Der Kaiser, der ein Papst war

Der Journalist Joachim Kaiser ist tot. Er war einer der einflussreichsten deutschsprachigen Musikschriftsteller der Nachkriegszeit. Was er sagte und schrieb, galt vielen als gültige Auslegung - vor allem, wenn es um Klaviermusik ging.

Natürlich hörte er sich gerne reden. Aber er konnte auch zuhören. Diese Kombination war die Basis für die Lebensleistung von Joachim Kaiser. 1928 im Kreis Lötzen geboren, studierte er u. a. bei Carl Dahlhaus. Mit einer Empfehlung von Theodor W. Adorno in der Tasche ging er zum Hessischen Rundfunk. Er war Gast der Gruppe 47 und trat 1959 in die Redaktion der Süddeutschen Zeitung ein.

Weit über Fachkreise hinaus wurde Kaiser von einer breiten Öffentlichkeit wahrgenommen, wozu vor allem seine Fernsehauftritte beitrugen. Das Videoprotal Youtube bietet einige Interviews, die Kaiser geführt hat, etwa mit Hermann Prey und Friedrich Gulda. Kaum zu glauben, auf welchem Niveau im deutschen Fernsehen mal über klassische Musik gesprochen werden durfte. Auch eine Rundfunksendung des RIAS Berlin kann man bei Youtube nachhören, in der sich Kaiser Vladimir Horowitz widmet. Mit seinen Büchern (vor allem dem über Beethovens Klaviersonaten) und mit seinen Vortragsreihen schaffte es Kaiser, die tiefe Beschäftigung mit der Tonkunst allgemeinzugänglich zu machen, ohne die Kunst klein zu reden, wie es heute selbst in Kulturradiosendern bereits üblich ist - vom Fernsehen ganz zu schweigen.

Auch zum Musiktheater hatte Kaiser viel zu sagen, Richard Wagner, dessen Libretti er außerordentlich schätzte, war Gegenstand von einer mehrjährigen Vortragsserie im Münchner Gasteig. Viele Auszeichnungen unterstrichen die Bedeutung von Joachim Kaiser, Bundesverdienstkreuz und Theodor-Wolff-Preis inklusive.

Nun ist Joachim Kaiser gestorben. Vor allem älteren Generationen wird er in lebendiger Erinnerung bleiben als Grandseigneur des Musikjournalismus, der zu vermitteln verstand, was Kaiser auch mit einem Buchtitel sagte: Erlebte Musik. Er wusste unglaublich viel über sie. Aber vor allem glaubte er an sie.