Cameron Carpenter

Der schrille Traditionalist

Mit schrägen Outfits und ungewöhnlichem Repertoire versucht Cameron Carpenter, die Orgel der biederen Kirchenmusik-Welt zu entheben. Als einziger klassischer Organist reist er mit einer eigens für ihn gebauten Orgel um die Welt und begeistert mit virtuos dargebotenen Transkriptionen Fans wie Kritiker. Anlässlich seines Sony-Debüts traf Kai Luehrs-Kaiser den flippigen Künstler in seiner Wahlheimat Berlin.

Foto: Thomas Grube/PR
<i>Foto: Thomas Grube/PR </i>

Die pinkfarbene »Sobranie«-Zigarette glimmt noch im Aschenbecher. Die Treppe in seiner Penthouse-Wohnung herabschwebend, nimmt Cameron Carpenter, verborgen unter einer schwarzen Kapuze wie Gloria Swanson, am offenen Fenster Platz. Von unten dringt etwas Lärm von der unweit gelegenen Berliner Friedrichstraße herauf. Der hager-elegante, hauteng gewandete, glitzernd-androgyne Cameron Carpenter macht an diesem Nachmittag vollends den Eindruck, er sei der einzige Klassik-Künstler mit einem Vampir-Image. Der blasse Teint, die geschminkten Augenringe, dazu eine mysteriös feierliche Verbeugung mit zusammengefalteten Händen, wenn er auftritt, all dies erinnert an eines seiner tatsächlichen »Vorbilder«: an Klaus Kinski als Nosferatu. Doch Cameron Carpenter, zurzeit der wohl berühmteste Organist der Welt, winkt ab: Nein, nein, das komme einem sicherlich nur so vor. Der Vampir-Vergleich sei ihm nicht einmal ganz geheuer, weil antisemitische Andeutungen dahinter Platz haben. Nun, so haben wir es gewiss nicht gemeint! Und müssen doch einräumen: Auch Dracula selbst würde den Verdacht, ein Vampir zu sein, empört von sich weisen.

Was dem heute 32-Jährigen mit seinem unkonventionellen Image gelang, ist nicht weniger als eine totale Revolutionierung des Bildes vom Organisten. Darunter stellte man sich früher einen grau melierten, im Zugwind kalter Kirchen steif gewordenen Mann mit hochgezogenen Schultern vor. Oder Tee kochende Damen wie Hedwig Bilgram oder Marie-Claire Alain. Bei Letzterer nahm Carpenter, als er zwölf Jahre alt war, einige Stunden. »Marie-Claire Alain und ebenso Helmut Walcha repräsentieren eine Schule, die ich hochgradig respektiere. Weil diese Musiker die Fahne trugen und sich für ein Instrument einsetzten, das zuvor in der Klassik kaum eine Rolle spielte. Sie mussten bei null anfangen. Ähnlich wie, sagen wir: Walter Gropius.« Derlei Erkenntnisse kommen ihm leicht von der Zunge. Wirken aber durchaus nicht flippig. Man stößt bei diesem Paradiesvogel der Orgel rasch auf die Tatsache, dass sich hinter seinem grellbunten Äußeren – zuweilen trat er schon im Kleid auf – ein Traditionalist ganz eigener Prägung verbirgt.

Geboren am 18. April 1981 in einer ländlichen Gegend von Pennsylvania, begeisterte sich das Kind rasch für Musik und Tanz. »Ich suchte ein theatralisches Instrument.« So kam er zur Orgel. Als Sohn linksliberaler Eltern fand er in den Kircheninstrumenten seiner Region etwas, das laut und effektvoll zugleich klang. Und das in seinen Augen eine gewisse Flamboyance ausstrahlte. Mit elf Jahren sorgte er für Furore, weil er mit einer vollständigen Aufführung von Bachs »Wohltemperiertem Klavier« (beide Bände) in Amerika auftrat, mit dreizehn folgte sein Europa-Debüt. Rasch mauserte er sich vom Wunderkind zum Wundertier. Freilich nicht ohne solide Ausbildung an der Juilliard School bei Gerre Hancock, John Weaver und Paul Jacobs.

Sein Instrument führte er dabei zu ungeahnten Höhen der Virtuosität. Das berüchtigte Präludium und Fuge in H-Dur von Marcel Dupré hat angeblich nur er auf technisch überragendem Niveau aufgeführt. Da die Orgel ein Instrument ist, bei dem jede kleinste Unsauberkeit unangenehm ins Ohr sticht, lernt man diese Tugend rasch zu schätzen. Zum Beispiel, wenn er höllisch anspruchsvolle Werke wie die »Octaves« aus den »Sechs Etüden op. 5« von der Dupré-Schülerin Jeanne Demessieux live im Konzert spielt. Oder eine der zahlreichen Bearbeitungen, die den einzigen Zweck zu verfolgen scheinen, spieltechnische Klippen noch spitzer, abschüssiger und mörderischer zu machen. Wie etwa in der Orgelfassung von Vladimir Horowitz´ Variationen über ein Thema aus Bizets »Carmen«, der als Bearbeiter ganz nach demselben Gusto verfuhr.

Der schmale Mann wirkt, wenn man ihn dabei an der Orgel beobachtet, wie ein sechsarmiger Krake. Atemberaubend fließend und flüchtig, effektheischend auch in seinen Bewegungen huscht er über Tasten und Pedale. Der Unterschied zu anderen besteht offenbar darin, dass er die Orgel nicht als sakrales Medium begreift, sondern als glamouröse Show-Treppe. Dafür mag mitverantwortlich sein, dass Carpenter seit seiner Kindheit nicht nur von Kirchenorgeln inspiriert wurde, wie dies in Europa üblich ist, sondern auch von großen Kaufhaus- und Kinoorgeln. Die berühmteste steht im Wanamaker Department Store in Philadelphia, erstreckt sich über sieben Stockwerke im Innenhof des Macy´s-Kaufhauses und gilt seit 1904 als größte vollständig spielbare Orgel der Welt (mit ursprünglich 140 Registern und aktuell 28.482 Pfeifen). Sie wurde zweimal täglich – ähnlich wie ein Uhrwerk – mit Werken etwa von Frescobaldi, Pachelbel oder Bach in Gang gesetzt.

In Berlin, wohin Carpenter vor einigen Jahren verzog, interessierte er sich entsprechend nicht nur für die Orgel der Philharmonie, deren Instandsetzungsarbeiten er beriet und die er in den letzten Jahren bei Saisoneröffnungskonzerten spielte. »Am meisten würde mich interessieren«, so sagt er, »wie die Kinoorgel des Titania-Palastes geklungen haben mag« – also die Orgel jenes ehemaligen Kinos in Berlin-Steglitz, in dem nach Kriegsende die Berliner Philharmoniker mit Wilhelm Furtwängler ihr Konzertdomizil fanden. Kein Zufall, dass Carpenter seine erste Aufführungsserie in Berlin jüngst mit einer Begleitung des frisch restaurierten »Cabinet des Doktor Caligari«, Robert Wienes Klassiker des expressionistischen Films, auf der renovierten Filmorgel des Kinos Babylon am Rosa-Luxemburg-Platz bestritt. Mit historischer Filmmusik auf einer Orgel der Stummfilmzeit mit Spezialeffekten.

Im Innern des superioren Virtuosen indes nagte seit vielen Jahren ein generelles Unbehagen. Kaum eine Gruppe von Klassik-Solisten nämlich ist in so fataler Weise von der Qualität der Instrumente abhängig wie die Organisten. Zwar spielen auch Pianisten auf Flügeln, die ihnen vor Ort jeweils angeboten werden. Nur sind diese gewöhnlich in besserem Gesamtzustand als Orgeln, die nur zu hohen Festtagen – und dann vor halbleerem Haus – allzu gelegentlich gespielt werden. »Der Zustand des Instruments ist für den Organisten immer die Überraschung des Abends.« Und oft der Schock des Tages! »Die Unterschiede sind riesig. Nicht alles funktioniert bei jedem Instrument«, so Carpenter. »Und man wird nie glücklich mit der Tatsache, dass man nicht lange auf dem Instrument üben konnte, auf dem man am Abend spielt.«

Aus genau diesem Grunde entschied sich Carpenter vor einigen Jahren dafür, sich unabhängig zu machen – und eine eigene transportable Orgel für sich bauen zu lassen. »The International Touring Organ«, so lautet zurzeit jedes dritte Wort Carpenters, kostete ihn eine halbe Million Dollar. »Schon der Organist Jean Guillou wollte so etwas in den siebziger und achtziger Jahren machen«, so Carpenter, »aber es war zu aufwendig«. Im New Yorker Lincoln Center wurde das Instrument jüngst der Öffentlichkeit vorgestellt – um anschließend nach Europa verschifft zu werden. Teile des Soundsystems existieren doppelt, so dass diese bei dem geplanten Wechsel zwischen den Kontinenten (einmal pro Saison) bleiben können, wo sie sind. Der Rest reist. »Die Orgel passt in zwei Lastwagen und wird von zwei Vollzeittechnikern bewegt. Ihr Aufbau dauert drei Stunden.« Es sei dasjenige Instrument, auf dem er fortan nur noch – und zwar für den Rest seines Lebens – spielen wolle.

Auf seiner digitalen Tournee-Orgel kann Cameron Carpenter die Klänge aller berühmten Kirchenorgeln abrufen. Foto: PR
<i>Auf seiner digitalen Tournee-Orgel kann Cameron Carpenter die Klänge aller berühmten Kirchenorgeln abrufen. Foto: PR</i>

Den kompletten Artikel lesen Sie in der Ausgabe Juni 2014