Plakatmotiv des Vereins Zuflucht Kultur für die neue Orfeo-Produktion.

Plakatmotiv des Vereins Zuflucht Kultur für die neue Orfeo-Produktion.

Die Geschichte des Orfeo, neu erzählt

Eurydike ist plötzlich in einen religiösen Wahn verfallen und verschwunden. Sie wird in Syrien gesehen, mitten im Kriegsgebiet. Ist sie etwa freiwillig dort? Der Verein Zuflucht Kultur zeigt einen gegenwartskritischen Orfeo.

Bevor sich der Verein Zuflucht Kultur im Sommer 2018 mit Giuseppe Verdis Don Carlos an die fünfte große Opernproduktion wagt, steht im Frühjahr noch eine kleinere Premiere an: Orfeo. Eine transkulturelle Oper – musikalisch basierend auf Claudio Monteverdi, C. W. Gluck, C. H. Graun und Joseph Haydn. Und wie immer realisiert mit einem bunten interkulturellen Team aus Opernprofis und geflüchteten Darstellern.

Als Koproduzent und Spielstätte ist diesmal das Hofspielhaus München mit im Boot, das im vergangenen Sommer bereits das Zuflucht-Kultur-Programm LABO AGEN in das Herz Münchens brachte. Das funktionierte so gut, dass beide Partner Lust bekamen auf ein gemeinsames Projekt. So wurde die Idee für Orfeo geboren.

Der antike Mythos bietet die Folie für eine Art des Verschwindens, die unsere Gesellschaft derzeit stark beschäftigt: Warum erliegen – immer wieder auch Frauen – der Faszination des IS? Warum reisen so viele junge Menschen in die Bürgerkriegsgebiete des Nahen Ostens, um sich Terroristen anzuschließen? Und wie kann es gelingen, sie wieder zurückzuholen und vom Wert der Demokratie und des Friedens zu überzeugen? In dieser Neuinterpretation des Stoffes will Orfeo Eurydike folgerichtig aus der Verstrickung in den IS befreien.

Die Grundlage schafft eine Collage aus Vertonungen und Texten. Dazu gehören Bearbeitungen von Claudio Monteverdi, Carl Heinrich Graun, Christoph Willibald Gluck und Joseph Haydn ebenso wie gesprochene Passagen aus Büchern von Khalil Gibran, Abu Temmam, Orhan Pamuk und Frauen für den Dschihad. Dieses Manifest der Al-Khansaa-Brigade, einer rein weiblichen Einheit der Terrororganisation IS, beschreibt den Alltag und die Rolle der Frauen im selbsternannten Kalifat.

Orfeo. Eine transkulturelle Oper. Eine Koproduktion von Zuflucht Kultur e.V. und Hofspielhaus München, Premiere am Mittwoch, 14. März 2018 um 20:00 Uhr, Hofspielhaus München weitere Vorstellungen im Hofspielhaus München am Freitag, 16. März 2018 / Dienstag, 20. März 2018 / Mittwoch, 21. März 2018 / Freitag, 6. April 2018 / Samstag, 7. April 2018 / Donnerstag, 12. April 2018 / Freitag, 13. April 2018 – jeweils um 20:00 Uhr sowie im Freien Musikzentrum Stuttgart-Feuerbach am Samstag, 28. April 2018 / Sonntag, 29. April 2018 / Donnerstag, 10. Mai 2018 / Freitag, 11. Mai 2018 / Samstag, 12. Mai 2018 – jeweils um 19:30 Uhr.

Auf der Bühne hat sich Zuflucht Kultur in den vergangenen Jahren intensiv mit den persönlichen Geschichten von Geflüchteten auseinandergesetzt: ihrer Ankunft in Deutschland, ihrem mühsamen Weg zu Anerkennung und Integration. Wie Orpheus wendet der Verein Zuflucht Kultur mit der neuen Produktion den Blick zum ersten Mal in die entgegengesetzte Richtung. Was ist mit den (jungen) Menschen, die den Frieden und die Sicherheit Europas ablehnen, die fasziniert sind von den Erlösungs- und Reinheitsfantasien radikaler Islamisten, die heimlich ausreisen in die Kampfgebiete des Nahen Ostens – in merkwürdige, zerbombte Transitzonen, die nach Jahren des Bürgerkriegs tatsächlich mehr der Unterwelt gleichen als den pulsierenden Metropolen, die sie einmal waren?

Der schlichte Bühnenraum des Hofspielhauses bietet die ideale Szenerie dafür: Ein paar Gebäudereste aus Beton – irgendwo zwischen Ruine und Wohlstandsmüll – schaffen zusammen mit Videoprojektionen zusätzliche Erzähl-Ebenen, zwischen Leben und Tod, zwischen Krieg und Frieden. Dies soll Raum bieten für die Geschichte eines Orpheus für unsere Zeit.

Die Handlung: Al Mustafa sitzt am Meer und wartet. Bei ihm ist eine Gruppe Geflüchteter. Er erzählt ihnen eine Geschichte über die Liebe und den Tod. Orfeos Geliebte Eurydike ist plötzlich in einen religiösen Wahn verfallen und ist verschwunden. Sie wird in Syrien gesehen, mitten im Kriegsgebiet. Ist sie etwa freiwillig dort? Auf den Rat von Amor und Al Mitra folgt ihr Orfeo dorthin. In den zerstörten Städten zwischen all den Toten findet er sie schließlich. Da stellen Pluton und Charon eine harte Bedingung: Auf dem ganzen Heimweg kein einziger Blickkontakt zwischen den zwei Liebenden.