Midori Seiler ist Dirigentin in Köthen. Bild: Maike Helbig

Midori Seiler ist Dirigentin in Köthen. Bild: Maike Helbig

Bach in Raum und Zeit

Die Köthener Bachfesttage starten in ihre erste Ausgabe unter der künstlerischen Leitung von Folkert Uhde. Mit einer Vielzahl unterschiedlicher Programmkonzepte an außergewöhnlichen Spielorten bewegt sich das Festival in Johann Sebastian Bachs einstiger Wirkungsstätte zwischen Traditionsbewusstsein und zeitgenössischen Präsentationsformen.

 

 

Die musikalische Skala der Bachfesttage in Köthen reicht von der historischen Aufführungspraxis über elektronische Bach-Adaptionen bis hin zur Balkan Brass Band. Höhepunkte sind u.a. die Eröffnung mit dem eigens gegründeten BachCollektiv unter der Leitung von Midori Seiler (31.8.), Bachs Johannespassion (2.9.), die Weltpremiere von Francesco Tristanos „Goldberg City Variations Project“ (3.9.) und das abschließende Schlossfest (3./4.9.).  

Ein „Vorspiel“ stimmt auf die 26. Ausgabe der Bachfesttage ein. Die „Kunst der Fuge“ soll zu einem raumgreifend-emotionalen Erlebnis werden, präsentiert vom Signum Saxophon Quartett, dem Ensemble Resonanz und Organist Leo van Doeselaar.

Der eigentliche Festivalauftakt am 31. August wird nicht mit Pauken und Trompeten begangen, sondern widmet sich leisen, klagenden, sehnsuchtsvollen Tönen. Im Mittelpunkt steht der Gegensatz zwischen dem Individuum und der Gruppe. Es erklingen Arien und Sinfonien von J.S. Bach, interpretiert vom österreichischen Countertenor Terry Wey und Instrumentalsolisten des BachCollektivs unter der Leitung der renommierten Barockgeigerin Midori Seiler.

Der 2. September bietet eine unkonventionelle Aufführung eines der bekanntesten und dramatischsten Werke Bachs, der Johannespassion. Durch eine Auflösung der Trennung zwischen Bühne und Publikum ergibt sich eine neue Perspektive. Ausführende sind das BachCollektiv, das Vocalconsort Berlin und Solisten unter der Leitung von Daniel Reuss.

Mit Spannung erwartet wird in Köthen auch die Weltpremiere des „Goldberg City Variations Project“ von Pianist Francesco Tristano am 3. September. Aufbauend auf einer Idee des Komponisten und Architekten Iannis Xenakis hat Tristano ein visuelles Design-Konzept entwickelt, das in Echtzeit durch sein eigenes Spiel generiert wird und eine virtuelle Stadt entstehen lässt.

Einen kurzweiligen Abschluss bildet am 3./4. September das Schlossfest für Familien und Wochenendausflügler mit über 90 Veranstaltungen. Das Sächsische Vocalensemble singt, Grenzgänger-Pianist Kai Schumacher spielt auf dem Flügel Love-Songs von Bach und anderen, das Schweizer BachSpace-Projekt kombiniert Bach mit Elektronik, Alexander & Aleksandra Grychtolik improvisieren wie zu Bachs Zeiten auf zwei Cembali nach Publikumswünschen. Abschließend begeben sich Solisten des BachCollektivs mit Doppelkonzerten von Bach in einen musikalischen Wettstreit.

Aus bescheidenen Anfängen im Jahr 1967 hat sich in den letzten 15 Jahren unter der Intendanz von Hans-Georg Schäfer in Köthen ein Festival entwickelt, zu dem alle zwei Jahre Bachliebhaber aus der ganzen Welt pilgern. Auch aus der Region kommen zahlreiche Besucher in die Stadt, in der Bach 1717 bis 1723 als Hofkapellmeister wirkte, um sich von der Musik inspirieren zu lassen. 2016 wird das Festival erstmalig von dem Berliner Dramaturgen, Kulturmanager und Konzertdesigner Folkert Uhde gestaltet, der mit neuen Konzertformaten und einem großen Schlossfest die traditionsreichen Bachfesttage weiterentwickelt und öffnet. Jedes Konzert zeichnet sich durch eine eigens für Köthen entwickelte Dramaturgie, das Spiel mit Räumen, Kontexten und/oder Lichtdesign aus. Zudem wurde das BachCollektiv unter der künstlerischen Leitung der deutsch-japanischen Barockgeigerin Midori Seiler gegründet, ein generationen- und nationenübergreifendes Spezialisten-Ensemble für Alte Musik.