst bei Hauskonzerten 42 Zuhörer – Matthias hat sie gezählt –; jedenfalls wenn man die paar Hörplätze auf dem Flur noch mitrechnet. Nachbarn kommen dann vorbei und Freunde, teils aus anderen Ecken Deutschlands. Hier wurden schon Brahms-Quintette und Beethoven-Quartette gespielt, die dicken Bretter der Kammermusik. Manchmal lassen verreiste Nachbarn vor den Konzerten ihre Wohnungsschlüssel da, so dass die Gäste im Haus übernachten können.

Das Klaviertrio im Wohnzimmer lockt die längst ins Bett gebrachten Kinder an. Gerade hat Papa Robert Matthias huckepack wieder in sein Zimmer gebracht, da kann man durch den Spalt über dem Boden wieder Kinderfüße erahnen. Diesmal schleicht die kleine Tabea ins Wohnzimmer, zieht Grimms Märchen aus dem Regal und fängt an zu lesen. Die Eltern, ganz in Schuberts Musik versunken, lassen sie erstmal da sitzen. Die Musik, so wirkt es, füllt ihre Freizeit aus. Er ist Arzt, sie arbeitet beim Beethoven-Fest in Bonn als Dramaturgin, und wenn sie in den Urlaub fahren, dann meist in ein Ferienhaus mit Klavier; wenn sie Freunde finden, dann oft über Orchester oder Chöre.

Als Robert Semrau die Finger von den Tasten hebt, ist es fast 23 Uhr. Inzwischen wissen Semraus, dass die Nachbarn sich nicht daran stören, wenn sie mal länger proben. Nur einmal, da war es an einem Klezmer-Abend mit Freunden wieder spät geworden, als mitten in der Musik ein Handy summte: eine SMS von der Frau aus der Wohnung über ihnen. Annette Semrau dachte »jetzt ist es doch so weit«, bevor sie die Nachricht öffnete. Sie lacht, wenn sie daran denkt. »Bitte nicht aufhören«, stand auf dem Display, »es ist gerade so schön!«


Den kompletten Artikel lesen Sie in der Ausgabe Januar 2014