John Metcalfe und Rosie Doonan bei einem Neue Meister Konzert in Berlin. Bild: PR

John Metcalfe und Rosie Doonan bei einem Neue Meister Konzert in Berlin. Bild: PR

Das neue FONO FORUM

Die Serie Neue Meister aus dem Hause Edel versammelt aktuelle musikalische Standpunkte, die mit der Nachkriegs-Avantgarde und deren Verdikten komplett brechen. Ein Lagebericht von Johannes Schmitz.

„In den letzten Jahrzehnten gab es praktisch keine Möglichkeiten für Komponisten, tonal zu schreiben und trotzdem in der klassischen Musikszene akzeptiert zu werden." Christian Kellersmann, für die Produktionen bei Edel:Kultur verantwortlich und in dieser Funktion Begründer des Labels Neue Meister, sagt das ohne Bitterkeit. Denn er konstatiert auch: „Der Zeitpunkt ist da, wo es erlaubt ist."

Erlaubt – verboten: Diese Begriffe aus dem Kontext der Ethik oder des Rechts auf Musik anzuwenden, mag heute befremden. Und doch stimmt es, was der Musikmanager sagt. Erst langsam beginnt im deutschen Klassikbetrieb die intellektuelle Sperrzone, die um die Neue Musik errichtet wurde, zu schrumpfen. Die Urteilssprüche Adornos über das, was Musik zu sein habe und auf keinen Fall sein dürfe wirken im akademisierten Neue-Musik-Betrieb immer noch nach. Sie haben die zeitgenössische klassische Musik in einen hermetischen Raum geführt, zu dem ungebildete Musikhörer überhaupt keinen und auch gebildete Musikhörer nur bedingt Zugang haben oder haben wollen. Nach Auschwitz tonal schreiben? Für Adorno und die Seinen ein Unding. Klassische Musik als angenehmes physisches und psychisches Erlebnis? Verrat!

Warum diese Vorrede? Weil die Neuen Meister aus dem Hause Edel ganz bewusst all das hinter sich lassen, wofür die Neue Musik in Deutschland nach der Nazi-Zeit stand. Die Komponisten, deren Musik Christian Kellersmann veröffentlicht, streben nicht nach moralischer Überlegenheit, konstruktiver Vervollkommnung oder theoriefester Verstandesübung. Sie treten aus dem Schatten der Musikgeschichte in die leuchtende Tonalität. Sie suchen, verallgemeinernd gesprochen, die Harmonie, nicht die Reibung.

Für Menschen, die an den Fortschritt in der Kunst glauben, ist das ohne Zweifel reaktionär. Aber ist die Verwendung der tonal gebundenen Harmonielehre in der Klassik moralisch anfechtbar? Noch verweigern sich die Feuilletons weitestgehend den Neuen Meistern. Man darf gespannt sein, ob sie dort ankommen oder ob deren Ästhetik geächtet bleibt.

Die Musik der Neuen Meister ist Indikator für eine Zeitenwende. Nicht nur die Fragen sind andere geworden, auch die Antworten. Nicht das kollektive Leiden an der Welt ist die Maßeinheit, sondern die Aufnahme des hörenden und fühlenden Individuums in den Klangstrom. Kritiker mögen genau darin einen Zivilisationsbruch sehen. Dem Verfasser dieser Zeilen wäre das zu hoch gegriffen: Er liebt seinen Webern und seinen Berg, schätzt seinen Schönberg, achtet seinen Boulez und folgt auch willig Czernowin oder Aperghis. Doch kann er auch den Neuen Meistern manches abgewinnen.

Und nicht nur er: Die Konzerte mit Musik der Komponisten, die Edel einlädt und zum Teil auch aufnimmt, ziehen regelmäßig rund 700 Menschen an. Natürlich unterstützt die Location, das „DRIVE. Volkswagen Group Forum“ Unter den Linden Ecke Friedrichstraße in Berlin die Attraktivität dieser Veranstaltungen zusätzlich.

So viele gut angezogene kultivierte Leute um die 30 Jahre sieht man selten in einem klassischen Konzert. Sie lockt sicher auch die einladende Atmosphäre mit einer Mischung aus Lounch-Feeling und Konzertraum-Ästhetik. Die Gäste können wählen zwischen Stehtisch, amorphem Sitzschick und klassischer Bestuhlung. Über der Bühne werden durchgängig Filmsequenzen auf eine Leinwand projiziert: Naturaufnahmen, die zu abstrakten Impressionen werden, Fantasieformen und auch liveübertragene Perspektiven des Konzerts – überwiegend in weicher, farblich gedeckter Optik.

In diese entspannende Atmosphäre hinein legen das Deutsche Kammerorchester Berlin, Instrumentalsolisten wie Nigel Kennedy oder der Pianist Sebastian Knauer und oft auch die Komponisten als Mitausführende ihre Klänge – nicht zu vergessen die elektronischen Misch- und Wiedergabeanlagen. Denn den meisten Neuen Meistern ist gemein, dass sie das klassische Instrumentarium um die Möglichkeiten von Elektrosounds erweitern.

Doch natürlich lassen sich die Musiksprachen der Neuen Meister nicht verallgemeinern, außer vielleicht dahingehend, dass es ihnen um Klänge geht, die unmittelbar nachvollziehbar und emotional fassbar sein sollen. Happy Sound sei das aber nicht, sagt Kellersmann. Eher zieht er Parallelen zu den 20er Jahren, in denen viele Komponisten mit vielen verschiedenen Stilen experimentiert und auch populäre Genres einbezogen haben. Zudem beziehen sich manche Neue Meister ganz bewusst auf historische Vorläufer.

Auch das derzeit erfolgreichste Album aus der Reihe, die mit dem ECHO ausgezeichnete Produktion ÜBERBACH. Der Iraner Arash Safaian sagt über seine Kompositionen: „ÜBERBACH ist kein Diskurs über Bach. Es ist der Versuch eine Musik zu kreieren, in welcher man Bach hört, ohne Bach zu hören.“ Ausschnitte aus Kantaten, dem Wohltemperierten Klavier und anderen Werken wirken hier minimalisiert, Safaian fokussiert auf bestimmte Aspekte des Ausgangsmaterials, organisiert es für Klavier, Vibraphon und Streicher. Im Neue Meister Konzert vom Herbst 2017 wurde diese von Bach inspirierte Klangwelt dann vom DJ Pantha du Prince live remixed, eine Art Über-Über-Bach mit Club-Charme.

Auch die in der CD-Reihe dokumentierte Zusammenarbeit der Pianistin Tamar Halperin mit dem Geiger Etienne Abelin und dem Elektrosoundmaster Tomek Kolczynski kreist um Bach und die subjektivierte Erweiterung bzw. Zuspitzung der klassischen Textur.

Nah an den Originalen verfolgt Tamar Halperin diesen Weg auf ihrem Satie-Album, für das sie zwischen Klavier, Cembalo, Hammond-Orgel, E-Piano und Glockenspiel wechselt. FONO FORUM Chefredakteur Arnt Cobbers war davon begeistert: „Tamar Halperin hat das schönste Satie-Album des Jahres herausgebracht.“ (09/2016)

Dagegen ist der Berlinsymphony von Christian Jost, eingespielt vom Konzerthausorchester Berlin unter Iván Fischer, ganz mit dem klassischen Werkbegriff beizukommen. Und hier geht es denn auch gar nicht soft und smoothie zu, sondern eher eruptiv, dissonant und großorchestral.

Auch Nigel Kennedy ist als Komponist in der Serie vertreten u. a. mit einer Bühnenmusik zu Tschechows Drei Schwestern, dezent verspielt in der Konvention. Musik zu einem imaginierten Film hat Damian Marhulets verfasst („Ecartele“), die songhaft kurzen Tracks des Albums vereinen Klavier, Streichquartett und Elektronik.

Geradezu paradigmatisch für die Neuen Meister mutet der Titel Beauty in Simplicity an, den das Album von Kai Schumacher trägt. Für diese pianistische Hommage an die Minimal Music lotet er die Tiefen der Wiederholungspatterns zwischen Satie, Reich, Rock, Pop und Elektro aus.

Aus Sicht der Neue-Musik-Avantgarde dürfte Johannes Motschmann als Abtrünniger gelten. Er hat u. a. bei Wolfgang Rihm studiert, seine Musik wurde auf bedeutenden Festivals aufgeführt, u. a. vom Ensemble Modern gespielt. Und nun bewegt er sich durch (elektronische) Klangfelder, immer auf der Suche nach sanften rhythmischen und harmonischen Grenzverläufen, insgesamt eher der Unendlichkeit, denn der Definition auf der Spur.

The Blue Hour, ein Album von Federico Albanese, beschreitet diesen Weg noch tiefer verloren in die klanglichen Möglichkeiten von Electronics in Kombination mit einem sanft-repetitiven Klavier. Überhaupt das Klavier: Es ist für viele Neue Meister der Ausgangs- und Angelpunkt für die Erweiterungen in oft minimalistisch inspirierte Klangräume, auch für John Kameel Farah, der das Booklet seines Albums Time Sketches mit zahlreichen Zeichnungen von eigener Hand gestaltet hat.

Doch es gibt auch neue vokale Meisterschaft: Der äußerst vielseitige Sven Helbig (der u. a. für die Band Rammstein arrangiert) hat eine CD mit Chorwerken vorgelegt. Überwiegend in ruhigem Fluss, garniert mit punktuellen elektronischen Akzenten und leichten harmonischen Reibungen singt das Vocalconsort Berlin unter Kristjan Järvi.

Die eine Schublade, in die die Neuen Meister passen würden, gibt es zum Glück also nicht. Vielleicht sind die Zeiten solch autoritärer und normativer Maßgaben in Bezug auf die Faktur von klassischer Musik auch vorbei. Der Diskurs über alle Aspekte der Musik aber muss weitergehen. Die Neuen Meister sind Kinder ihrer und unserer Zeit. Und Väter bzw. Mütter der kommenden. Wir sollten ihnen zuhören.

neue-meister-music.com

Dieser Artikel ist Teil des neuen FONO FORUM, Ausgabe 3/2018 - jetzt aktuell im Zeitschriftenhandel.