Im Zentrum der weit über das Baltikum hinausgehenden musikalischen Verbindung: Gidon Kremer. Foto: Helmut Pangerl

Im Zentrum der weit über das Baltikum hinausgehenden musikalischen Verbindung: Gidon Kremer. Foto: Helmut Pangerl

Baltische Musik-Verbindung auf Tour

In Zusammenarbeit mit Gidon Kremer und seiner Kremerata Baltica geht das noch junge Orchester Baltic Sea Philharmonic im September auf seine zweite Tour unter der Leitung von Gründungsdirigent Kristjan Järvi.

Nach der Debüttour im April 2016, die das Ensemble von Litauen nach Lettland, Estland, Finnland und Russland in die nördliche Ostseeregion führte, entdeckt die „Baltic Sea Discovery“-Tour im September nun den Süden: Startpunkt ist Litauen (Klaipėda, 15. September), dann geht es weiter nach Russland (Kaliningrad, 16. September), Polen (Danzig, 18. September), Dänemark (Sønderberg und Kopenhagen, 20.–22. September) und Deutschland (Peenemünde, 24. September).

Auch diesmal steht die Natur im Mittelpunkt des Repertoires und das Orchester wird Schulkonzerte für über 6.000 Schüler in Dänemark geben. Das Programm des Baltic Sea Philharmonic feiert die Erhabenheit des Schwans mit Arvo Pärts Swansong und Kristjan Järvis eigenen Konzertarrangement von Peter Tschaikowskys Ballett Schwanensee.

Gidon Kremer wird Weinbergs selten aufgeführtes Violinkonzert spielen. Das Programm der Tour lässt eine weitgefasste musikalische Mischung erwarten. Kristjan Järvi: „Wir vereinen unterschiedliche Elemente neuer, populärer und unbekannter Musik. Darum nennen wir unsere Tour ‚Baltic Sea Discovery’“. Fast gänzlich unentdeckt sei das Violinkonzert von Mieczyslaw Weinberg, so Järvi. 1919 in Polen geboren, floh der Komponist jüdischer Herkunft 1939 vor der deutschen Wehrmacht in die Sowjetunion. Auch dort geriet er in Konflikt mit den Autoritäten, diesmal wegen seines künstlerischen Modernismus. Weinberg hatte aber auch entschiedene Verteidiger. Einer davon war sein Freund, der russische Komponist Dmitri Schostakowitsch. Das 1960 komponierte Violinkonzert führte Leonid Kogan zur Premiere. Mit Gidon Kremer hat es einen idealen Fürsprecher, der zu den herausragenden Violinisten weltweit zählt.

Der Schwan steht im Mittelpunkt weiterer Werke des Programms. Arvo Pärts „Swansong“ wurde 2014 von der Salzburger Mozartwoche in Auftrag gegeben. Es ist die orchestrale Version des bereits 1999 entstanden Chorwerks, Littlemore Tractus, das sich auf Texte des Theologen Cardinal John Henry Newman gründet. Eines der weltweit beliebtesten Ballette ist Tschaikowskys „Schwanensee“. Das bekannte Musikstück arrangierte Kristjan Järvi neu. Schwäne faszinieren den Dirigenten: „Schwäne sind Geschöpfe großer Reinheit und Schönheit. In der Kultur aller nordischen Länder ist er ein Thema, darum widmen wir ihm einen wichtigen Teil unseres Repertoires.“

Die Zusammenarbeit mit der Kremerata Baltica habe sich ganz natürlich entwickelt, erzählt Kristjan Järvi: „Wir wollen miteinander kooperieren. Die Musiker der Kremerata Baltica werden sich unter das Baltic Sea Philharmonic mischen, so dass beide Ensembles spielen werden als wären sie eins. Es ist großartig, dass wir mit der Kremerata Baltica eine Einheit bilden werden, um so als Botschafter für Umweltschutz und soziale Integration in der gesamten Ostseeregion ausstrahlen zu können. Als Musiker sitzen wir alle in einem Boot und arbeiten an einer gemeinsamen Sache.“

Mit einer konzertanten Bearbeitung von Richard Wagners Der Ring des Niebelungen erscheint am 9. September das erste Album des Baltic Sea Philharmonic. Die Höhepunkte des epischen Wagner-Zyklus erzählt Henk de Vliegers „Ring ohne Worte“. Kristjan Järvi: „Wagners Ring-Zyklus ohne Worte ist eine sinfonische Reise und die erste Veröffentlichung des Baltic Sea Philharmonic. Es ist meine Lieblingskomposition, an der wir seit 2013 gearbeitet haben. Was Viele nicht wissen: Richard Wagner verbrachte Zeit in der Ostseeregion, insbesondere in Riga. Sein Ringzyklus ist in der nordischen Mythologie angesiedelt. Ohne seine Faszination für nordischen Legenden, in diesem seefahrenden Teil Nordeuropas, hätte er die bekannten mythischen Gestalten vielleicht nie erschaffen.“

Für Kristjan Järvi und einige Musiker bedeutet das Konzert in Peenmünde zur Eröffnung des Usedomer Musikfestivals die Rückkehr an den Geburtsort des Baltic Sea Youth Philharmonic (BYP), das 2008 vom Festival mitbegründet wurde. Seitdem tourte das BYP durch ganz Europa und erhielt internationale Beachtung für seine Aufführungen und sein Album „Baltic Sea Voyage“. 2015 wurde es mit dem Europäischen Kulturpreis ausgezeichnet. 2013 gründete sich die Baltic Sea Music Education Foundation (BMEF), um auf lange Sicht ein musikalisches Ausbildungssystem für die gesamte Ostseeregion zu realisieren. Ein Meilenstein auf diesem Weg war die Gründung des Baltic Sea Philharmonic im Dezember 2015. Es versammelt Musiker des BYP und ausgewählte Alumni aus der gesamten Region und vervollständigt als Tourenorchester die Ausbildungsarbeit des BYP.

Im Baltic Sea Philharmonic spielen Musiker aus allen zehn Ländern des Ostseeraums – Dänemark, Deutschland, Estland, Finnland, Lettland, Litauen, Norwegen, Polen, Russland und Schweden. Unter der Leitung von Kristjan Järvi feiert das Ensemble die kulturelle Vielfalt der Region mit einem breitgefächerten Repertoire. Angefangen bei klassischen Meisterwerken bis hin zu Auftragswerken aufstrebender Komponisten will das Baltic Sea Philharmonic mit Musik Menschen unterschiedlicher Nationalitäten und Biografien in einer ehemals durch Krieg und Politik geteilten Region zusammenbringen und Vorbild für ein fried- und respektvolles Miteinander sein.