Neumeiers Bernstein Dances. Foto: Kiran West

Neumeiers Bernstein Dances. Foto: Kiran West

Bernstein-Revue von John Neumeier

Die Musikwelt feiert in diesem Jahr Leonard Bernstein. Am 6. und 7. Oktober 2018, 18 Uhr, ehrt ihn das Hamburg Ballett John Neumeier zum Auftakt seiner alljährlichen Residenz im Festspielhaus mit einem ganzen Abend seiner Musik: John Neumeiers Ballettrevue „Bernstein Dances“.

 

 

John Neumeiers „Bernstein Dances“ entstand 1998 und fasst in einem weiten Bogen aus Ballett, Jazztanz und modernen Elementen nicht etwa das Leben des berühmten amerikanischen Landsmanns zusammen, sondern porträtiert in einer Auswahl aus Songs und Musicals, symphonischen Werken und Kammermusik den Komponisten durch seine Melodien und Rhythmen. Bernstein war bis zu seinem Tod 1990 ein persönlicher Freund John Neumeiers und kam immer wieder nach Hamburg. Seine Musik zieht sich durch das gesamte Oeuvre des Choreographen, nicht nur schuf Neumeier in Hamburg 1978 eine aufwendige Inszenierung der „West Side Story“, die erste in einem großen deutschen Opernhaus, 1991 triumphierte das Hamburg Ballett dann an gleicher Stelle mit dem fröhlichen Matrosen-auf-Urlaub-Musical „On the Town“. Neumeier choreographierte Bernsteins Zyklus „Songfest" und die Symphonie „The Age of Anxiety“, er wählte für sein Geburtstagsgeschenk für die dänische Königin Margrete dessen Divertimento für Orchester und schuf wenig später eine „Bernstein Serenade“ nach der Komposition „Serenade after Plato's 'Symposium‘“. Mehrere dieser kurzen Werke vereinte er dann zusammen mit neuen Choreographien in den „Bernstein Dances“.  

Vielleicht mag ein Kenner von Bernsteins Biografie Begebenheiten aus dessen Leben im Ballett erkennen, aber die Struktur entspricht einer Revue. Sechs Solotänzer prägen den Abend, ziehen sich mit ihren Persönlichkeiten durch das ganze Stück. Natürlich kann der berühmte Balletterzähler Neumeier der Handlung nicht ganz abschwören, in der „Serenade“ etwa geht es um die Liebe in all ihren Spielarten von platonisch bis erotisch. Der Abend bietet Gelegenheit, den in Europa berühmt gewordenen Choreographen und Ehrenbürger seiner hanseatischen Heimatstadt einmal in seinem heimischen Element als amerikanischen Showman kennen zu lernen, als Choreograph dahinwirbelnder Jazztänzer und nächtlicher Großstadtgeschöpfe.  

Bernsteins Musik war die erste große Liebe des heutigen Ballettintendanten: Als kleiner Junge tanzte er im Wohnzimmer im Milwaukee zur Ouvertüre von „Candide“, mit dieser sprudelnden, rasanten Musik beginnt der Abend. „Bernsteins ‚Essenz‘ liegt schon in seiner Musik“, so John Neumeier: „Ich muss versuchen, ihr wie einem sinfonischen Werk zu begegnen, sie als reine Musik erleben. Das ist das Geheimnis. Daraus entsteht von selbst etwas Biografisches. Ich definiere den Abend als Revue, eine lose Folge von Kompositionen und Choreografien, verbunden im Geist Leonard Bernsteins.“  

Über drei Jahrzehnte, von den 1950ern bis zu seinem Tod, war Leonard Bernstein eine beherrschende Figur des amerikanischen Musiklebens: als Chefdirigent der New Yorker Philharmoniker, als Fernsehpersönlichkeit, die den Amerikanern in Sendungen wie den „Young People’s Concerts“ die klassische Musik nahebrachte, und als Komponist verschiedenster Stile von Symphonien über Musicals bis zu religiösen Werken. Der charismatische Lebenmann war ein Wanderer zwischen den Welten und liebte es, Grenzen einzureißen. Als Kind osteuropäischer Einwanderer wurde Bernstein zu einem der Leuchttürme einer originär amerikanischen Kunst. In Songklassiker wie „Maria“ oder „Lonely Town“ erweist er sich als Meister der Melodie, aber in seiner genialen Mischung aus Klassik, Jazz, jiddischer und amerikanische Folklore war Bernstein auch ein Meister des Rhythmus – die lateinamerikanischen Tänze seiner Musicals, seine Jazzsynkopen gehen in die Beine.   

Vor der Großstadtkulisse New Yorks - das Bühnenbild entwarf Neumeier selbst – tanzt das Hamburg Ballett in den Kostümen einer echten Modelegende: Giorgio Armani schuf die fließend- eleganten und doch zeitlos schlichten Kleider. Speziell für die beiden Aufführungen studiert die Philharmonie Baden-Baden unter der Leitung des Hamburger Dirigenten Garrett Keast Bernsteins Musik ein, die Solovioline spielt Vadim Gluzman. Als Solisten für die Gesangparts wurden echte Musicalprofis engagiert: Am 6. Oktober sind das Dorothea Baumann, die aktuell in dem Disney-Musical „Frozen – Völlig unverfroren“ die Anna spielt und Oedo Kuipers, der in der vergangenen Saison in „Jesus Christ Superstar“ die Titelrolle spielte. Am Sonntag, 7. Oktober sind Marie-Sophie Pollak, Solo-Sopranistin diverser Neumeier-Ballette und der Bari-Tenor Roy Goldman zu erleben.