Schlosstheater von Böhmisch Krumau

Das Theater ist der Opernstar

Es ist wunderschön, doch nahezu unbekannt: das barocke Schlosstheater von Böhmisch Krumau. Dort entstand zum 300. Geburtstag von Christoph Willibald Gluck ein Opernfilm von »Orfeo ed Euridice«, der mit Sängern wie Bejun Mehta, Eva Liebau und Regula Mühlemann hochklassig besetzt ist. Manuel Brug war bei den Dreharbeiten dabei und tauchte zwischen Pigmenthimmel und prunkvollen Lüstern in eine vergangene Zeit ein.

Nur rund 200 Zuschauer finden auf den kargen Holzbänken des barocken Theaters Platz. Foto: Jiri Hubac/PR
<i>Nur rund 200 Zuschauer finden auf den kargen Holzbänken des barocken Theaters Platz. Foto: Jiri Hubac/PR</i>

Das kommt eher selten vor: Normalerweise wird eine Opern-DVD mitgeschnitten, weil die Produktionsfirma eine Lücke im Katalog hat; weil ein großer Star dabei ist; weil die Gesamtbedeutung der Produktion wichtig scheint, eine Salzburger Festspielpremiere zum Beispiel, die noch dazu vom Fernsehen übertragen wird, wo man sich kostenmäßig einklicken kann; oder es handelt sich um eine der inzwischen zahlreichen Live-Übertragungen im Kino, wo die nachfolgende Speichermedien-Verwertung zum Vermarktungskonzept gehört.

Bei der neuen »Orfeo ed Euridice«-DVD von Arthaus-Musik war das alles der Fall: Es ist Gluck-Jahr – anlässlich des 300. Geburtstages am 2. Juli; mit Bejun Mehta war einer der besten Countertenöre überhaupt am Start, der die einst für den berühmten Altkastraten Gaetano Guadagni   geschriebene Rolle zudem eben in Salzburg gesungen hat und neuerlich im Mai bei den Wiener Festwochen verkörpern wird. Mehr noch, der Sänger mit der ausdrucksvoll gebrochenen, sich gleichwohl feinsinnig einer makellosen Technik bedienenden Stimme war an diesem speziellen Projekt so interessiert, dass er sich sogar als Produzent einbrachte. Denn dieser »Orfeo«, bei dem auch noch Eva Liebau als überaus kokette, selbst als Tote dem Diesseits zugewandte Euridice und die silberstimmige Regula Mühlemann als mädchenhafter, mit Flügeln und Schwert aus dem Bühnenhimmel im Wolkenwagen herabschwebender Amor dabei sind, hat einen wirklich dominierenden Star: für den der Aufwand erst betrieben und der ins allerbeste, die Handlung vorantreibende und beherrschende Licht gerückt wurde – das hinreißende Fürstlich Schwarzenberg´sche Barocktheater in Böhmisch Krumau.

Dort drinnen, auf der schrägen Bühne steht jetzt – man hat eben fünf Höfe durchquert und ist über eine grandiose dreistöckige Brückenkonstruktion gelaufen, hat vor dem wie in der Barockzeit eigentlich immer unscheinbaren Theaterbau Chormitglieder in Tuniken, Tänzer mit Blattkränzen im Haar und Musiker in rotweißen Dienerlivreen ausgemacht – der antike Sänger Orfeo alias Bejun Mehta und wartet auf seine Fahrt in die Unterwelt. Doch die Versenkung – zwei Männer sind im Keller positioniert und bewegen mit Mühlsteinen beschwerte Seile, auf dass ein Holzkasten in Führungsschienen mehr nach unten rumpelt denn gleitet –   hakt. Ein letztes Mal wird das jetzt probiert. Etwas entfernt, aus dem dunklen Zuschauerraum, ertönt wild auffahrendes Begleitspiel. Man sieht hinter den gereihten Kulissenbahnen perückte, von Kerzen sanft erleuchtete Köpfe, in zwei Reihen gegenübergestaffelt, ihre Geigen auf der Schulter, Holz- und Blechinstrumente an den Lippen. Darüber erhebt sich ein schwebendes Objektivauge. Und von ganz rechts kommt der Dirigenteneinsatz.

Ja, hier in dieser kleinen, verwunschenen, ganz aus der Wirklichkeit weggetauchten Welt der theatralischen Illusion, die fast bis zum letzten Nagel schon seit 250 Jahren nichts anderes versucht, als die Wirklichkeit szenisch zu überhöhen, wird jetzt die Gluck´sche Erfolgsoper gespielt: nur für die Kameras und so, dass hier wirklich ein Film entsteht, keine abgefilmte, historisch informierte Barockinszenierung. Denn das herrliche Theater, seit 1992 Weltkulturerbe wie das Schloss und der ganze, wie aus einem tschechischen Märchenfilm stammende Ort, ist gleichzeitig Kulisse, gibt den Inszenierungsstil vor und wurde stetig dominanter zum stolzen Hauptakteur.

Denn man sieht dieses Wunderwerk eben nicht nur von vorne, als leicht verblasste, aber farbenfrohe, sich blitzschnell auf einem komplizierten Laufwerk aus Hanfseilen, Lattengerüsten und Bodenrinnen wandelnde Kulissenwelt von Holz und Leinwand, die mal einen Hafen, dann wieder einen Wald, einen Garten und schließlich einen von kannelierten Säulen getragenen, goldstrahlenden Festsaal zeigt. Eine Welt, in der an Fäden bewegte Papageien an gemalten Orangen knabbern, wo es mit dem Blech donnert, der Wind von einem mit Leinwand bespannten Rad produziert wird, wo Wellen sich auf Rollen drehen, wo Menschen und Götter in Flugwerken und mit mechanischen Liften von oben wie von unten auftreten, in der Begräbnisfeuer düster flackern und in der himmlische Heerscharen in elysischen Gefilden tanzen.

Nein, hier wird vor den diversen, mal beweglichen, mal fest montierten oder am Kran schwebenden Kameras auch der Schnürboden und der entleerte, nur noch von nackten Gerüsten als Unterwelt dienende Bühnenraum vorgeführt. Darin regiert Höllenhund Cerberus als Pappfigur, Orfeo und Euridice finden mit ihren widerstreitenden Gefühlen auf einer Treppe keinen Halt. Amor starrt von oben zwischen Deckensofitten, durch die tiefsten, nur von Fackeln erleuchteten Schlosskeller wird gehastet. Am Anfang setzt sich Orfeo, schon zweifelnd über diese Staffage, in einer historischen Garderobe seinen Lorbeerkranz auf, am Ende wird er die tändelnde Euridice in ihrem falschen Barockidyll zurücklassen, von Amor ein letztes Mal geküsst durch einen leeren, langen Gang, dessen Ende nicht abzusehen ist, in eine ferne, ungewisse Künstlerzukunft enteilen – so wie Gluck und sein Librettist Ranieri de´ Calzabigi die alten Opernformen hinter sich ließen mit diesem Reformwerk, dramatisch glaubwürdigeres Neuland erobern wollten.

Es waren anstrengende Drehtage im letzten September in Südböhmen, aber alle waren mit Eifer dabei, denn so etwas erleben auch erfahrene Sänger nicht alle Tage. Filmstar sein in einer Kulisse, die historisch ist, fragil und fordernd zugleich, weil man stets live singen muss, im Kostüm trotzdem Mensch unserer Tage sein und bleiben soll. Denn der tschechische Filmregisseur Ondrej Havelka, der mit der Produktionsfirma BVA hier schon diverse Konzerte und Opern aufgezeichnet hat und dem die vorsichtige Schlossverwaltung vertrauensvoll ihr einmaliges Juwel überlässt, auch wenn er die vergängliche Pracht mit echten Kerzen in den Bühnengassen und Feuerschalen an der Rampe gefährdet, will stets die Ambivalenz: Er will zeigen, dass wir einer mit modernstem Equipment aufgeführten Rekonstruktion in authentischem Ambiente zusehen, die von heutigen Menschen getragen wird und die mit den Konventionen bricht. So erlaubt er Blicke in die Kulissen, führt das barocke Spektakel vor und reflektiert es gleichzeitig; so wie es Gluck versucht hat.

Bei dieser „Orfeo“-Produktion wurde nicht einfach eine Opernaufführung abgefilmt, sondern die Oper nur für die Kameras gespielt. Foto: Libor Svacek/PR
<i>Bei dieser „Orfeo“-Produktion wurde nicht einfach eine Opernaufführung abgefilmt, sondern die Oper nur für die Kameras gespielt. Foto: Libor Svacek/PR</i>

Den kompletten Artikel lesen Sie in der Ausgabe Juni 2014