Anja Harteros

Welten in der Musik entdecken

Konsequent hat sich Anja Harteros den Mechanismen des Marktes entzogen: Medienrummel ist ihr zuwider, sie konzentriert sich lieber auf die Musik. Von Publikum und Kritikern wird sie dafür gefeiert und gilt nicht wenigen Experten als eine der besten Sängerinnen der Gegenwart. Björn Woll gab sie eines ihrer äußerst seltenen Interviews und sprach ausführlich über den Beruf als Sängerin und die Jubilare Verdi, Wagner und Strauss.

Anja Harteros mit José Cura in einer Produktion von Verdis „Otello“ an der Deutschen Oper Berlin von 2010. Über ihre Desdemona schrieb eine Kritikerin: „Die Callas, die Freni – lange hat keine so gut gesungen.“ Foto
<i>Anja Harteros mit José Cura in einer Produktion von Verdis „Otello“ an der Deutschen Oper Berlin von 2010. Über ihre Desdemona schrieb eine Kritikerin: „Die Callas, die Freni – lange hat keine so gut gesungen.“ Foto: Barbara Aumüller</i>

Frau Harteros, gemessen an den CD- und Buch-Veröffentlichungen konnte Richard Wagner das große Jubiläumsjahr gegen seinen Antipoden Giuseppe Verdi klar für sich entscheiden. Wer ist Ihr persönlicher Gewinner?

Abgesehen von »Lohengrin« an der Scala, dessen erste Vorstellungen ich wegen einer Grippe leider nicht singen konnte, und »Tannhäuser« in Zürich hat sich dieses Jahr für mich eher als Verdi-Jahr entpuppt, mit »Don Carlo« in Salzburg, Berlin, London und München, »Otello« in Wien, und » Il Trovatore«, »Otello« und »Forza del destino« in München.

Haben Sie trotzdem eine Erklärung dafür, warum Wagner speziell in Deutschland anscheinend auf ein größeres Interesse stößt als Giuseppe Verdi?

Wagner bietet sehr viel Diskussionsstoff, gerade in Deutschland hat man da geschichtlich sehr viel aufzuarbeiten. Außerdem gibt es Bayreuth, wo man sich um die Pflege seines Erbes kümmert. Dort hat man manchmal das Gefühl, dass er noch lebt. Verdi ist da zumindest hierzulande ein bisschen musealer.

Museal klingt ja fast so, als hätte Verdi uns nichts mehr zu sagen. Dabei müssen Sie die Rollen doch im Heute verkörpern, als Frau im 21. Jahrhundert. Wie passt das zusammen?

Das stimmt. Aber wenn ich die beiden Komponisten aus regietechnischer Sicht miteinander vergleiche, fallen mir moderne Inszenierungen bei Verdi schwerer als bei Wagner. Wagner lädt uns eher ein, mit seinen Werken zu experimentieren. Bei Verdi sprechen die Gefühle und Innenwelten der Figuren hingegen auch oder eher zu uns, wenn man das in einem historischen Kontext macht und nicht unbedingt aufs Heute überträgt. Das meine ich mit museal.

Könnte man auch sagen: zeitlos?

Vielleicht. Möglicherweise spreche ich das aber auch nur an, weil ich mir dazu gerade viele Gedanken mache. Eine Oper, die nicht heute geschrieben ist, ist in gewisser Weise einfach museal. Das spielt zu einer bestimmten Zeit, da sind Kostüme festgelegt, oft steht auch wirklich drin: Links steht der Schemel, und rechts ist das Fenster. In vielen Inszenierungen wird das gar nicht mehr als wichtig wahrgenommen, aber vielleicht hat der Komponist sich dabei etwas gedacht. Da bin ich der Auffassung, dass wir wieder ein bisschen werktreuer werden sollen.

Also sind die Angaben der Komponisten für die heutigen Regisseure bindend? Bei Wagner steht beispielsweise sehr genau, was die Figuren auf der Bühne tun sollen, dass etwa Ortrud den Arm hebt, »als halte sie sich des Sieges gewiss«.

Das haben die ja gemacht, damit man die Musik versteht oder eben nicht missversteht. Wenn da also vermerkt ist, dass Ortrud den Arm heben soll, dann ist das, weil das an dieser Stelle in der Musik gemeint ist. Wenn nun ein Regisseur hingeht und sagt, du hebst jetzt fünf Takte später den Arm, dann ist das nicht richtig. Wir wollen jetzt nicht Erbsen zählen, aber in einer Zeit, in der das Verständnis für die Musik oft sehr zu wünschen übrig lässt, sollten wir uns wieder stärker an dem orientieren, was sich die Komponisten eigentlich gewünscht haben.

Kommen wir noch einmal zurück zu Wagner und Verdi. Drei Wagner-Rollen haben Sie in Ihrem Repertoire: Eva, Elsa und Elisabeth. Bei Verdi sind es ein paar mehr. Ist das einer persönlichen Vorliebe geschuldet oder einfach nur Ihrem Stimmfach?

Ganz eindeutig dem Stimmfach. Ich liebe Verdi, daher bin ich auch froh, dass ich mich nicht mit Brünnhilde und Isolde abrackern muss. Meine Stimme hat naturgemäß, wie jede andere Stimme, gewisse Grenzen, die ich nicht sprengen möchte. Da kommt mir Verdi stimmtechnisch viel mehr entgegen. Wagner wird sicher auch noch die eine oder andere Überraschung bereithalten, aber: Gut Ding will Weile haben.

Was genau mögen Sie an Verdi?

Alleine die Art, wie er die Gesangsstimme behandelt. Es gibt bei Verdi kaum eine Rolle, die ich bisher gesungen habe, von der ich sagen würde, da sind unsingbare Stellen drin. Natürlich gibt es schwere Stellen, aber eigentlich wächst man an diesen Aufgaben. Wagner verleitet einen Sänger viel eher dazu, Dinge zu tun, die nicht so gut sind. Wobei die Rollen, die ich bisher von ihm verkörpert habe, sehr singbar sind. Trotzdem ist man manchmal froh, wenn sie nicht ganz so lang sind. Wenn ich zum Beispiel Elisabeth im »Tannhäuser« singe, denke ich immer: Es ist eigentlich eine schöne Sache, dass die so kurz und schmerzlos ist.

Klingt fast so, als sei Verdi ganz einfach zu singen. Dabei gibt es viele Gesangsexperten, die nicht nur einen Mangel an guten Wagner-Sängern beklagen, sondern auch an guten Verdi-Interpreten.

Es ist natürlich immer eine Frage, was die Stimme hergibt und wie sie gefärbt ist. Wenn man die Bruststimme nicht richtig beherrscht, Probleme in der Höhe hat, der Registerwechsel nicht richtig funktioniert oder man eine schwache Mittellage hat, kann Verdi eine Stimme schnell überfordern. Wenn die stimmlichen Grundlagen aber da sind, kann man die Rollen üben – und wächst an den Aufgaben. Wenn sie nicht da sind, übt man die Partie und denkt vielleicht, dass man daran wächst – es entwickelt sich aber genau in die andere Richtung. Für mich ist Elisabetta, mit der ich 2008 in Oslo debütiert habe, eine Rolle, die wie für mich geschrieben ist. Schon beim Debüt habe ich mich sehr wohl damit gefühlt, das war wirklich enorm. Bei Desdemona ging es mir so ähnlich, die ist einfach gesund für meine Stimme.

Woran merken Sie, dass eine Rolle maßgeschneidert für Ihre Stimme ist?

Ich sage es mal so: Ich bin ja nicht Desdemona oder Elisabetta. Aber ich übe das, und plötzlich passiert etwas – und ich habe stimmlich und/oder geistig eine neue Welt entdeckt. Das ist so ähnlich wie beispielsweise bei einem Schubert-Lied: Sie lesen ein schönes Gedicht, dann haben Sie diese Musik dazu, und dann üben Sie das. Und auf einmal macht es klick, und es geht Ihnen die Welt auf. Das können Sie genauso auch nicht nochmal erleben, das ist ein unwiederholbarer Moment, aber auch nicht vergessen.

Gab es auch Rollen, bei denen Sie den Zugang nur schwer gefunden haben?

Zum Beispiel die 1. Arie der Traviata. Der 2. und 3. Akt waren meine Akte, aber im ersten kam ich mir immer komisch vor. Ich meine, die Koloraturen sind mitreißend. Aber so richtig verstanden habe ich das nicht. Ich musste erst ein bisschen älter werden, um Spaß an der Kurtisanendarstellung zu finden. Dass Violetta, die schon so viel Abgrund gesehen hat, bei dem reinen Gefühl von Liebe plötzlich in Ekstase gerät, hat sich mir damals noch nicht erschlossen, weil ich mir die Abgründe nicht vorstellen konnte.

Wie erarbeiten Sie sich eine Rolle? Die technische Bewältigung ist das eine, das Erfüllen mit Seele das andere?

Ich bemühe mich immer zu verstehen, warum eine Figur genau diese Phrase zu diesem Moment singt. Ich mache mir also Gedanken über die Musik in der jeweiligen Situation. Und da hilft es manchmal, ganz naiv zu sein und nicht um zehn Ecken zu denken. Gerade bei den Italienern ist das ganz oft so: Die denken gar nicht so viel, sondern sie erfassen die Situation emotional. Und das vereint mit ein bisschen Technik und Geist ist eine gute Kombination. Dabei kann eine gute Intuition hilfreich sein.

Was muss eine Rolle mitbringen, damit Sie sagen, die interessiert mich?

Das Ausschlaggebende ist die Musik, insbesondere die Musik meiner Rolle. Natürlich auch, wie sie stimmlich liegt, ob ich sie also bewältigen kann. Wenn das der Fall ist, sehe ich mir den Charakter an, ob der mir liegen könnte. Wobei diese Frage ein bisschen nebensächlicher ist, weil man in eine Rolle immer auch hineinwachsen kann. Ansonsten mag ich es, böse zu sein, ich mag gerne lieb sein, gläubig sein, ich mag gerne die Welt in Frage stellen, auch mal hysterisch sein, ich mag auch sehr gerne mal ermorden, ich mag auch gerne ermordet werden – das alles interessiert mich sehr.

<i>Sternstunden des Operngesangs: Mit ihrem Bühnenpartner Jonas Kaufmann elektrisiert Anja Harteros immer wieder das Publikum. Umjubelt wurden sie auch in der Produktion von Verdis „Don Carlo“ bei den Salzburger Festspielen im vergangenen Sommer. Foto: Monika Rittershaus/Salzburger Festspiele</i>

Den kompletten Artikel lesen Sie in der Ausgabe Februar 2014