Montserrat Caballé als Plattencover-Modell. Foto: Brian Aris

Montserrat Caballé als Plattencover-Modell. Foto: Brian Aris

Abschied von einer Jahrhundertstimme

Mit Montserrat Caballé ist wohl der letzte Weltstar einer Gesangstradition gestorben, die den reinen Stimmklang als interpretatorischen Wert hochhielt.

Für den Musikfreund, dem die menschliche Stimme Offenbarung des Unsagbaren ist, sind die vergangenen Tage schwer erträglich gewesen. So viel geschmackloser Blödsinn wie in den Nachrufen auf Montserrat Caballé war selten zu lesen. Da ist also eine Schwulenikone mit Steuerschulden gestorben, die über Nacht in New York zum Star wurde und schön leise singen konnte. Und Freddy Mercury nicht zu vergessen. Na Bravo!

Montserrat Caballé (1933 - 2018) ist tot. Mit ihr verstummt eine Stimme, wie die Geschichte des aufgezeichneten klassischen Gesangs nur wenige kennt. Was Klangfarbe und Klangintensität angeht, fällt einem Rosa Ponselle ein. Aber sonst?

Nun ist es ja immer eine Gratwanderung, über Stimmfarben zu fabulieren. Im Fall von Montserrat Caballé fehlen ohnehin die Vergleichspunkte. Wie lächerlich klingen Sprachbilder vom Rotgold, das im Sonnenuntergang glänzt gegen einen frei im Raum schwingenden Ton, den nur die weit gespannte Seele ganz aufnehmen kann.

Das Geheimnis dieses Stimmklangs lag sicher vornehmlich in der enormen Begabung. Dann natürlich auch im Fleiß des Studiums und in der Wahl von Vorbildern wie Renata Tebaldi. Wer die Caballé unterrichten sah und in Filmen sieht, bekommt eine Ahnung davon, welch hohe und konzentrierte Körperspannung diese Art von Gesang erfordert. Und doch ist das nur die Basis, den Atem zu kontrollieren, um den Ton in den entscheidenden Klangräumen des Kopfes resonieren zu lassen. Und zwar so, dass er völlig schwerelos den Raum zu fluten scheint.

In ihrer Hochzeit, die gute zehn Jahre umfasste, gelang ihr dies in allen Lagen. Bald aber stellte sich eine Schwäche ein, die sie mit Renata Tebaldi teilte. Die Vollhöhe gehorchte ihr nicht mehr. Der große körperliche Aufwand für den einmaligen Sound der Mittellage forderte als Tribut den Verlust der geschmeidigen Höhe. Das Anreißen von Spitzentönen gewöhnte sie sich nicht mehr ab. Ihre einmalige Pianokultur aber behielt sie, auch wenn diese Sphärenklänge mehr und mehr isoliert vom übrigen Stimmfluss wie eingestreute Offenbarungen die Synapsen reizten.

Doch waren diese leisen Töne nie nur Effekte, so bewusst sie auch eingesetzt wurden. Sie hatten eine Intensität, die entwaffnete. Montserrat Caballé war Trägerin des größten Geheimnisses, das den menschlichen Gesang umgibt: Ihr Gesang berührte in Urtiefen, er öffnete Emotionskanäle, die den ganzen Körper durchfluteten.

Zum Phänomen Montserrat Caballé gehört auch die enorme Vielseitigkeit zwischen Belcanto und Salome. Letztlich gibt es keine Opernrolle, in der sie Maßstäbe gesetzt hätte, allenfalls vielleicht als Elisabetta in Verdis Don Carlos. An einzelnen Arien hingegen kann man sich immer wieder berauschen. Die Arie "Depuis le jour" aus Charpentiers Louise ist mit den Caballé-Piani unvergleichlich entrückt. Puccinis Manon Lescaut ("In quelle trine morbide") erhält eine unbeschreibliche Mischung aus mädchenhafter Naivität und vollweiblicher Sinnlichkeit. Und die Norma schwebt auf ihrem weiten Atem kaum hörbar in höhere Sphären. Und tief bewegend ist Jules Massenets Arie aus Le Cid (Pleurez mes yeux), zumal die Caballé hier auch ihre phänomenale Tiefe aussingen kann.

Es gibt Kritiker, die den Gesang der Caballé als langweilig und glatt bezeichnet haben. Diese Urteile gehen fehl, dafür war die Caballé nicht perfekt genug - bei aller unvergleichlichen Musikalität und Phrasierungskunst. Es war der Ton, der für diese Sängerin die Musik machte. Und ihm ordnete sich alles andere unter. Der Ton aber war tief empfunden, der Klang war Interpretation. Sicher hat sie auch Zuflucht in ihm gesucht und gefunden, wo andere dem Wortsinn nacheifern oder Ausdruck zu machen suchen (was eine andere Art ist, die natürlich auch überzeugen kann).

Weil die Caballé derart Eins mit ihrer Stimme war, brauchte sie keine Distanz zwischen dem Menschen und der Künstlerin aufzubauen. Dadurch wurde die große Künstlerin nahbar und die hohe Kunst ihres Gesangs eine ganz menschliche Angelegenheit. Und was sonst ist Gesang?