Eröffnung des Pierre-Boulez-Saals in der Said-Akademie in Berlin. Foto: Peter Adamik

Eröffnung des Pierre-Boulez-Saals in der Said-Akademie in Berlin. Foto: Peter Adamik

Bilder und Texte zum "Klang der Utopie"

Ein schöner Bildband mit ergänzenden Texten dokumentiert den bisherigen Weg des West Eastern Divan Orchestra sowie die Entstehung und Arbeit der Barenboim-Said Akademie.

"Ein wahrer Musiker muss im Leben stehen", schreibt Daniel Barenboim im Vorwort zu dem Buch "Der Klang der Utopie". Für den Dirigenten und Pianisten gilt das in besonderem Maß, zumal, wenn man das Leben als politischen Raum und diesen als grenzenlos betrachtet. Aus dieser Überzeugung heraus hat Barenboim im Jahr 1999 gemeinsam mit dem amerikanisch-palästinensischen Literaturkritiker und Orientalisten Edward W. Said (+ 2003) das West-Eastern Divan Orchestra gegründet. Mit dessen Witwe Mariam C. Said ging die Arbeit weiter, die sich seit zwei Jahren in der Barenboim-Said Akademie auch baulich materialisiert hat.

Ziel der Akademie ist eine Ausbildung junger Musiker, die weit über das musikalisch-technische hinausgeht und sie zu aktiven Teilnehmern des geistig-politischen Diskurses macht. Kernanliegen dieses Ansatzes ist die Überwindung der Konfrontation bzw. Feindschaft zwischen Islam und Judentum. Die Stundenten haben u. a. Unterricht in Philosophie, Literatur und Geschichte. "Wenn wir Harmonie in Musik empfinden, erleben wir die Disharmonie der Welt in stärkeren Farben", schreibt Barenboim.

Das Buch dokumentiert die Ausstellung "Klang der Utopie", die seit zwei Jahren im Foyer der Barenboim-Said Akademie an der Französischen Straße in Berlin zu sehen ist. Die Bilder zeichnen die fast 20-jährige Auftrittsgeschichte des West-Eastern Divan Orchestra nach, dokumentieren aber auch die Entstehung des Akademie-Baus hinter der Fassade des ehemaligen Magazingebäudes der Staatsoper Unter den Linden. 2016 war die Akademie fertig, ein halbes Jahr später der Pierre Boulez Saal, den Frank Gehry auf der Basis des konstruktiven Elementes zweier sich überlagender Elypsen entwarf. 

In den kurzen Textbeiträgen und den vielen eingestreuten Zitaten von Musikern, Sentenzen von Pierre Boulez inklusive, verdichtet sich die humanistische Perspektive auf die Musik. Zudem wird die treibende Kraft hinter dem Projekt deutlich, die in Pierre Boulez' Vision eines offenen und variablen Konzertsaals bestand. 

Die 120 Bilder bieten zudem viele ästhetische Einblicke in die Welt der Musiker, ihres Übens, Auftretens und Unterrichtens. Insgesamt ist der fast 230 Seiten starke Band ein schönes und emotional ansprechendes Zeugnis der bisherigen Arbeit des Orchesters und der Akademie (samt ihrer Entstehung) und zugleich eine Ermutigung, Konflikte und Vorurteile durch das Bekenntnis zur verbindenden Sprache der Musik aufzulösen. Es ist leider nicht absehbar, dass diese Aufgabe kleiner werden könnte.

Daniel Barenboim und Michael Naumann (Herausgeber): „Der Klang der Utopie", Henschel Verlag, Leipzig, 2018