Bei den Ludwigsburger Schlossfestspielen machen Flüchtlinge mit. Foto: Anja Elz

Bei den Ludwigsburger Schlossfestspielen machen Flüchtlinge mit. Foto: Anja Elz

Die Oper der Sehnsucht

Die gestrandeten Figuren in Mozarts Idomeneo sind so aktuell, dass es nah lag, die Produktion auf die Flüchtlingsströme unserer Zeit zu beziehen. Die Ludwigsburger Schlossfestspiele gehen diesen mutigen Schritt.

Was hat Mozart mit den Bürgerkriegsflüchtlingen von heute zu tun? Viel mehr, als es auf den ersten Blick scheint. Krieg und Flucht sind in Mozarts Oper ebenso wie in unserer heutigen Zeit die bestimmenden Themen. Und so ist es nur folgerichtig, Mozarts Stoff an der Jetztzeit zu spiegeln und in den aktuellen Kontext der Flüchtlingskrise zu stellen. In Koproduktion mit Zuflucht Kultur e.V. bringen die Ludwigsburger Schlossfestspiele damit einen ganz besonderen »Idomeneo« auf die Bühne, der am Freitag, 8. Juli (Premiere) und am Samstag, 9. Juli 2016 im Forum am Schlosspark zu sehen sein wird.

Es ist die Oper der verlorenen Heimat, es ist die Oper der Sehnsucht. Das Szenario von Mozarts Meisterwerk könnte aktueller nicht sein: Idomeneo kehrt auf Irrwegen aus dem Trojanischen Krieg zurück. Er gerät in ein Unwetter auf See und bietet den Göttern für seine Rettung ein Opfer an: Er werde das erste Wesen töten, das ihm auf Kreta begegnet. Es ist der eigene Sohn, Idamante. Die Figuren sind allesamt Gestrandete: Ilia, die verschleppte trojanische Königstochter, Idamante, der vor dem Zorn der Götter fliehen muss, und schließlich Elettra, die nach dem Muttermord zu Idomeneo geflohen ist und sich dort hoffnungslos in Idamante verliebt hat.

Mit dem diesjährigen Thema »Passagen – Erzählungen« widmen sich die Ludwigsburger Schlossfestspiele u.a. der Begegnung verschiedener Kulturen. Aus diesem Grund hat sich das Festival entschlossen, den »Idomeneo« als Koproduzent in Ludwigsburg auf die Bühne zu bringen – und ihn zu einem ganz besonderen, internationalen Projekt zu machen.

Dafür konnte das international besetzte Orchester BandArt gewonnen werden, das unter der Leitung von Gordan Nikolic, dem ersten Solo-Violinisten und Konzertmeister des London Symphony Orchestra, spielt. Die Hauptrolle singt der gefeierte Tenor Maximilian Schmitt, dem die Zusammenarbeit mit Flüchtlingen ein besonderes Anliegen ist.

Verantwortlich für die Inszenierung sind der Regisseur Bernd Schmitt und die Bühnenbildnerin Birgit Angele. Ihr Konzept zielt darauf, die mitwirkenden Flüchtlinge als gleich- berechtigte Akteure zu zeigen, deren Partien ebenso wichtig sind wie die der Gesangssolisten. Sie werden in individuellen Monologen in die Handlung verwoben: Jeder Geflohene erzählt, singt, spielt anhand eines Gegenstandes aus seinem Heimatland seine eigene Geschichte, seine eigenen Erinnerungen.

Die Rolle des Arbace wird als Sprechrolle umgedeutet und von Mitgliedern des Flüchtlingschors »Zuflucht« übernommen, der Asylsuchende und Flüchtlinge aus Afghanistan, Iran, Irak, Kosovo, Mazedonien, Nigeria, Pakistan und Syrien vereint. Weitere Rollen werden ergänzt, darunter ein Oud-Spieler, der Idomeneos Rezitative auf dem arabischen Instrument begleitet. Durch die hierarchiefreie Internationalität innerhalb des Ensembles bleibt die Regie stets nah an der Lebensrealität von Geflohenen und spürt den vielfältigen Bezügen zum aktuellen Diskurs in Mozarts Oper nach.