Der Kammermusiksaal im Beethovenhaus Bonn. Foto: Frank Fremerey

Der Kammermusiksaal im Beethovenhaus Bonn. Foto: Frank Fremerey

Die ferne Geliebte wird zum Motto

Das Beethovenfest Bonn unter der künstlerischen Leitung von Nike Wagner steht 2017 unter dem Motto »Ferne Geliebte«. Im Zentrum befindet sich Beethovens Liederzyklus »An die ferne Geliebte« – der erste Liederzyklus der Musikgeschichte, entstanden im April 1816.

Nach den Arbeitstiteln »Veränderungen« und »Revolutionen« stimmt das Beethovenfest 2017 mit der "fernen Geliebten" auf eine andere, eher lyrische Tonalität ein. Die »ferne Geliebte» als Motto öffnet den Raum für das Thema »Liebe« überhaupt und die Musik hält dafür eine verschwenderische Palette von Kompositionen bereit.

Eröffnet wird das Festival am 8. September mit einem Konzert des Mariinsky Orchesters unter der Leitung seines langjährigen Chefdirigenten Valery Gergiev. Das Vorspiel zum 1. Aufzug von Wagners »Lohengrin« steht exemplarisch für den Begriff der »Ferne«, während Nikolai Rimski-Korsakows »Scheherazade« von der Orient-Begeisterung im spätromantischen Russland erzählt. Mit Ludwig van Beethovens vierter Symphonie führt Gergiev das Publikum nach Wien um 1800.

Beethovens »An die ferne Geliebte« erklingt bereits in der Eröffnungsmatinee - in der Orchesterfassung von Felix Weingartner. Es spielt das Beethoven Orchester Bonn unter der Leitung seines neuen Chefdirigenten Dirk Kaftan, Solist ist Thomas E. Bauer. In ihrem Festvortrag denkt Intendantin Nike Wagner über das kreative Potential der Fernliebe nach – und erläutert das Programm des diesjährigen Festivals.

Das Beethovenfest eröffnet seine Saison 2017 mit einem großen zweitägigen Open-Air-Fest. Auf sechs Bühnen in der Innenstadt werden über 1000 Schülerinnen und Schüler die Stadt in einen gewaltigen Klangraum verwandeln. Am Samstagabend dann eine Verbeugung vor Beethoven: seine Symphonie Nr. 9 unter Herbert von Karajan auf der Großleinwand vor dem Rathaus. Am nächsten Tag wird an selbigem Ort weiter gefeiert: Neben einem bunten Bühnenprogramm gibt es ein Public Viewing des Konzertes aus dem World Conference Center Bonn – das hr-Sinfonieorchester mit russischer Musik und Beethoven.

Ausgehend von Beethovens Liederzyklus dreht sich in dieser Programmsparte alles um das Lied, um diese intimste Gattung der Kammermusik. Unverzichtbare, berühmte Zyklen werden dabei ebenso zu hören sein wie »Lieder ohne Worte« aller Art.

Bariton Matthias Görne – begleitet von Pianist Alexander Schmalcz – übernimmt das zentrale Werk 2017, »An die Ferne Geliebte«. Das »Italienische Liederbuch« von Hugo Wolf steht im Mittelpunkt eines Liederabends in der Bundeskunsthalle. Ein außergewöhnliches Interpreten-Trio ermöglicht dieses Konzert: Sopranistin Christiane Karg, Bariton Michael Nagy und Pianist Gerold Huber. Am »Tag des Liedes« kommen unter dem Motto »Lieder – mit und ohne Worte« Volkslieder, Kunstlieder und Charakterstücke zu Gehör. Die Moderation liegt in den kundigen Händen von Siegfried Mauser, der sowohl als Solist wie auch als Liedbegleiter des österreichischen Baritons Wolfgang Holzmair auftritt.

Für das Beethovenfest entwickelt Dramaturg Hermann Beil, inspiriert vom Festivalmotto, eine literarisch-musikalischen Soiree mit Schauspielern des Berliner Ensembles. Begleitet vom Delian Quartett präsentiert die gefeierte Sopranistin Mojca Erdmann ein Programm mit Klassikern der Vokalmusik: Monteverdi-Madrigale, Schubert- und Wagner-Lieder in neuem Klanggewand; eine Zeitreise, die in Arnold Schönbergs Streichquartett Nr. 2 ihr Ziel findet.

»Beethovens Liebeslieder – damals und heute« heißt ein frei gestalteter Liederabend der Sopranistin Irene Kurka und der Komponistin Karin Haußmann. Beethovens Brief an die »unsterbliche Geliebte« steht dabei Mittelpunkt. Im Stadtmuseum Siegburg präsentiert der Kammerchor der Kreuzkirche Vox Bona unter der Leitung von Karin Freist-Wissing unter anderem die »Liebeslieder-Walzer« von Johannes Brahms. Dazu Sololieder und Chorlieder von Dowland und Mozart bis zu John Lennon und Michael Jackson. Bei einer Matinee in der Kreuzkirche finden zwei große Musiker und zwei Freunde zusammen: Der Tenor Simon Bode und Igor Levit am Klavier. Sie widmen sich Franz Schuberts Liederzyklus »Die schöne Müllerin«.

Unter der Leitung von Ingo Metzmacher spielen die Musiker des Gustav Mahler Jugendorchesters zusammen mit dem Pianisten Jean-Yves Thibaudet ein Programm mit Werken von Bartók, Ravel, Schönberg und Gershwin, das Geschichten von tödlicher Liebe mit Geschichten von glücklicher Liebe mischt.

Eingerahmt von Ludwig van Beethovens siebter Symphonie und »La Valse« von Maurice Ravel, erklingt Henri Dutilleux‘ »Tout un monde lointain« für Cello und Orchester. Im Konzert des Beethoven Orchesters Bonn unter der Leitung von Chefdirigent Dirk Kaftan ist der Cellist Miklos Perenyi zu hören.

Das Londoner BBC Symphony Orchestra, dirigiert vom finnischen Dirigenten Sakaro Oramo bringt drei »Klassiker« des symphonischen Repertoires nach Bonn: Beethovens zweite »Leonoren-Ouvertüre«, Schumanns zweite Symphonie und eines der berühmtesten Violinkonzerte des 20. Jahrhunderts: Alban Bergs Konzert für Violine und Orchester. Isabelle Faust übernimmt den Solopart.

Erneut gestalten die Bamberger Symphoniker ein Abschlusskonzert des Beethovenfestes! Große Symphonik steht mit György Ligeti und Franz Schubert auf dem Programm und die Sopranistinnen Betsy Horne und Vesselina Kasarova beschwören emphatische Gefühlswelten mit Orchesterliedern von Ernest Chausson und Hector Berlioz.

Alljährlich vergibt das Beethovenfest einen Uraufführungs-Auftrag an einen namhaften europäischen Komponisten mit der Bitte, sich auf ein Werk von Beethoven zu beziehen. Für 2017 erhielt der russische Komponist Vladimir Tarnopolski den Auftrag. Das hr-Sinfonieorchester präsentiert unter der Leitung von Andrés Orozco-Estrada neben dieser Uraufführung nicht nur Igor Strawinskys »Petruschka«, sondern – mit der exzentrischen Pianistin Khatia Buniatishvili - auch das Referenzwerk der Uraufführung: Beethovens viertes Klavierkonzert.

Unter der Leitung seines Gründers David Stern interpretiert das Ensemble Opera Fuoco die andere »Leonoren«-Ouvertüre – von Ferdinando Paër. Außerdem erklingen – mit Mezzosopranistin Karin Deshayes – Xavier Boisselot, Cherubini und Berlioz. Der Abend mündet in eine Aufführung von Beethovens Symphonie Nr. 8.

Im Zusammenspiel mit dem Arnold Schönberg Chor und dem Pianisten Kristian Bezuidenhout rekonstruiert das Spezialensemble Le Concert Olympique unter der Leitung von Jan Caeyers einen Beethoven-Abend des Jahres 1803. Drei Werke wurden damals im Theater an der Wien uraufgeführt: Die Symphonie Nr. 2, das Konzert für Klavier und Orchester Nr. 3 und Beethovens einziges und selten gespieltes Oratorium »Christus am Ölberg«.

Mit dem Philharmonischen Chor der Stadt Bonn und der Mezzosopranistin Anaik Morel begeben sich Les Musiciens du Louvre unter der Leitung von Sebastian Rouland auf einen Streifzug durch bekannte Liebesgeschichten: Werke von Christoph Willibald Gluck, Joseph Haydn, Jacques Offenbach, Charles Gounod und Hector Berlioz stehen auf dem Programm.

In seinem Klavierabend nimmt Alexander Kriechel Bezug auf das diesjährige Festival-Motto: er spielt Liszts Transkription von Beethovens »ferner Geliebten«. Das schweizerisch-israelische Vokalensemble Profeti della Quinta erweckt in einem breitgefächerten Programm die klangliche Vielfalt des italienischen Madrigals zu neuem Leben. Werke von Mendelssohn Bartholdy, Robert Schumann und Béla Bartók spielt der junge Bonner Pianist Fabian Müller, während sich - ausgehend von Franz Liszts »Trois Nocturnes« - Studierende der Kompositionsklasse der Folkwang Uni Essen den eigenen »Liebesträumen« in verschiedenen Paraphrasen nähern. Der Liszt-Interpret Boris Bloch lässt die Stücke vorab im romantischen Original erklingen. Ganz im Zeichen von Johannes Brahms gibt sich der Konzertabend des preisgekrönten Trio Jean Paul im Stadtmuseum Siegburg. Für das Ensemble Più steht das klassische Oboenquartett im Zentrum seines Wirkens: Beethoven-Werke umrahmen Franz Schuberts großartiges Streichtrio B-Dur und eine Uraufführung von Frank Zabel.

Zwei Abende lang spielt der vielfach preisgekrönte Pianist Ronald Brautigam, Experte am Hammerklavier: In seinem ersten Recital verbindet er Werke von Beethoven, Joseph Haydn und Ferdinand Ries; in seinem zweiten stehen Beethovens »Waldstein-Sonate« und Joseph Haydns brillante »Londoner« Klaviersonaten auf dem Programm, während Johann Wilhelm Wilms an die europäische Wirkung der Wiener Klassik um 1800 erinnert.

Gleich zwei Mal ist Pianist Igor Levit zu Gast beim diesjährigen Beethovenfest. In seinem Solo-Recital widmet er sich Bach und Busoni. Das Programm des zweiten Abends wurde aus Anlass des 100-jährigen Geburtstages von Isang Yun zusammengestellt: Cellist Isang Enders und Igor Levit stellen neben Sonaten von Beethoven und Schostakowitsch zwei Werke dieses bedeutenden Komponisten vor.

Das Streichquartett ist eine Gattung, die von Beethoven grundlegend neu geprägt worden ist. Das verlangte nach einem intensiven »Streichquartett-Wochenende« beim Beethovenfest 2017. In fünf verschiedenen Veranstaltungen präsentieren herausragende Ensembles - Asasello Quartett, Quatuor Béla, Novus String Quartet, Schumann Quartett und Quatuor Diotima - nicht nur Beethovens fünf späte Streichquartette, sondern auch Werke von Komponisten der frühen Moderne sowie zwei Uraufführungen.

In den letzten zwei Jahren öffnete sich das Beethovenfest zeitgenössischen »jungen« Kunst-Sparten. Auch das diesjährige Festival widmet sich den tänzerischen und performativen Formen der Gegenwart.

Die Arbeiten der Bonner CocoonDance Company sind ebenso sinnlich wie abstrakt, so körperbezogen wie philosophisch. Choreographin Rafaële Giovanola und Komponist Jörg Ritzenhoff wählten Beethovens Klaviertrio D-Dur, das sogenannte »Geistertrio«, zur Grundlage ihres neuen Stückes.

Drei international herausragende Choreographinnen unserer Zeit - Anne Teresa de Keersmaeker, Maguy Marin und Lucinda Childs - haben sich Beethovens »Großer Fuge« genähert und das renommierte Ballett de l’Opera de Lyon führt ihre Interpretationen nun erstmals zusammen: Drei Mal »Große Fuge« als Tanz an einem Abend, davon zweimal live begleitet vom Lyon Opéra Quatuor.

Der französische Choreograph Alban Richard wagte sich als erster an eine eigene Interpretation der »Pléiades« von Iannis Xenakis. Im Rahmen des Festivals Montpellier Danse realisierte er diese außerordentliche Komposition 2011 als ein »Concert de musique et de danse« mit sechs Tänzern und sechs Schlagzeugern aus der aktuellen Generation der Percussions de Strasbourg. 2017 wird das Stück als Deutsche Erstaufführung in Bonn zu sehen sein.

Zur neuen Dramaturgie des Beethovenfestes gehört die Idee, dem »Fidelio« alljährlich eine zweite »Rettungsoper« beizugeben. Nach Luigi Cherubinis Oper »Der Wasserträger« des letzten Festivals sollen in den nächsten Jahren weitere »Rettungsopern« des 19. bis 21. Jahrhunderts folgen.

In diesem Jahr erklingt - neben Beethovens Ouvertüre »Leonore III« - die Oper »Il prigioniero« von Luigi Dallapiccola. Mit diesem Einakter präsentiert das Beethoven Orchester Bonn unter ihrem Chefdirigenten Dirk Kaftan - mit dem Chor und den Solisten der Oper Bonn – ein musikalisch mitreißendes Werk, das den Freiheitsbegriff der Moderne herausarbeitet. (Konzertante Aufführung)

Der Pianist und Filmmusik-Komponist Gerold Huber gestaltet einen außergewöhnlichen Kino-Konzertabend rund um Beethoven. »Der Märtyrer seines Herzens«, so der Titel eines Stummfilms von 1918, spürt den echten und vermuteten Liebschaften des Komponisten nach.

 

Während des gesamten Festivals gibt es Veranstaltungen, die sich in populären Stilen an die verschiedensten Publikumsschichten wenden: Ob African-American Folk Music, Jazz oder Alpenländisches, ob mit Alphorn oder Didgeridoo – Musik verbindet über alle (Geschmacks-) Grenzen hinweg.

Das Beethovenfest Bonn 2017 hat etwa 31.000 Eintrittskarten für ein Hauptprogramm mit 54 Veranstaltungen an 22 Spielstätten in Bonn und Umgebung aufgelegt. Ermöglicht wird das Fest durch die Zuwendungen der Bundesstadt Bonn und des Rhein-Sieg-Kreises sowie durch die projektbezogene Förderung des Landes Nordrhein-Westfalen. Die Hauptsponsoren Deutsche Post DHL Group, Deutsche Telekom, Sparkasse KölnBonn und Deutsche Welle sowie eine große Anzahl von Eventsponsoren und Stiftungen fördern das Beethovenfest Bonn. Darüber hinaus pflegt das Festival Medienpartnerschaften mit der Deutschen Welle, dem Bonner General-Anzeiger, dem Westdeutschen Rundfunk und mit Deutschlandfunk/Deutschlandradio Kultur. Das Beethovenfest Bonn ist Kulturpartner von WDR 3. Über die Deutsche Welle sind Konzerte weltweit im Radio und als Podcast zu hören.