Anja Lechner

»Musik ohne Melodie ist keine Musik«

Die Cellistin Anja Lechner tanzt auf vielen Hochzeiten. Sie gehörte zum Rosamunde-Quartett und spielt Tango nuevo ebenso wie byzantinische Musik. Zeugnis davon legen zahlreiche CD-Projekte ab. Mario-Felix Vogt porträtiert die vielseitige Künstlerin, unser Autor Marco Frei hat sie zu ihrem neuen Album beim Label ECM befragt.

Foto: Andrea Boccalini/ECM
<i>Foto: Andrea Boccalini/ECM </i>

Anders als der Kontrabass ist das Cello ein Instrument, das fest in der klassischen Musikkultur verankert ist. Gehört Ersterer genauso zur Rock ´n´ Roll-Band und Jazzcombo wie zum philharmonischen Orchester, so verbindet man mit dem Cello doch eher Matineen, in denen langhaarige Blondinen verträumt Werke von Vivaldi darbieten. Nur wenige Cellisten haben sich aus der Welt der Klassik herausgewagt. Eine von ihnen ist Anja Lechner. Bei aller Liebe zur Musik des 18. und 19. Jahrhunderts will sich die 1961 in Kassel geborene Musikerin nicht darauf beschränken, denn ebenso sehr wie Bachs Solosuiten reizt sie der zeitgenössische Tango und die Musik des Nahen Ostens.

Doch nachdem sie ihr Studium bei den Meistercellisten Heinrich Schiff und János Starker absolviert hat, zieht es sie erst einmal zur Kammermusik: 1992 wird sie Mitglied des frisch gegründeten Rosamunde-Quartetts. Den Basspart in einem reinen Streicherensemble zu bedienen, stellt für sie etwas ganz Neues dar: »Für mich war das eine richtige Umstellung, weil ich vorher Kammermusik fast ausschließlich mit Klavier gemacht habe«, erklärt sie 1997 in einem Interview mit Su ­sanne Schmerda, »und dort liegen viele Melodien im Cello. Im Streichquartett dagegen übernimmt es sehr oft die Bass- und Begleitfunktion.« Lechner benötigt einige Zeit, bis sie sich auch »mit wenigen Pizzicato-Noten genauso identifizieren konnte wie mit dem schönsten Cello-Solo«.   Doch sie gewöhnt sich daran und bleibt dem Ensemble bis zu dessen Auflösung im Jahr 2009 treu.

Nach ersten Auftritten bei den Berliner Festwochen 1992 und in München 1993 gilt das Rosamunde-Quartett bald als eins der führenden jungen Streichquartette. Dabei wird nicht nur das exzellente Zusammenspiel hervorgehoben, sondern auch das Interesse am Repertoire jenseits des Mainstream. Denn die vier spielen bei ihrem Hauslabel ECM nicht nur ein mehrfach ausgezeichnetes Album von Haydns »Die sieben Worte« ein, sondern auch die ersten beiden Streichquartette des armenischen Komponisten Tigran Mansurian (*1939) sowie – gemeinsam mit dem großartigen Bariton Christian Gerhaher – das spätromantische Notturno für Stimme und Streichquartett des Schweizers Othmar Schoeck. Nachdem sich die Wege der Quartettmusiker getrennt haben, sucht Anja Lechner jedoch   neue Herausforderungen.

Einer ihrer wichtigsten Musizierpartner wird bald der argentinische Bandoneonvirtuose Dino Saluzzi (* 1935), den sie bereits aus »Rosamunde«-Zeiten kennt. Saluzzi hat den Tango mit der Muttermilch aufgesogen, ist jedoch stets auf der Suche nach neuen musikalischen Pfaden. Mit ihm nimmt sie drei Alben auf, in denen sich die Musiker souverän zwischen Klassik, Jazz und Tango bewegen, ohne jemals in diesen Schubladen zu denken. Im Jahre 2007 entsteht der preisgekrönte Dokumentarfilm »El Encuentro« (zu Deutsch: die Begegnung) von Norbert Wiedmer und Enrique Ros, der die musikalische Partnerschaft der beiden kulturell so verschieden geprägten Musiker in einer sensiblen Bildsprache einfängt. Er begibt sich mit Lechner und Saluzzi auf Reisen, unter anderem nach Argentinien, Armenien und die Niederlande, und vermittelt Einblicke in Proben und Aufnahmesitzungen, aber auch in Gespräche, in denen die Musiker ihre Philosophien formulieren. Das Reisen sei für sie von zentraler Bedeutung, sagt Anja Lechner, denn »die Wahrnehmung von Musik und die Art, wie man spielt, ändert sich, wenn man reist«.

Seit dem Jahr 2000 arbeitet die Cellistin mit dem   Pianisten Vassilis Tsabropoulos zusammen. Die Früchte dieser musikalischen Beziehung sind die meditativ angehauchten Alben »Chants, Hymns And Dances« (2003) und »Melos« (2007), auf denen byzantinische Melodik mit europäischen   Klängen verwoben wird. Inspiriert von den Filmen des russischen Regisseurs Andrei Tarkovsky und Werken von Bach und Schostakowitsch hingegen sind die beiden CDs, die Lechner mit dem Tarkovsky-Quartett aufnahm. Zu diesem Ensemble gehören außer ihr der Saxophonist Jean-Marc Laché, der Akkordeonist Jean-Louis Matinier sowie der Pianist FranÇois Couturier. Mit Couturier, der Sängerin Maria Pia De Vito und dem Perkussionisten Michele Rabbia spielt sie außerdem das Album »Pergolese« ein, das auf faszinierende Weise die barocke Klangwelt Pergelosis mit elektronischen Klängen und Percussion-Sounds erweitert.

Anja Lechners neueste CD widmet sich zum 75. Geburtstag des Komponisten ganz den Werken Tigran Mansurians. Anlässlich dieser aktuellen Veröffentlichung   traf unser Autor Marco Frei die Künstlerin zum Gespräch in ihrem Wohnort München.

<i>Mit den Brüdern Dino (l.) und Felix (M.) Saluzzi verbindet Anja Lechner (r.) eine langjährige musikalische Partnerschaft. Foto: ECM</i>

Den kompletten Artikel lesen Sie in der Ausgabe Mai 2014