Jacques Loussier. Foto: Yves Veron

Jacques Loussier. Foto: Yves Veron

Die Sinnlichkeit in den kalten Lüsten verswingt

Wie in der intensiven Versenkung in anderer Leuts Musik die eigene Kreativität erwachen kann: Jacques Loussier hat Bach geliebt. Und aus dieser Liebe ist ihm eine eigene musikalische Sprache erwachsen.

Im Jahr 1960, als es noch nicht üblich war, dass Feuilletons vom hohen Ross der Höchstkultur auf das kulturelle Fußvolk hinabblickten, außer in mitleidiger Verachtung, war es nicht leicht, sich abseits des Kanons Ansehen zu verschaffen. In jenem Jahr brachte Jacques Loussier seine Scheibe "Play Bach" heraus. Damit löste er natürlich eine Sakrileg-Diskussion aus, die so heute nicht mehr denkbar wäre.

Was der bei Yves Nat klassisch ausgebildete Pianist Loussier gemeinsam mit Pierre Michelot (Bass) und Christian Garros (Schlagzeug) zu Gehör brachte, animierte auch das FONO FORUM im März 1961 zu einem Editorial. "Johann Sebastian Bachs perfekte Arithmetik, die in diesen kalten Lüsten eingefangene Sinnlichkeit ist hier vermählt mit dem Swing, einem Drive, der jeden, der Musik liebt, gefangennehmen wird", wie Hans-Otto Spingel es damals formulierte.

Loussier hat etwas geschafft, das vor ihm meist nur Andeutung blieb: eine echte Verschmelzung von Klassik und Jazz; Goodmans "Mr. Bach goes to town" und "Vendome" des Modern Jazz Quartetts nennt Spingel als Vorläufer, die Versuche eines Strawinsky, Liebermann oder Henze hingegen als in dieser Hinsicht untaugliche Versuche.

Zum 80. Geburtstag Loussiers brachte das FONO FORUM in der Ausgabe 11/2014 eine Würdigung des Franzosen, in der auch auf das kompositorische Schaffen Loussiers hingewiesen wird, das neben der swingenden Beschäftigung mit Klassik von Bach über Chopin zu Debussy und Satie Werke wie die beiden Violinkonzerte umfasst, die u. a. von Zigeunermusik und indischen Klangwelten beeinflusst sind.

1997 hatte Loussier mit einer Verswingung von Vivaldis Vier Jahreszeiten noch einmal die barocke Grundierung seines Tuns in Anspruch genommen. Zu den vielen Ehrungen, die ihm zuteil wurden, zählt die German Jazz Trophy (2010). Allein die Play Bach Alben haben sich über die Jahrzehnte mehr als 7 Millionen mal verkauft. Play Bach - es ist dieser programmatische Titel, der von Loussier haften bleiben wird. Und damit sein großes Verdienst, auf die so wichtige Triebfeder der (nach-)schaffenden Kunst hinzuweisen: das Spielen. Warum also jetzt nicht zum Plattenschrank gehen und sich sagen: play Loussier.

In der Ausgabe 5/2019 bringt das FONO FORUM eine ausführliche Würdigung von Jacques Loussier.