Franz Hummel

Komponieren mit Libido

Der Komponist Franz Hummel ist ein radikaler Außenseiter unter den zeitgenössischen Tonsetzern, der sich vor allem mit seinen Opern einen Namen erworben hat. Mario-Felix Vogt kennt ihn bereits seit seiner Kindheit und verdankt ihm wichtige Impulse zum Musikverständnis. Vor dessen 75. Geburtstag im Januar traf er den Künstler im bayerischen Riedenburg zum Interview.

Foto: privat
<i>Foto: privat</i>

Franz, Du arbeitest zurzeit an einem Oratorium. Traditionell behandelt diese Gattung, wie wir sie etwa von Händel kennen, Szenen aus der Bibel. Wie kommst Du als ein Mensch, der dem christlichen Glauben fernsteht, dazu, ein solches Stück zu schreiben? Oder ist Dein Oratorium kein religiöses Werk?

Um Gottes willen, nein. Es ist ein unchristliches Oratorium, das ziemliche Auseinandersetzungen in sich birgt wie in einer griechischen Tragödie. »Adlerfelsen/Golgatha« ist sein Titel, und es handelt von Prometheus und Christus. Das Libretto stammt von Thea Dorn, einer klugen und faszinierenden Autorin, die dafür ausschließlich eigene Texte benutzt.

Wie sieht die Besetzung beim Oratorium aus?

Es gibt zwei Chöre, die einander gegenübergestellt werden, Prometheus und Christus, beide Bariton, und großes Orchester.

Und welche kompositorischen Verfahren verwendest Du in dem Werk?

»Verfahren« sind nichts, das mich interessiert, denn intellektuelle Konstrukte gibt es in meinen Stücken so wenig wie -ismen (Neoklassizimus, Serialismus etc.). Wenn ich Thea Dorns Text lese, vertiefe ich mich so aufmerksam wie möglich in den Inhalt. Das Werk entsteht sozusagen »aus dem Bauch«, also aus allem, was emotional aufleuchtet. Es käme für mich nicht in Frage, mir für eine bestimmte Strecke etwa eine A-B-A Form vorzunehmen, denn ich spreche ja auch frei. Stell Dir mal vor, ich würde einen Satz formulieren und vorher zur Bedingung machen, dass darin zwei Akkusative enthalten sein müssen oder drei Parenthesen! Nein, ich spreche, wie ich es gewohnt bin: emotional und direkt. Wenn wir uns unterhalten, kommen natürlich auch Sätze vor, die nicht perfekt sind. Das geschieht, wenn man beim Sprechen zu locker improvisiert. Im Komponierprozess kann man solche Fehler ausbügeln. Jedenfalls ist das meine Art zu komponieren. Ich könnte hier einen Doppelpunkt setzen und sagen: Ich weiß nicht, wie man komponiert. Das käme der Wahrheit ziemlich nahe. Ich weiß ja auch nicht, wie man spricht, denn das läuft ziemlich autonom.

Welche Form hat das Oratorium?

Um ein Musikstück zu formen, gibt es mehrere Möglichkeiten: Ich kann mir eine Form ausdenken und diese dann füllen. Ich kann aber auch den Inhalt sich selbst formen lassen wie aus einem genetischen Nukleus. Dabei entsteht eine Form, die wahrscheinlich keinem der in der Formenlehre festgelegten Fertigbausteine entspricht und das ist sicher der natürlichere Weg. Wenn der Inhalt Form gewinnt, ist sie nicht bloße Verpackung, sondern Bestandteil des Werkes und mit ihm wesensverwandt. Alles andere erscheint mir, als ob jemand sich zwei rote Buchdeckel aussucht, um in sie einen farblich passenden Roman hineinzuschreiben

Gibt es bereits einen Aufführungstermin?

Nein. Es freut mich genauso, wenn das Stück in der Schublade bleibt. Ich habe zwar das Glück gehabt, alle meine 22 Opern aufgeführt zu bekommen, das muss aber nicht unbedingt Erfolgsgefühle hervorrufen. Die empfinde ich eher, wenn die fertige Partitur vor mir liegt. Freilich ist das lebendige Erklingen einer Komposition zweifellos etwas wunderbar Sinnliches.

Manche Vertreter der Neue-Musik-Avantgarde werfen Dir vor, dass Du ästhetisch in den Gefilden der romantischen Expressivität wilderst, dass Du Dich einer Musiksprache bedienst, die bereits historisch belegt ist.

Je mehr man mir unterstellt, umso mehr beachtet man mich. Das schmeichelt der Eitelkeit. Dass Expressivität in der Musik obsolet sein soll, ist jedoch absoluter Quatsch. Schau Dir doch das zeitgenössische Theater an. Dort bedeuten Emotion, Expressivität und Leidenschaft alles. Das nimmt die Menschen mit, das umarmt sie, nichts anderes. Hast Du schon mal gehört, dass die Liebe durch den Intellekt inniger wird? Für mich ist das Komponieren ein im Grunde libidinöser Akt. Von Jean Cocteau stammt der schöne Ausspruch, dass Kunst die Sexualität des Geistes sei. Demnach wäre Cocteau ein ziemlich verwegener Romantiker. Was hat man heutzutage nur gegen die »Romantik«? Diese Epoche   war doch nichts anderes als ein leidenschaftlicher Aufbruch ins Individuelle. Dass wir in unserer Überwachungswelt jegliche Individualität verlieren werden und auch schon vielfach verloren haben, sollte uns dazu bringen, viel mehr für die Individualität zu kämpfen.

Du hast 1998 in einem »Spiegel«-Interview formuliert: »Wer immer im selben Stil herumwerkelt, verblödet« und »Stil ist Enge«. Wie meinst Du das?

Erstaunlich, ich scheine damals schon Recht gehabt zu haben. Ich bin heute noch viel radikaler, denn ich sehe mich als Komponisten ohne Stil. Warum? Ganz einfach: weil mir so viel einfällt, dass ich mich nicht auch noch an einem Stil festhalten kann.

Aber ist das nicht auch schon wieder ein persönlicher Stil, wenn man sich keinem bestimmten Stil verpflichtet fühlt?

Das weiß ich nicht. Was ist Personalstil? Normalerweise versteht man unter diesem Begriff   ein Wiedererkennungsmerkmal kompositorischen Tuns. Wenn ich meine Stücke, die im Laufe der letzten 40 Jahre entstanden sind, anhöre, finde ich durchaus Gemeinsamkeiten. Zum Beispiel Gesten, die immer wieder auftauchen. Das heißt: Ich bin nicht gut genug, immer alles ganz neu zu erfinden. Aber ich habe mich mein Leben lang darum bemüht, ständig neue Territorien zu betreten und keinen -ismen zu folgen. Hör Dir mal Beethovens Werke an. Er hat einen ziemlich ausgeprägten Stil, weicht diesem aber von Sonate zu Sonate und von Sinfonie zu Sinfonie aus. Damals war das wesentlich schwieriger als für uns heute, denn zu seiner Zeit war es gefährlich, so individualistisch zu sein. Heute fordert man zwar großspurig Individualismus, aber wehe, du hast ihn. Dann sinken deine Chancen, weil du nicht gesellschaftskompatibel bist.

Die Oper „Blaubart“ basiert auf Sigmund Freuds Hysteriefall „Dora“ und Gedichten von Georg Trakl. Das Werk wurde europaweit über 120 Mal aufgeführt. Foto: Jörg Landsberg/PR
<i>Die Oper „Blaubart“ basiert auf Sigmund Freuds Hysteriefall „Dora“ und Gedichten von Georg Trakl. Das Werk wurde europaweit über 120 Mal aufgeführt. Foto: Jörg Landsberg/PR</i>

Den kompletten Artikel lesen Sie in der Ausgabe Februar 2014