Die Komponisten der Generation Y

Die Social Media beschäftigen auch klassische Komponisten. Schließlich hinterlassen dort viele Menschen ihre Spuren und geben Anlass, über sie nachzudenken.

Das kleine Stuttgarter Festival Eclat konzentriert sich in den vier Festivaltagen vom 2. bis 5. Februar 2017 vor allem auf die junge Komponistengeneration, geboren in den 1980er Jahren. Diese sogenannte Generation „Y“ beschäftigt sich in unterschiedlichsten Disziplinen mit Hilfe der gesamten Bandbreite moderner Medien mit einem umfangreichen Themenkreis: Selbstoptimierung und –Inszenierung, Kreativitäts-Hype, Grenzüberschreitungen, die Auflösung und Neudefinierung von Privatheit.

Zentral dabei ist für alle die Frage, wie sehr Social Media in unser Leben eingreifen. Diesen Inszenierungen von Musik mit Theater, mit Licht-Design, mit elektronischen Experimenten, mit Alltags-Objekten, mit Raum-Konzepten und Installation werden bewusst Inseln des konzentrierten Hörens gegenüber gestellt.

Das Festival, in dem 33 Werke, darunter 25 Uraufführungen, zu hören sind, lebt von der Spannung zwischen diesen unterschiedlichen Energien. Der Eröffnungsabend ist exemplarisch dafür: Im ersten Konzert (19:30 Uhr) werden subtile Licht- und Objektinszenierungen von Clara Iannotta und Sarah Nemtsov (Neue Vocalsolisten) mit einem puren Akkordeonwerk von Elena Mendoza (Stefan Hussong, Akkordeon) kombiniert.

Um 21:30 Uhr geht es weiter mit der spektakulären Vaudeville-Revue DIY or DIE der Komponistin Jagoda Szmytka. Sie beschreibt hier die Sehnsüchte und Abgründe, die mit der scheinbar unendlichen Freiheit und der Grenzenlosigkeit verbunden sind, in denen sich die Millenial-Generation bewegt.
Danach schickt die Schriftstellerin Gerhild Steinbuch „ein zur Soldatin mutiertes Riot-Grrl auf die Reise ins finstere Herz des Deep Web“. Beide Künstlerinnen haben ihre Werke im
Rahmen des erstmals ausgelobten Hannsmann-Poethen Stipendiums der Landeshauptstadt Stuttgart geschrieben.

Der zweite Festivaltag beginnt mit zwei Werken von zwei ungewöhnlichen Performerinnen/Komponistinnen. Hanna Hartman bringt ihre installative Performance DEFROST zur Uraufführung, inspiriert von einem Gedicht der dänischen Lyrikerin Inger Christensen. Dem gegenüber steht die audio-visuelle Installation Lostery von Clara Maïda. Der Titel fasst die englischen Wörter „lost“ und „lottery“ zusammen und bezeichnet eine pessimistische Grundhaltung mit Verweis auf die ökonomische und soziale Krise der Gegenwart. Im elektronischen Teil der Klanginstallation benutzt die Komponistin die Aufnahme von Maschinenklängen aus Spielhöllen oder Kasinos. Der instrumentale Teil (Theo Nabicht, Klarinette)
imitiert die Morphologie dieser Maschinenklänge.

Das Musiktheater iScreen, YouScream! von Brigitta Muntendorf beschreibt die Neuformation des Individuums im von Social Media geprägten Zeitalter. Ausgegangen ist die Komponistin von einer Reihe Fragen: „Was sind das eigentlich für Gemeinschaften, die wir als voneinander isolierte Individuen anhand unserer digitalen Abbilder und Stellvertreter bauen? Was überlebt, was geht unter? Wer gewinnt und wer verliert? Und wie stillen wir unsere Bedürfnisse nach Nähe, Geborgenheit, Liebe, Anerkennung?“ Dafür setzt sie zehn Musiker und eine Schauspielerin in schwarze Boxen, die zusammen spielen und doch isoliert sind – „iscreen, uScreen! Sendegeil. Ich sende, also bin ich. Ich bin die Gemeinschaft! Ich EGORCHESTER! (Was ich nicht bin? Ich bin kein Spielverderber.)“

Am späteren Abend treiben zwei Teile aus Christoph Ogiermanns Zyklus Inner Empire in einem ebenso rasanten wie grotesken Schlagabtausch das weit gefasste Thema „Kommunikation“ auf die Spitze und bisweilen ad absurdum. Die Neuen Vocalsolisten agieren in dieser szenischen Lesung in der Regie von Titus Selge.

 

Der dritte Festivaltag beginnt mit Sideshow von Steven Takasugi. Das Stück bezieht sich auf die dunklen Schaubuden in den Vergnügungsparks von Coney Island im frühen 20. Jahrhundert. Zu erleben ist eine Meditation über Virtuosität, Abnormitätenschauen, Unterhaltung, Spektakel, das Geschäft, und über die Opfer, die man bringt, um in der Welt zu überleben. Ein Zyklus von sechs Aphorismen des Wiener Satirikers Karl Kraus (1874-1936) zieht sich als roter Faden durch das Werk, darunter das Bonmot: „Die Technik ist ein Dienstbote, der nebenan so geräuschvoll Ordnung macht, daß die Herrschaft nicht Musik machen kann.“
Mit dem Talea Ensemble (New York).

Von dem französischen Spitzenensemble 2e2m werden im Anschluss die Web Studies von Clara Maïda kombiniert mit einem Video der amerikanischen Architektin und Webkünstlerin Jenny E. Sabin zur Deutschen Erstaufführung gebracht.

Im Rahmen von SWRJetztMusik in Eclat sind am frühen Abend das SWR Vokalensemble unter seinem Chefdirigenten Marcus Creed und der Pianist Nicolas Hodges zu hören. Chorwerke über existenzielle Fragen von Bernhard Gander und Nicolaus A. Huber kommen zur Uraufführung. Beide Komponisten treibt die Frage nach dem Mensch-Sein um und die Frage nach unserem Umgang mit dessen Verschwinden bzw. dem Tod. Anna Korsun stellt eine ähnliche Frage auf das Äußerste reduziert – ihr Stück ist selbst eine atmende, ihre
Präsenz suchende Kreatur. Demgegenüber steht im Konzert die Konzentration auf die Möglichkeit und Unmöglichkeit der Erzeugung von Musik: Die beiden Pianisten und Komponisten Brice Pauset und Mark Barden haben Klavieretüden geschrieben, die Grenzen austesten.

Das Konzert zum 61. Kompositionspreis der Stadt Stuttgart präsentiert die Werke der beiden Preisträger Yair Klartag und Ricardo Eizirik ergänzt durch eine Uraufführung von Ulrich Kreppein. Alle Kompositionen sind für Kammermusik-Ensembles verschiedener Zusammensetzung geschrieben (DUO2KW; AAA----AAA Gitarrenduo; Trio Vis-à-vis; Illegal, Nadav Lev, Gitarre; Mivos Quartet, Talea Enemble).

Der letzte Festivaltag beginnt mit einem Konzert des Mivos Quartet. Auf dem Programm stehen Uraufführungen von George Lewis und Genoël von Lilienstern. Inspiriert von der Landwirtschaft einer archaischen Gesellschaft ließ Lewis sein Quartett aus „Samen wachsen, die sich zu neuen „Sorten“ entwickelt haben „durch Bewegung von Registern, ...“ Genoël von Lilienstern hat sein Streichquartett im weitesten Sinn architektonisch entwickelt, auf der Suche nach einer neuen Einfachheit. Dem gegenüber steht Sam Plutas Komposition, die Notiertes und Improvisiertes kontrolliert aufeinanderprallen lässt.

Unter der Überschrift Brunch’n Talk gibt es am Sonntag in der Mittagszeit Gespräche mit Komponisten des Festivals und darin die interaktive Performance Your smartest choice der chinesischen Komponistin Huihui Cheng, die sie in Zusammenarbeit mit einem jungen Forscherteam am IRCAM in Paris entwickelt hat.

Fabien Lévy komponierte in Nun hab’ ich nichts mehr über das Akzeptieren von Tod und Schwäche. Alberto Posadas erinnert sich in Anklänge an R. Schumann an Klaviermusik vom Barock bis ins 20. Jahrhundert. Birke Bertelsmeier erzählt in Tic für Bass und Ensemble symbolisch maximal konzentrierte Lebensgeschichten, flankiert von Werken Beat Furrers und Matthias Krügers sowie einer mit Spannung erwarteten Uraufführung von Enno Poppe, die die zeitgenössische Vokalmusik mit bislang ungehörten Energien bereichern wird. (Neue Vocalsolisten; ascolta; Florian Hölscher, Klavier, Solisten).

Das Abschlusskonzert wird von dem neu formierten SWR Symphonieorchester in der Reihe SWR JetztMusik in ECLAT gespielt. Im Auftrag des SWR komponierten Richard Barrett, Johannes Schöllhorn und Klaus Ospald – jeder mit einem besonderen und überraschenden Anknüpfungspunkt. Der für komplexe Strukturen bekannte Barrett zeigt sich beeindruckt vom Tod David Bowies vor einem Jahr und knüpft an den Text von dessen Song „Sunday“ an. Über 100 Jahre alt ist die Quelle für Johannes Schöllhorns Stück: Die Expressions lyriques von Jules Massenet führen ihn in die Welt des Melodrams. Klaus Ospald komponiert über den „Abgrund der menschlichen Seele“, ausgehend von einem eindrücklichen sozialkritischen Gedicht des spanischen Lyrikers Miguel Hernández. Die Leitung hat Peter Rundel. Solisten sind Sarah Maria Sun, Sopran und Yukiko Sugawara, Klavier.