Measha Brueggergosman beim Pressegespräch im Rahmen der Bregenzer Festspiele. Foto: Anja Köhler

Measha Brueggergosman beim Pressegespräch im Rahmen der Bregenzer Festspiele. Foto: Anja Köhler

Bregenz mit Measha Brueggergosman

Im vergangenen Jahr feierte Sopranistin Measha Brueggergosman ihre Festspielpremiere. Jetzt kehrt sie mit der Hauptrolle in Miroslav Srnkas Kammeroper Make no noise nach Bregenz zurück, die die Geschichte zweier traumatisierter Menschen auf einer stillgelegten Bohrinsel erzählt.

Kein leichter Stoff, keine leichte Rolle. Sie spielen die weibliche Hauptrolle Hanna. Wie haben Sie sich Hanna angenähert?

Measha Brueggergosman: Ich habe die Rolle von hinten nach vorne gelernt. Hannas Geschichte von hinten aufzurollen war hilfreich. Dadurch entwickelte ich ein Verständnis für sie. Es ist faszinierend, wie Hanna am Ende des Stücks ihren persönlichen Neuanfang findet. Ihr Trauma am Anfang der Oper ist so gewaltig, damit hätte ich nicht starten können. Wie man mit sich selbst redet, ist eines der wichtigsten Dinge. Hanna spricht am Anfang nicht. Sie artikuliert sich durch befremdliche Geräusche. Das ist eine Art Schutz. Sie empfindet alles – besonders Männer – als Bedrohung. Ihr Trauma ist ständig präsent. Am Ende findet sie ihre Sprache und kann weiter gehen.

Srnka setzt sich in seinen Stücken oft mit Menschen in Grenzsituationen auseinander. Seine Kompositionen verlangen aber auch von den Sängern, über ihre Grenzen hinauszugehen. Sind Sie an Ihre Grenzen gekommen?

Ich hatte meine Zweifel, ob ich das technisch umsetzen kann. In diesem Stück ist es unser Job, singenderweise nicht zu singen. Das ist für Opernsänger eine riesige Herausforderung. Aber ich empfinde es als wichtige Aufgabe, Neue Musik zu singen. Sie ist wie ein Pass für ein anderes Land. Du begrenzt dich, wenn du es nicht ausprobierst. Durch Neue Musik empfinde ich mehr Wertschätzung für Komponisten. Ich verstehe besser, wie man Atmosphäre schafft und das Publikum bewegt. Ich empfehle jungen Sängern: Macht neue Musik! Sammelt musikalische Erlebnisse, die aus euch bessere Musiker, aber auch bessere Menschen machen.

Räumlich kommt noch eine Herausforderung dazu. Das Orchester sitzt hinter dem Publikum. Sie sehen den Dirigenten Dirk Kaftan von der Bühne aus nicht. Wie funktioniert das?

Wir haben auf der Bühne viele kleine Monitore. Ich sehe Dirk quasi überall. Das ist wunderbar. Er ist in diesem Kästchen drinnen und ich konzentriere mich nur auf ihn. Ich hätte das gerne immer so (lacht). Abgesehen davon ist es großartig, mit ihm zu arbeiten. Er ist so klar und ruhig. Er versteht diese Musik. Genauso wie das Ensemble Modern. Durch die Entfernung zwischen der Bühne und dem Orchester wird es ein ganz anderes Stück-Erlebnis – für uns, aber auch fürs Publikum, das wie eingesperrt ist und die Beklemmung spürt.

Sie arbeiten hier in Bregenz zum ersten Mal mit dem Regisseur Johannes Erath zusammen, der selbst Orchestermusiker war, bevor er ins Regiefach wechselte. Profitieren Sie von seinem musikalischen Wissen?

Absolut. Wenn ein Regisseur Musik lesen kann, ist das eine Bereicherung für das ganze Ensemble. Johannes ist richtig gut. Er sieht und fühlt Dinge, die tief im Stück und in den Figuren verborgen sind. Ohne ihn würden wir sie nicht entdecken. Er ist ansteckend im positiven Sinne, er vermittelt uns Ruhe, glaubt an uns und vermittelt uns sein Wissen und seine Ideen mit einer bereichernden Sanftheit.

Noch vor der Make no noise-Premiere die Frage an Sie: Welche Projekte folgen danach?

Am letzten Festspieltag geht’s im Rahmen von Musik & Poesie ins Cabaret. Das folgende Projekt ist der Geburtstag meines älteren Sohnes. Dann muss ich mein Buch fertig schreiben. Anschließend singe ich in Glasgow in Kurt Weills Die Sieben Todsünden, dann in Oslo, und darauf geht es nach Dresden in die Semperoper. Dort darf ich für Hoffmans Erzählungen wieder mit Johannes Erath zusammenarbeiten. Nach Bregenz komme ich auch gerne wieder. Ich weiß, das sagen alle, aber ich meine es wirklich.

(Quelle dieses Interviews: Presseabteilung der Bregenzer Festspiele)