Die Soldaten in Köln. Foto: Paul Leclaire

Die Soldaten in Köln. Foto: Paul Leclaire

Bernd Alois Zimmermanns Soldaten

Die Bühnen der Stadt Köln feierten mit einer eigenwilligen Fassung der Oper Die Soldaten den 100. Geburtstag des Komponisten Bernd Alois Zimmermann. Saori Kanemaki war für FONO FORUM dabei.

Die Entwicklung von Bernd Alois Zimmermann verlief parallel zu vielen Strömungen der Nachkriegszeit: Jazz und Popmusik wollten Anerkennung in der Gesellschaft, Zwölftonmusik und Serielle Musik entwickelten sich hintereinander und Musiker schufen eine neue musikalische Sprache mittels Elektronik.

Am Anfang seiner Oper dringt die Kakophonie in die Stille ein. Paukenschläge ertönen knallig im Raum und dissonanter Krach erzeugt eine widerliche Klangwelt. Zimmermann entwickelte in dieser Oper die „Kugelgestalt der Zeit“, deren Konzept als Schlüsselwort seiner Weltanschauung fungiert.

Dort existieren verschiedene Kulturwelten pluralistisch und verbinden sich fließend. Diese Weltanschauung setzt Carlus Padrissa in der Inszenierung dieser mehrdimensionalen Oper mit einer Bühne in Kreisform um. Jeweils im Halbkreis sitzen sich Orchester und Publikum gegenüber, umgeben von einem schmalen Gang, der den Sängern als Bühne dient, und einer Leinwand dahinter.

Auf der Leinwand werden nach Anweisung des Komponisten Montagen aus vergangenen Szenen – Erinnerungsbildern – parallel mit Verwendung von Stroboskopen gezeigt. Das lässt eine intensive, zeitlose Illusion entstehen, die zeitweise jedoch komplett von der Musik ablenkt.

Die Koloratursopranistin Emily Hindrichs spielt die Rolle der Marie. Mit großem Ambitus und lyrisch artikulierten Bögen verkörpert sie eine lebhafte, labile, junge Frau, die am Ende Opfer einer männerorientierten Gesellschaft wird. Im Vergleich zur Rolle der Marie stellen die Soldaten mit den abgehackten Tonlinien ihrer Partien ihre Mächtigkeit dar. Nikolay Borchev spielt mit emotionsvoller und kerniger Stimme den unter der unglücklichen Liebe zu Marie leidenden Stolzius.

Trotz einer zwieträchtigen Mutter-Sohn-Beziehung entsteht eine wohltuende musikalische Harmonie zwischen Nikolay Borchev und Dalia Schaechter, die als Mutter von Stolzius auftritt. François-Xavier Roth leitet das Gürzenich-Orchester in einer gigantischen Besetzung samt obligater Jazz-Combo auf der Bühne. Roth übersetzt mit seinen zwei assistierenden Dirigenten die rhythmisch dominante Musik in eine durchgehend narrative Struktur. Leider ist die Akustik des Raums für die höheren Töne der Streicher ungeeignet, weshalb sie kaum zu hören sind. Die vor allem perfekte, rhythmisch knackige Artikulierung der Schlagwerker lässt die Zeit innerhalb der ganzen Aufführung schnell vorbei gehen.

Die Oper Köln erweitert Zimmermanns musikalische Weltanschauung insbesondere durch eine radikale Gender-Perspektive, denn am Ende werden die Soldaten wegen des Missbrauchs von Marie hingerichtet und auf der Leinwand werden mehrere aufgehängte Soldaten gezeigt. Dieses Finale ist stark bildlich ausgeprägt. Das letzte Zuspiel, der sogenannte „Schrei-Klang“ der Vergewaltigung, begleitet vom ganzen Orchester unisono auf dem Ton d1, ertönt dennoch hilflos im Raum. Und dann richten sich plötzlich Scheinwerfer auf das Publikum, was als Flashback an die letzte szenische Darstellung der Uraufführung dieser Oper in Köln im Jahr 1965 erinnern soll. Allerdings führt diese inszenatorische Wendung verantwortungslos dazu, dem Publikum Schuldgefühle zu suggerieren und macht es nur hilflos.