Daniil Trifonov. Foto: Dario Acosta/Deutsche Grammophon

Daniil Trifonov. Foto: Dario Acosta/Deutsche Grammophon

Daniil Trifonov im Live-Check

Er ist ein echter Hoffnungsträger für alle, die sich nach großen Persönlichkeiten am Klavier sehnen, nach Künstlern, die früh reif sind aber nicht eitel und selbstzufrieden. Für den Moment lässt sich jedenfalls sagen: Daniil Trifonov spielt genial.

Daniil Trifonov hat in der Kölner Philharmonie einen beeidruckenden Klavierabend gegeben. Bereits der erste Teil dauerte länger als eine Stunde. Er galt drei Werken Robert Schumanns. Zunächst spielte Trifonov die Kinderszenen. Ohne Mätzchen, ohne nennenswerte Rubati, mit vollem, großzügig vom Pedal Gebrauch machenden Klangsinn. Der 25-jährige Russe nimmt die Stücke in ihrer Einfachheit ernst, lädt sie aber nicht mit Gedankenschwere auf. Auch die Träumerei wird nicht zum Anlass für Klangeffekte genommen, sondern einfach pianistisch ausgesungen. Die einzigen Effekte waren das lautstarke Schließen einer Eingangstür sowie anschließendes Stöckeln im oberen Gang des Konzertsaals: unbegreiflich, wie das mitten im Stück passieren kann.

In der Toccata C-Dur spielte Trifonov dann seine ganze Klangwucht aus, immer eingebettet in eine überlegene Formgebung, aber ohne wegen der Klangstruktur auch nur einen Schimmer von der dichten Farbenpracht zu opfern und auch ohne den Ehrgeiz, extreme dynamische Abstufungen anzulegen.

Die Kreisleriana schließlich, jene acht Fantasien, die zwischen den Extremen der Ausdrucksskala hin und her wechseln, lag bei Trifonov unter einem prächtigen Klangbogen. Allerdings setzte er die unterschiedlichen Stimmungen sehr überlegen voneinander ab, nahm sein singendes Legato mitunter dynamisch sehr zurück. Trifonov ist ein Vollblutmusiker und ein Vollblutpianist. Die Form ist für ihn eine Dienerin des Klangs, sie gibt nur Sinn, wo sie zum sinnlichen Erlebnis wird. Vom skelettierenden Spiel eines Aimard ist Trifonov genau so weit entfernt wie vom antimusikalischen Effektezirkus eines Lang Lang. Sein Schumann war denn auch alles andere als kühl oder kalkulierend, so dass Trifonov den Applaus zur Pause körperlich sichtlich erschöpft entgegen nahm, er hatte sich der Musik hingegeben.

Nach der Pause gab es fünf Nummern aus den 24 Präludien und Fugen op. 87 von Dmitrij Schostakowitsch. Hochsensibel und gleichzeitig brillant gelangen ihm diese Stücke. Mögliche Gegensätze (Struktur und Emotion etwa) lösten sich auf im reinen Glück des Zuhörendürfens.

Schlicht superb gelangen Trifonov auch die Trois Mouvements de Pétrouchka von Igor Strawinsky. Der Farbenreichtum, die dynamische Kontrastierung, rhythmische Schärfe bei gleichzeitiger Wahrung des großen Tons, all dies bestärkte in der Überzeugung, dass der junge, großgewachsene und schlanke Mann ein Jahrhundertpianist werden könnte. Die absolute technische Überlegenheit, die völlige Abwesenheit irgendwelcher eitlen Mätzchen und die totale Hingabe an die Musik in Denken, Fühlen und körperlicher Materialisierung machen seine Auftritte bereits heute zu tiefen Erlebnissen.