Bewertung eines Musikstücks ist sehr komplex

Wenn Taschenrechner den Wert von Kultur ermitteln: Warum die qualifizierte Musikrezenion in deutschen Tageszeitungen vom Aussterben bedroht ist und wie man diesen Vorgang beschleunigen kann.

Glaubt man Eleonore Büning, der leidenschaftlich ziselierenden Star-Musikkritikerin, dann können wir uns künftig jede Musikkritik schenken. Denn niemand interessiert sich dafür und niemand liest sie. Diese umwerfende oder gar niederschmetternde Erkenntnis hat Frau Dr. Büning natürlich nicht aus ihrem eigenen Tun gewinnen können, sondern aus dem jener Berater, die in den total verunsicherten Herausgebern und Managern der Tageszeitungen ihre total entkräftete Beute gefunden haben. Nun sind sie offenbar auch über die gute alte Tante F.A.Z. hergefallen.

"Reader Scan" nennt sich dieser unfassbare Blödsinn, den der Verfasser dieser Zeilen beim im freien Auflagenfall befindlichen Dumont-Verlag miterleiden musste. Immerhin können die Manager hinterher ihren Verlegern gegenüber behaupten: Wir haben doch alles versucht. Nix haben sie. Die Auflagen sinken weiter und im Internet wird fast alles hergeschenkt.

Doch zurück zur Musikkritik, die durch das sprichwörtliche Zeitungssterben zur vermodernden Grabbeigabe zu werden droht. Kaum hatte Eleonore Büning ihr eigenes, dem vermeintlichen totalen Desinteresse der deutschen Zeitungsleserschaft geschuldetes professionelles Begräbnis angekündigt, da springt sie schon wieder auf, um gleich einer Hand voll junger Nachwuchskritiker das Handwerk und vielleicht auch gleich das Fürchten zu lehren. So geschehen in Heidelberg. Und damit die jungen Musikjournalisten brav lernen, wie sie sich zugrunde richten können, verschenken sie ihre Texte werbefrei im Internet. Ein Schelm, wer sich fragt, wie das auf Dauer zu finanzieren ist. 

Interessanterweise ist in diesen Tagen ein drittes Projekt in die Musik verarbeitende Journalistenwelt geworfen worden, das englische Musikrezensionen im "Gramophone" von 1923 bis 2010 auf ihre Sprache untersucht hat. Elena Allessandri hat darüber an der Luzerner Hochschule promoviert und stellt fest: "In einem Zeitraum von über 90 Jahren hat sich die Art und Weise der Kritiken kaum verändert." Und weiter: "Die Bewertung eines Musikstücks ist sehr komplex und hängt von vielen Faktoren ab. Die relevanten Kriterien zu kennen und zu verstehen, ist enorm wertvoll für die Reflexion der eigenen musikalischen Arbeiten, aber auch für die Art, wie wir Musik hören, einschätzen und beschreiben."

Wenn Tageszeitungen die Musikkritik eindampfen, weil sie eine schlechte Quote hat, tragen sie mit zum Teufelskreis der Anspruchslosigkeit bei, an dessen Ende die Zeitung immer weniger zum Gegenstand des Respektes wird und selbst für anspruchslose Leser zu anspruchslos geworden ist. Aber diese Erkenntnis ist so einfach zu erlangen, dass sie kein Berater je aussprechen wird.