Gabriele Forberg-Schneider (Vorsitzende des Kuratoriums) und Eamonn Quinn. Foto: Alannagh Brennan

Gabriele Forberg-Schneider (Vorsitzende des Kuratoriums) und Eamonn Quinn. Foto: Alannagh Brennan

„All you need is a room and some cash"

Erstmals backstage: Die Forberg-Schneider-Stiftung verlieh den mit 20.000 Euro dotierten Belmont-Preis für zeitgenössische Musik 2018 an Eamonn Quinn, Programmmacher und Konzertveranstalter in Dundalk, Irland.

Die Forberg-Schneider-Stiftung verlieh den mit 20.000 Euro dotierten Belmont-Preis für zeitgenössische Musik 2018 an Eamonn Quinn, Programmmacher und Konzertveranstalter in Dundalk, Irland. Für den Autodidakten und Außenseiter in der europäischen Festivallandschaft ist es die erste Auszeichnung überhaupt. Der Preis wurde im Rahmen der Eröffnung des Festivals „The Book of Hours" vom 22. bis 23. Juni 2018 in Dundalk verliehen.

„All you need is a room and some cash": Eamonn Quinns physischer Raum ist ein Kleinstbiotop in Irland, eine ländliche Kleinstadt nahe der Grenze zum Brexit-geplagten Nordirland. Der geistige Raum jedoch sind neue Horizonte, geprägt von umfassender Kenntnis auf dem Gebiet der zeitgenössischen Musik, von Scharfsinn, Sensibilität, Gespür für Zusammenhänge des Repertoires und Besonderheiten der Komponisten und Musiker, die er – unter herausforderndem finanziellen Risiko – zu sich einlädt.

Vor mehr als zehn Jahren begründete Eamonn Quinn zusammen mit seiner Frau Gemma Murray LCMS: Louth Contemporary Music Society, ein Laboratorium der immer wieder neu zu erkämpfenden Selbstverständlichkeit Kunst. Eamonn Quinn selbst ist der „Held hinter der Bühne", die mal ein altes Gefängnis sein kann, mal ein Altarraum oder die Kathedrale. Mit Scharf- und Eigensinn, mit eigener Handschrift gestaltet er ein jährliches Festival von nicht mehr als vier bis fünf Konzerten, vergibt Kompositionsaufträge und verewigt sie auf dem gleichnamigen CD-Label.

„I know I pick the music, but sometimes the music picks me." Diesmal nun hat das Kuratorium der Forberg-Schneider-Stiftung Eamonn Quinn zum Preisträger gekürt - in Anerkennung seiner Pionierleistung als Entdecker und Vermittler. Eamonn Quinn, 1967 in Nordirland geboren und dort aufgewachsen, gründete 2006 zusammen mit seiner Frau, der Musiklehrerin Gemma Murray, LCMS, die Louth Contemporary Music Society. Bis heute ist er ihr spiritus rector. Eamonn Quinn ist musikalischer Autodidakt. Er brennt für die zeitgenössische Musik und dafür, seine Faszination mit anderen Menschen zu teilen. Mangels musikalischer Angebote in der 30.000-Einwohner-Stadt Dundalk, Co. Louth, seinem Lebensmittelpunkt in der Republik Irland (die kulturellen Zentren Dublin und Belfast liegen jeweils ca. 80 km entfernt), ergriff er mit der Gründung von LCMS selbst die Initiative: „I like to create a unique listening experience.“

LCMS hat weder ein eigenes Budget noch einen Organisationsapparat, keine Marketing- oder Sponsorenabteilung, nicht einmal einen unterstützenden Freundeskreis oder feste Mitarbeiter: „LCMS is just me“. Er allein ist es, der die bis heute um die 40 Konzerte entwickelt hat und verantwortet, oft unter erheblichem finanziellen Risiko. Mit der Klarheit, Instinktsicherheit und Neugier eines staunenden Kindes komponiert Quinn sehr spezielle, facettenreiche Programme. Die Kräfte des angeblich so segensstiftenden Freien Marktes, Zeitgeist, kommerzielle Kompromisse, big names, geschmackliche Trends der internationalen Musikszene interessieren ihn nicht: „I would prefer if people just focus on the music.“

„People“ sind wie selbstverständlich auch junge Menschen: Musikschüler seiner Frau Gemma Murray, die er mit liebevollem Aufwand und pädagogischem Geschick an der Aufführung ausgewählter Stücke beteiligt. „The bottom line for me: is the music any good?” Er studiert haufenweise Partituren, schweift durchs Internet und entdeckt inmitten des Dickichts die Perlen, die er liebt. Dann greift er zum Telefon, als gäbe es keine Agenten, keinen hierarchischen Veranstaltungsapparat. Und sie alle kommen nach Dundalk: Musiker und Komponisten erliegen dem Charisma von Quinns unverbrauchter Spontaneität und Begeisterungsfähigkeit.

Die erste Saison 2006 eröffnete die britische Pianistin Joanna MacGregor mit Blues, Bach und Tango. Elf Jahre später (2017) steht einer der großen Komponisten unserer Zeit, Salvatore Sciarrino beim Festival „Silenzio“ im Mittelpunkt – sowohl mit einem Werkporträt als auch als Gesprächspartner des britischen Musikkritikers, Autors und Librettisten Paul Griffiths. In den Jahren dazwischen konnte Quinn meist jährlich eine Uraufführung in Auftrag geben (oft gefördert vom Arts Council Ireland), etwa von Terry Riley (2007), Arvo Pärt (2008), Alexander Knaifel (2009), Dmitri Yanov-Yanovsky (2011), Rabih Abou Khalil (2012), Betty Olivero (2014) und Frode Haltli (2016) – damals schon unterstützt von der Forberg-Schneider-Stiftung. Auch David Langs Stück „Just (After Song of Songs)“ wurde 2014 mit dem Trio Mediaeval in Dundalk uraufgeführt und aufgenommen. Als Soundtrack zu Paolo Sorrentinos Film „Youth“ gelangte es zu Weltruhm. 

Als jüngstes von neun Geschwistern wuchs Eamonn Quinn in einer Arbeiterfamilie in Newry (Co. Armagh, Nordirland) auf. Heute lebt und arbeitet er in Dundalk (Co. Louth), 23 km von seiner Geburtsstadt entfernt, auf der irisch-republikanischen Seite der Grenze. Er, der hier während „The Troubles“ immer wieder Zuflucht suchte („Nobody with guns, you weren’t worried about bombs going off“), mutmaßt über sein heutiges Engagement: Die Forberg-Schneider-Stiftung würdigt mit der Preisvergabe an Eamonn Quinn seinen dramaturgischen Wagemut, sein feines Gespür für Zusammenhänge des Repertoires, aber auch seine musikalische und menschliche Unbeirrbarkeit als Ausdruck einer humanistischen Haltung. Der Belmont-Preis für zeitgenössische Musik ist seine erste Auszeichnung.      

Die 1997 gegründete Forberg-Schneider-Stiftung fördert herausragende Leistungen auf dem Gebiet der zeitgenössischen Musik. Sie tut dies in erster Linie durch die Vergabe des Belmont-Preises, nach Möglichkeit im Turnus von zwei Jahren. Bisherige Belmont-Preisträger für zeitgenössische Musik: 2015 Milica Djordjević, Komponistin aus Belgrad und Berlin, 2013 Sabrina Hölzer, Regisseurin aus Berlin, 2012 Alex Ross, Autor und Musikkritiker aus New York, 2009, Marino Formenti, Pianist und Dirigent aus Wien, 2007 Bruno Mantovani, Komponist aus Paris, 2005 Quatuor Ebène, Streichquartett aus Paris, 2004 Carolin Widmann, Geigerin aus Leipzig, 2001 Florent Boffard, Pianist aus Paris, 1999 Jörg Widmann, Komponist und Klarinettist aus München und Berlin.