Yannick Nézet-Séguin. Foto: Marco Borggreve

Yannick Nézet-Séguin. Foto: Marco Borggreve

Die Erfüllung blieb aus

Yannick Nézet-Séguin und die Wiener Philharmoniker haben auf ihrer Tournee Station in der Kölner Philharmonie gemacht und Bruckners Neunte gespielt - nicht zelebriert.

Überraschend viele Plätze, nach dem Augenschein geurteilt mindestens 50, waren frei beim Gastspiel der Wiener Philharmoniker in der Kölner Philharmonie - und das, obwohl kein deutsches EM-Spiel an diesem Abend lief. Lag es etwa daran, dass es vor Bruckners Neunter, einer der Symphonien des deutschen romantischen Repertoires überhaupt, ein Stück von Anton Webern gab, das denn auch nicht mehr als höflich vom Publikum aufgenommen wurde?

Dabei war es vielleicht das besondere Erlebnis dieses Abends, die Passacaglia opus 1 aus dem Jahr 1908, also lang vor Erfindung der Zwölftonmusik komponiert, von diesem Orchester zu hören. Zwar lotete Nézet-Séguin die Partitur nicht ganz auf ihre sensiblen Tiefen aus, aber es blühte wunderbar und klang einfach üppig, so dass Webern als Bindeglied zwischen sinfonischer Tradition und Aufbruch in die Moderne erlebbar wurde.

Als spannungsgebenden Nebeneffekt sensibilisierte Weberns Frühwerk die Ohren, es schärfte sie gleichsam für die Ausdifferenzierung des Orchesterklanges. Bei Bruckners Neunter allerdings geht es ja nur bedingt um diese innere Auffächerung. Zwar vermied der designierte Chef der Metropolitan Opera jede klangliche Verstopfung oder Verdickung. Und natürlich ist der Klang der Wiener für sich genommen immer ein Erlebnis.

Packend oder mitreißend war die Widergabe dieses Monumentalwerks jedoch nicht. Solide und gediegen wären vielleicht zwei Attribute, die man ihr zusprechen könnte. Vielleicht lag es auch hier daran, dass der 41-jährige Stardirigent dem Orchester nicht genügend dynamische Differenzierung abverlangte, es nicht unter Hochspannung setzte. So blieb großer Genuss, unermesslicher Respekt vor diesem Orchester - die Erfüllung blieb an diesem Abend aber nur eine Sehnsucht.