Valery Gergiev. Bild: Andrea Huber

Valery Gergiev. Bild: Andrea Huber

Die Partitur geschlossen und alle Fragen offen

Was bedeutet das Finale von Schostakowitschs 5. Sinfonie? Die Freiheit der absoluten Musik bringt es mit sich, dass Interpreten und Hörern die sinngebende Rolle zufällt.

Die Wahrheit hat Zwischentöne. Die musikalische Wahrheit hat Noten. Valery Gergiev hat sich als genialer Dirigent mit seiner Interpretation von Schostakowitschs 5. Sinfonie mit den Münchner Philharmonikern in der Kölner Philharmonie auf die Position des absolut Musizierenden zurückgezogen. Losgelöst von bedeutungsreduzierenden oder suggestiv emotionalisierenden Zutaten war schon die Aufführung des Trauermarschs aus der Götterdämmerung. Die Nummer gibt ja auch, trotz der Empfindungstiefe, die darin lauert und die sich auch den Weg an die Klangoberfläche bahnt, musikalisch wenig Sinn, so nackt im Konzert.

Wolfgang Rihms Transitus III für volles Orchester im Anschluss wirkte wie eine verquollene Reminiszenz an Bergs Lulu, schöne Geigenlinien inklusive. Mehr als ein dauerwabernder indifferenter Klangbrei kam im Konzert jedoch nicht heraus. Die einzige interessante Frage blieb, ob das Dauerforte in der Partitur angelegt oder doch eher der Nachlässigkeit der Aufführung geschuldet war.

Nach der Pause dann Schostakowitschs Fünfte, auswendig dirigiert und wundervoll klangschön in Tutti und Soli (Horn!) ausmusiziert. Eine großartige Aufführung, deren Qualität sich auch darin äußerte, dass das Finale eben nicht mehr als Jubelorgie missverstanden werden konnte, als Schostakowitschs es selber so angelegt hat - im Bemühen, unter Stalin weiter aufgeführt werden zu können. Dass die Unart, unmittelbar nach dem letzten Akkord ein "Bravo" in den Saal zu plärren, alle im Nachhall ausschwingenden Gedanken zerplatzen ließ, sollte man vielleicht mal wie die Pyrotechnik im Stadion ahnden. Einer reicht, um vielen die Stimmung zu versauen. 

Was aber bedeutet dieses Finale, oder vielmehr, was bedeuten die letzten Takte, denn davor bohrt sich ja die ostinate Quinte mit dem Ton "a" ins Ohr und ins Herz, unmissverständlich unerlöst? Die Pauke haut dann mächtig rein und wir kriegen ein schales, kurzes "ungestörtes" D-Dur, das bei Gergiev allerdings denkbar wohlig klang. Der Quintfall als Kniefall? Nein, das kann man wohl ausschließen bei Schostakowitsch. Für ein mutiges Statement gegen Stalin taugt dieser Schluss aber auch nicht. Und so bleiben viele Fragen offen, wenn der Applaus aufbrandet. Aber war das nicht immer schon ein Erkennungszeichen für große Kunst?  J. Schmitz