Nader Mashayekhi

Das Gewissen staubsaugen

Neue Musik im Iran – das war der Traum des Komponisten und Dirigenten Nader Mashayekhi. Immer wieder drohte dieser Traum zu platzen, wie auch ein Dokumentarfilm über sein Wirken in seiner Heimat zeigt. Doch manchmal scheint es im Leben auch ein Happy End zu geben. Stephan Schwarz hat sich mit Nader Mashayekhi unterhalten.

Interkultureller Austausch: Mit seinen jungen Musikern aus dem Iran gastierte Nader Mashayekhi auch in Europa. Hier bei einer Aufführung von Johann Sebastian Bachs „Johannes-Passion“ in Italien. Foto: Melle van Essen/EuroArts
<i>Interkultureller Austausch: Mit seinen jungen Musikern aus dem Iran gastierte Nader Mashayekhi auch in Europa. Hier bei einer Aufführung von Johann Sebastian Bachs „Johannes-Passion“ in Italien. Foto: Melle van Essen/EuroArts</i>

»Gozaram« ist persisch und bedeutet so viel wie »verstreichende Zeit«. Gozaram heißt auch ein Gedicht der Iranerin Forough Farrokhzad, die in den sechziger Jahren als Dichterin in ihrer Heimat den Anschluss an die westliche Moderne suchte. In dieser Zeit befand sich hier im Kulturleben einiges im Aufbruch, unter der Herrschaft Schah Mohammad Reza Pahlavis entdeckten Schriftsteller, bildende Künstler und Musiker bisher unbekannte Ausdrucksformen, mit denen sie sich von den überlieferten Traditionen lösten. Neugier lag in der Luft, und die Begeisterung für das avantgardistische Europa und Amerika holte Künstler wie Karl Heinz Stockhausen, John Cage, Iannis Xenakis oder György Ligeti ins Land, deren Werken ein elitärer, aufgeschlossener Kreis unter königlichem Vorsitz des Herrscherpaares beim Schiras-Festival lauschte, dem einzigen Festival für Moderne im Iran. Zwischen 1967 und 1977 fand es alljährlich vor den Ruinen von Persepolis statt. 1979 war dann der kulturelle Aufschwung endgültig vorbei, die Islamische Revolution unter Ayatollah Khomeini hatte den Schah verjagt und – soweit es in der Macht ihrer Führer stand – die westlichen Strömungen aus der Kunst verbannt.

Nader Mashayekhi hatte das Land schon vorher verlassen. Bereits 1978 war er, als Sohn eines berühmten Schauspielers, der im Iran Stücke von Ionesco, Satre und Beckett aufführte, nach Wien übergesiedelt, um dort Musik zu studieren. Von den Verhältnissen in seinem Heimatland bekam er hier nicht viel mit. Erst viele Jahre nach dem Beginn der Revolution, im Jahr 1998, reiste er zum ersten Mal zurück und begann eine Idee auszubrüten: die Idee, zeitgenössische Musik im Bewusstsein seiner Landsleute zu etablieren, eine Lanze zu brechen für die musikalische Moderne, die ihn selbst seinerzeit nach Europa getrieben hatte. 2006 schien sein Traum mit der Gründung eines eigenen Jugendorchesters endlich Wirklichkeit zu werden – auch wenn es niemals einfach war, zwischenzeitlich sogar völlig unmöglich erschien.

»Gozaram« heißt nicht nur ein Gedicht von Forough Farrokhzad, sondern auch ein Dokumentarfilm des niederländischen Filmemachers Frank Scheffer, der den Komponisten und Dirigenten Nader Mashayekhi bei seiner musikalischen Rückkehr in den Iran begleitet hat. Ein kontemplativer Film über die Vision eines Mannes, der von sich selber sagte: »Ich kam in meine Heimatstadt, und in meinem Koffer war nur eins: Hoffnung.« Schon am Uraufführungstag der Erstfassung schien diese auf Leinwand eingefangene Hoffnung zerstört. Es war der 12. Juni 2009, der Tag der Wahlen im Iran, als blutige Proteste und Massenverhaftungen die Brüchigkeit der politischen Verhältnisse einmal mehr auf traurige Weise bestätigten. In seiner heutigen Fassung endet der Film Frank Scheffers eher resigniert. Nader Mashayekhi zog sich wieder nach Wien zurück. Doch nur für kurze Zeit. Heute lebt er wieder hoffnungsfroh in seiner Heimatstadt Teheran. Wir haben uns bei ihm erkundigt, was in der Zwischenzeit mit ihm und seinem Orchester passiert ist.

Herr Mashayekhi, wie geht es Ihnen? Was machen Sie zurzeit?

Ich war sehr eingespannt in der letzten Zeit, aber es geht mir sehr gut, danke. Ich gebe gerade einen Kurs über Neue Musik, da arbeite ich mit wirklich jungen Leuten, die sich sehr dafür interessieren. Das sind nicht nur Komponisten, sondern auch Instrumentalisten, die diese Musik unbedingt spielen möchten. Immer wieder interessant zu sehen, wie sie reagieren, wenn man sie mit den Werken der Nachkriegs-Avantgarde der fünfziger Jahre konfrontiert. Ich glaube, da sind die Reaktionen hierzulande gar nicht so unterschiedlich von denen der Leute in den fünfziger Jahren bei Ihnen.

Leben Sie nun wieder vollständig in Teheran?

Ich muss immer wieder mal nach Wien, weil mein Sohn dort lebt. Er ist jetzt 18 Jahre alt, und manchmal muss man sich ja auch mal als Vater betätigen. Eine Wohnung habe ich dort aber nicht mehr. Meine Tante wohnt dort, und jedes Mal, wenn ich nach Wien komme, kann ich bei ihr wohnen.

Zuvor hatte es bereits zwei Rückkehrversuche gegeben. Wie kam es, dass Sie 1998 zum ersten Mal nach über 18 Jahren wieder nach Teheran gingen?

Ich hatte in all den Jahren nichts mitbekommen. Ich hatte das Land ja nicht einmal betreten. Ehrlich gesagt interessierte es mich auch nicht. Das Einzige, was mich interessierte, war die Musik. Dann, Ende der neunziger Jahre, suchte man jemanden, der das Sinfonieorchester in Teheran leiten sollte. Man hatte mich mit meinem Ensemble in Wien gehört, und auch meine Kompositionen hatten Aufmerksamkeit erweckt – damals wurde gerade meine Oper »Malakut« in Wien uraufgeführt. Ich ging auf das Angebot ein, mit dem Orchester zu arbeiten, und Sie werden es nicht glauben: Auch wenn ich 18 Jahre lang keinen Fuß mehr in das Land gesetzt hatte, fühlte ich mich nach drei Tagen schon wieder so, als wäre ich nie aus Teheran weg gewesen.

Wie haben Sie das Musikleben vorgefunden im 20. Jahr nach der Islamischen Revolution?

Nehmen wir das Tehran Symphony Orchestra, mit dem ich damals arbeitete, so hatte das Orchester vornehmlich die Aufgabe, Agitationsmusik zu spielen. Der Erste Oboist erzählte mir, dass er oft daran denken musste, wie viele Leute gestorben sind, weil er dieses oder jenes Thema gespielt hatte. Das war ja wirklich eine Art von Musik, die die Leute für den Krieg motivieren sollte! Die Orchestermusiker kamen sich furchtbar vor, weil sie sie all die Jahre lang gespielt hatten und wollten sich nun endlich geistig davon trennen.

Gab es trotz Revolution und der religiös motivierten Ablehnung westlicher Kultur auch Gelegenheit, zumindest Mozart oder Beethoven aufs Programm zu setzen?

Vielleicht ab und zu. Allerdings sehr selten, meistens eine Beethoven-Ouvertüre, »Egmont« oder »Coriolan« oder ein paar Tschaikowsky-Walzer. Darüber hinaus haben sie das Repertoire nicht erweitern und vertiefen können.

Und 1998? Ayatollah Khomeini war zu diesem Zeitpunkt ja immerhin schon fast zehn Jahre tot.

Ja, und da gab es schon eine sehr viel größere Offenheit. Die Leute, die das Sagen hatten, saßen ja schon seit fast 20 Jahren in ihren Machtpositionen und mussten zusehen, dass sie Anschluss an die Bevölkerung bekamen. Kultur ist natürlich immer gefährlich, denn die Kunst ist frei, und Freiheit – gedankliche Freiheit – ist einer autoritären Regierung immer ein Dorn im Auge. Die wirkliche Herausforderung stellte für mich, der ich den Leuten die Werke von Cage oder Feldman näherbringen wollte, aber eher die Hörgewohnheit der Perser dar. Die ist nämlich äußerst interaktiv. Wenn Musik gespielt wird, müssen Perser immer etwas machen, mitklatschen, tanzen oder mitsingen. Nur zuzuhören ist nicht möglich. Ich wollte eine Hörgewohnheit forcieren, die vor allem das reine Hören propagiert. Doch das klappte nicht so wirklich, auch mit dem Orchester nicht.

Also reisten Sie wieder nach Wien …

Ja, 2002 war ich wieder zurück, bin aber 2006 erneut gegangen.

Für den nächsten Anlauf in Sachen Moderne Musik. Nur diesmal mit einem ganz anderen Konzept – das auch sehr nahe- liegt, wenn man bedenkt, dass im Iran der Altersdurchschnitt bei ungefähr 27 Jahren liegt. Sie haben ein Jugendorchester gegründet, das Tehran Philharmonic Orchestra, das auch im Film von Frank Scheffer zu sehen ist.

Das war kurz nach der Wahl von Ahmadinedschad zum Präsidenten, ein äußerst schwieriges Klima für Kunst und Kultur. Jeder, mit dem ich von meinen Plänen geredet hatte, sagte mir: Neue Musik in Persien? Das kannst du vergessen. Doch gerade das hat mich gereizt. Ich dachte mir: Okay, wann hat man schon die Gelegenheit, das Unmögliche möglich zu machen? Kurz nach der Machtübernahme Ahmadinedschads war es noch ein wenig einfacher, denn es saßen noch viele Leute in den entsprechenden Stellen, die versuchten, den fundamentalistischen Strömungen etwas entgegenzusetzen. Die Regierung hatte sie noch nicht austauschen können, so etwas dauert ja immer ein paar Monate. Als das dann der Fall war, wurde es richtig schwierig. Ich bin aber an eine regierungsunabhängige Kulturorganisation geraten, die uns finanziell unterstützt hat.

Wie haben Sie dann die ersten Schritte hin zu einem Orchester der Moderne gemacht?

Ich habe damals an drei oder vier verschiedenen Universitäten unterrichtet. Dort habe ich einen Vorspieltermin ausgeschrieben, zu dem ich interessierte Studenten eingeladen habe. Das erste Vorspiel fand hinter dem Vorhang statt, damit die Jury-Mitglieder (wie sie das ja gerne tun) nicht ihre eigenen Schüler bevorzugen. Das Interessante ist, dass dadurch sehr viele Mädchen in die nächste Runde kamen und wir einen sehr hohen weiblichen Anteil im Orchester bekamen.

Um seine Landsleute für die Neue Musik zu begeistern, hat Nader Mashayekhi einen harten und steinigen Weg auf sich genommen. Foto: Melle van Essen/EuroArts
<i>Um seine Landsleute für die Neue Musik zu begeistern, hat Nader Mashayekhi einen harten und steinigen Weg auf sich genommen. Foto: Melle van Essen/EuroArts</i>
Um seine Landsleute für die Neue Musik zu begeistern, hat Nader Mashayekhi einen harten und steinigen Weg auf sich genommen. Foto: Melle van Essen/EuroArts
<i>Um seine Landsleute für die Neue Musik zu begeistern, hat Nader Mashayekhi einen harten und steinigen Weg auf sich genommen. Foto: Melle van Essen/EuroArts</i>

Den kompletten Artikel lesen Sie in der Ausgabe April 2014